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Zu viele Schulden nach Ski-WM: Gemeinderat in Seefeld löste sich auf

Von nachrichten.at/apa, 29. November 2023, 07:05 Uhr
Für Tirols LH Anton Mattle (ÖVP) hat sich Seefeld mit der WM "übernommen". Bild: ROLAND SCHLAGER (APA)

SEEFELD. Über der Tiroler Gemeinde Seefeld, in der im Jahr 2019 die Nordische Ski-WM ausgetragen worden war, schwebt ein Damoklesschwert.

Ein Bericht des Landesrechnungshofes (LRH) über die finanzielle Situation der Gemeinde, ihrer Tochterunternehmen sowie zur WM ergab: Neben neun Millionen Euro Finanzschulden haftet die Gemeinde noch für 36 von insgesamt 61 Millionen Euro an Verbindlichkeiten der "Töchter". Für Tirols LH Anton Mattle (ÖVP) hat sich Seefeld mit der WM "übernommen".

Die finanziellen Probleme führten in der Gemeinde auch zu politischen Turbulenzen. Am Dienstagabend hat sich laut "ZIB 2" der Seefelder Gemeinderat aufgelöst. Ein Amtsverwalter des Landes übernehme nun die Geschäfte. Der Bürgermeister der Gemeinde, Markus Wackerle (ÖVP), war im Oktober zurückgetreten, nachfolgen habe ihm niemand wollen. Neuwahlen soll es Anfang des kommenden Jahres geben.

Der Landesrechnungshof sah in Sachen WM keine nachvollziehbaren Kosten-und Finanzierungsziele. Auch mangelhaftes Controlling und eine nicht-realistische Projektplanung im Zuge der Sportgroßveranstaltung, die offenbar zu dem tiefen Finanzloch der an sich wohlhabenden Tourismusgemeinde nahe Innsbruck wesentlich beigetragen hatte, wurden in dem veröffentlichten Prüfbericht beanstandet, über den die "Tiroler Tageszeitung" und der ORF Tirol am Dienstag berichteten.

Relevante Unterlagen u.a. zur Bauabwicklung für die WM fehlen, sie wurden nicht gesichert und archiviert. Obwohl 2015 intern bereits von Sport-Infrastrukturkosten über 30 bis 35 Millionen die Rede gewesen sei, habe man 2016 im Stammvertrag für die Finanzierung nur 17,8 Millionen Euro festgelegt, zitierte die "TT" aus dem Prüfbericht. Abgerechnet wurde letztlich mit 31,2 Millionen Euro.

Anfangs habe Seefeld noch einen Investitionsbeitrag für die WM (Sportanlagen und Verkehrsinfrastruktur) von 4,5 Millionen Euro beschlossen, mittlerweile seien es 8,8 Millionen Euro. 2021 musste laut dem Bericht zur Ausfinanzierung der WM zudem ein Kredit über sieben Millionen Euro aufgenommen werden. In Summe könnten sich die Gesamtkosten auf 15,5 Millionen Euro erhöhen, führte der Landesrechnungshof aus.

Mattle: "Seefeld hat sich übernommen"

Die Gemeinde erklärte unterdessen in einer Stellungnahme zu den Kosten für die Errichtung der Infrastruktur, dass "aus der Abwicklung der Nordischen Ski-WM 2019 die Lehre gezogen wurde, dass derartige Großveranstaltungen mangels fachspezifischer Kenntnisse in sämtlichen Abwicklungsbereichen unvorhersehbare Risiken für die öffentliche Hand beinhalten." Daher sollte von Seiten der öffentlichen Hand "lediglich beratend und unterstützend aufgetreten werden", hieß es. Die Genehmigung der Haftungsübernahmen im Vorfeld der Nordischen Ski-WM 2019 seien übrigens auf mündlichen Förderzusagen auf politischer Ebene bzw. der Weisung des damals für Gemeindeangelegenheiten zuständigen Ex-ÖVP-Landesrates Johannes Tratter erfolgt.

Tirols Landeschef sowie Finanz- und Gemeindereferent Mattle hielt gegenüber der APA fest, dass hinter den Sportereignissen besonders durch die gastgebenden Gemeinden viel Einsatz stecke. Dennoch räumte er ein: "Seefeld hat sich in der Begeisterung und Euphorie über die Nordische Ski-WM und ob der Auflagen und Notwendigkeiten für ein solches Event übernommen." Es brauche künftig bei Großevents jedenfalls "ein begleitendes Controlling durch Bund, Land und Gemeinden". Nun werde wohl auch "der Umgang des Bundes mit der Gemeinde Seefeld und ihr Weg zurück zu einer ordentlichen Finanzgebarung von Bedeutung sein. Denn ohne Gastgeber und deren Bereitschaft wird es keine EM, WM oder sonstige Bewerbe mehr geben", meinte er.

Gemeindeführung sah Lösungsweg

Die WM, Seefeld und unangenehme finanzielle Konsequenzen waren indes schon länger mediales Thema. Das gesamte Jahr über stand die Rückzahlung von Fördergeldern in Höhe von acht Millionen Euro an den Bund im Raum. Der Tourismusverband (TVB) hatte in Form eines Darlehens drei Millionen Euro bezahlt. Weil der TVB seine Mittel nicht als Förderung gewährte, sah der Bund eine zweckwidrige Verwendung von Fördergeldern. Deshalb wurde um eine Rückzahlung gerungen.

Kürzlich schlug die Gemeindeführung - in Abstimmung mit der schwarz-roten Landesregierung sowie der Tourismusabteilung des Landes - einen Lösungsweg vor. Dieser wurde vom Bund aber bisher überwiegend abgelehnt. "In einigen Punkten" des übermittelten Lösungsvorschlages seien "Nachbesserungsnotwendigkeiten identifiziert" worden, hatte es gegenüber der APA im Oktober geheißen. Der Bund fordere eine Erfüllung der Fördervoraussetzungen, insbesondere die Leistung eines Zuschusses in der Höhe von 2,5 Millionen Euro seitens des Tourismusverbandes.

Landesrechnungshof sieht dringenden Handlungsbedarf

Der Landesrechnungshof sieht jedenfalls auch ob der generellen finanziellen Situation der Gemeinde offenbar dringenden Handlungsbedarf. Allein die Bankschulden der Beteiligungsunternehmen seien 2022 mit 55,3 Millionen Euro mehr als sechs Mal so hoch wie jene der Gemeinde gewesen. Die Prüfer drängten daher auf Sondertilgungen, um das Risiko für Seefeld und die Gesamtbelastung der Schuldendienstbeiträge zu reduzieren. Allein die Rückzahlungsverpflichtung für einen Schweizer-Franken-Kredit, der für die Sanierung des Sport- und Kongresszentrums aufgenommen worden war, sei trotz Tilgungen von 16,5 auf 17,5 Millionen Euro gestiegen, hieß es. Das Darlehen muss in den nächsten zehn Jahren zurückgezahlt werden.

Unterdessen nahmen am Dienstag auch die Tiroler Oppositionsparteien den Ball des Landesrechnungshofes auf und sparten nicht mit Kritik an der regierenden ÖVP. Liste Fritz-Klubobmann Markus Sint ortete "eine ÖVP-Viererbande des Schreckens" am Werk, die letztlich für das "Seefelder Millionen-Desaster" verantwortlich sei. "ÖVP-Bürgermeister Werner Frießer konnte nur so hasardieren und finanzielle Grenzen überschreiten, weil Ex-ÖVP-Landeshauptmann und Tourismuslandesrat Günther Platter, ÖVP-Sportlandesrat Josef Geisler und Ex-ÖVP-Gemeindelandesrat Hannes Tratter ihre schützende politische Hand drüber gehalten, aktiv mitgemacht und sogar Weisungen erteilt haben", meinte Sint in einer Aussendung. Das Seefelder Fiasko sei "nicht passiert, die ÖVP-Mächtigen haben es politisch in Kauf genommen. Sie haben Seefeld tief in den Schuldensumpf versinken lassen, die Zeche dafür zahlen die Bürger und der Steuerzahler." Die Öffentlichkeit müsse sich an den vier ÖVP-Granden schadlos halten können, verlangte der Klubobmann.

Nicht minder scharf die Kritik des grünen Klubobmannes und Landessprechers Gebi Mair, bis 2022 noch in einer Landeskoalition mit der ÖVP. Nach Matrei in Osttirol werde nun auch Seefeld von Ex-ÖVP-Landesrat Tratter "in die finanzielle Überforderung geschickt", so der Klubobmann. Die Haftungsfreigaben für Seefeld seien schließlich offenbar nur auf persönliche Weisung Tratters erfolgt. Mair begehrte nun "volle Transparenz." Und er nahm auch den für den Sport zuständigen Landeshauptmannstellvertreter Georg Dornauer (SPÖ) ins Visier: "Dornauer hat seine Versprechen zur nachträglichen Lösung der Finanzmisere bis heute auch nicht erfüllen können."

Auch NEOS-Landessprecher und Klubobmann Dominik Oberhofer wollte das Land nicht aus der Verantwortung lassen. Für das nunmehr Bekanntgewordene sei "nicht nur ein euphorisch naiver Umgang auf Gemeindeebene mit den bevorstehenden finanziellen Herausforderungen verantwortlich, sondern vor allem die komplett fehlende Kontrolle von Seiten des Landes. Das war grob fahrlässig". Oberhofer sah insbesondere Tratter in der Ziehung: "Egal ob MCI-Neubau, GemNova- Pleite, Matrei in Osttirol oder jetzt Seefeld - die finanziellen Debakel, für die er verantwortlich war, ziehen sich wie ein roter Faden durch seine politische Karriere."

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18  Kommentare
18  Kommentare
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espresso.perdue (683 Kommentare)
am 29.11.2023 20:06

Sollten die Schulden auf den Steuerzahler (= Bund) abgewälzt werden, dann werde ich Anzeige wegen Amtsmissbrauch und Untreue gegen jeden einzelnen Gemeinderat erstatten.

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sarkast (479 Kommentare)
am 29.11.2023 17:22

a geh, ich dachte es hieß damals es finanziert sich eh alles von selber und alle profitieren davon. Mit alle waren wohl nur die Verantwortlichen gemeint...

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Coolman12 (237 Kommentare)
am 29.11.2023 12:54

Seefeld ist so wunderschön, hoffentlich bekommen sie die Kurve und hoffentlich werden endlich einmal die Verantwortlichen dafür verurteilt
Egal ob noch im Amt oder nicht,

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meisteral (11.440 Kommentare)
am 29.11.2023 10:39

Die neue Art von Verantwortungsübernahme: ein Projekt läuft komplett aus dem Ruder und der Gemeinderat tritt schwupps zurück, alles erledigt alles ist wieder gut!

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RonaldWeinberger (154 Kommentare)
am 29.11.2023 09:27

Ich wohne etwa 10 (Auto)Minuten von dieser im Sommer überaus hübschen (da z. B. reichlich blumengeschmückten) und landschaftlich bevorzugt gelegenen Ortschaft entfernt - und bin etwas schockiert, wie sehr es die Verantwortlichen an der nötigen Vorsicht und Expertise haben mangeln lassen.

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enoch (556 Kommentare)
am 29.11.2023 08:57

dass "aus der Abwicklung der Nordischen Ski-WM 2019 die Lehre gezogen wurde, dass derartige Großveranstaltungen mangels fachspezifischer Kenntnisse in sämtlichen Abwicklungsbereichen unvorhersehbare Risiken für die öffentliche Hand beinhalten."

Den Rat hätten sie von mir auch kostenlos und VOR der WM haben können....

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hochhausermanfred (142 Kommentare)
am 29.11.2023 08:52

wo bleibt da die berühmte Tiroler Ehre ? Das kann wohl ein jeder, zuerst Schulden machen und wenn der Wind rauher wird, Verantwortung übernehmen und statt an der Lösung mitzuwirken - ZURÜCKTRETEN ! NOCH EHRLOSER GEHT ES WOHL NICHT
Seltsam ist nur, daß es gerade immer die selbsternannte Wirtschaftspartei ÖVP mit drahtigen Skandalen betrifft !

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azways (5.772 Kommentare)
am 29.11.2023 11:32

Es gibt keine "berühmte Tiroler Ehre".

Tirol ist immer und überall Weltmeister beim Abzocken - sonst gar nichts !

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azways (5.772 Kommentare)
am 29.11.2023 08:30

Logische Konsequenz wäre:

Jegliches (finanzielles) Verbot für Unterstützungen von Sportveranstaltungen und Sponsoring durch die Öffentliche Hand und Unternehmen, an denen die Öffentliche Hand zu mehr als 25% beteiligt ist.

Den ganzen Profisportwahnsinn brauchen genau die Menschen, die ihn finanzieren müssen, ganz genau gar nicht.
Reine Geldverschwendung und Caesarenwahn !!!!!!

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servusgruessdich (63 Kommentare)
am 29.11.2023 09:32

..und wenn das auch noch für die Kultur angewendet werden soll - na dann gute Nacht. Ohne Unterstützung von Bund/Land/Gemeinden und/oder Betrieben die ganz oder teilweise in Besitz der öffentlichen Hand gäbe es weder die meisten Sport- noch Kulturevents. Hier darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten - die Seefeld wurde einfach größenwahnsinnig, unseriös und teilweise dilitantisch gearbeitet - und seitens des Landes weggeschaut - das gehört sicher aufgearbeitet. Aber deswegen kann man nicht sämtliche Sport- und Kulturförderungen einstellen, das würde uns gesellschaftlich in die Steinzeit zurückwerfen.

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LASimon (10.889 Kommentare)
am 29.11.2023 10:47

Dann gibt es halt Sportveranstaltungen grossen Stils nur mehr in Katar, Saudi-Arabien, Russland und ähnlich menschenfreundlichen Staaten.

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azways (5.772 Kommentare)
am 29.11.2023 11:30

Immer noch besser, als wenn verantwortungslose Politiker:innen unser Steuergeld verschwenden !!!!

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2020Hallo (4.235 Kommentare)
am 29.11.2023 08:24

Hauptsache a WM war dort - WER blecht nun den Schaden??? 🙈🙈🙈👎

Hoffentlich die VERURSACHER und diejenigen die den Gewinn machten!

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betterthantherest (33.384 Kommentare)
am 29.11.2023 08:17

die Politik verunmöglicht zukünftige sportliche Großereignisse in Österreich.
Auch diesmal: danke ÖVP - die Wirtschaftskompetenzpartei.

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Duc (1.546 Kommentare)
am 29.11.2023 07:53

Alles wurscht der Steuerzahler springt ein für jeden Scheiss den ein Politiker macht ein. Der Politiker wenn er Charakter hat tritt zurück und alles ist in Ordnung.

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lucky890 (2.074 Kommentare)
am 29.11.2023 07:40

So schaut sie aus, die gelebte politische Verantwortung. Millionen verschleudern, wer weiß wohin, anderen die Schuld zuschieben und wenn es gar nicht mehr geht, zurück treten und das Leben ohne Konsequenzen weiterhin genießen. Bis zum nächsten Amterl…
Die Politikverdrossenheit der Österreicher ist nicht verständlich.

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watchmylips (1.004 Kommentare)
am 29.11.2023 07:14

Da gibts nur eines: großräumige Umwidmungen.

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kpader (11.506 Kommentare)
am 29.11.2023 07:13

Das ist ja regelrecht stümperhaft. Persönliche Haftung der Hobbypolitiker, dann hört sich so ein Großdenken schon auf. Frechheit!

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