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Chronik

Er ist der zweihundertste Nachfahre von „Ötzi“

Von Alfons Krieglsteiner   18. Oktober 2013 00:05 Uhr

Er ist der zweihundertste Nachfahre von „Ötzi“

INNSBRUCK / SOLOTHURN. Der Schweizer Simon Gerber (56) hat viel mit Ötzi, dem „Mann aus dem Eis“, gemeinsam, von der gemeinsamen Laktose-Unverträglicheit bis zur Vorliebe für Getreide. Kein Wunder, denn eine Erbgut-Analyse ergab: Ötzi ist sein Vorfahre. Die OÖN haben mir Simon Gerber gesprochen.

Vor 10.000 Jahren kamen die ersten Ackerbauern aus Kleinasien nach Europa. Sie waren in Familienclans organisiert. Eines dieser Clan-Mitglieder hat sein Erbgut über das Y-Chromosom weitergegeben. Genetiker konnten es in der 5200 Jahre alten Gletschermumie „Ötzi“ nachweisen. Schätzungsweise 200 Generationen vor Ötzi lebte sein Ur-Ur-Ur-Ahne. Ötzi wiederum trennen weitere 200 Generationen von Simon Gerber (56): Vor drei Monaten hat der bei Solothurn (Nordwestschweiz) lebende Organisationsentwickler seine DNA vom Institut „iGenea“ analysieren lassen. Ergebnis: Er ist einer von 22 Schweizern, die mit „Ötzi“ väterlicherseits verwandt sind. Auch zwei Österreicher sind bei iGenea namentlich als Ötzi-Nachfahren bekannt: Sepp Wimmer aus Mittersill (Salzburg) und ein Bergretter.

Wie berichtet, wurden vergangene Woche am Institut für Gerichtsmedizin in Innsbruck 19 Ötzi-Verwandte aus Tirol nachgewiesen – in einer Stichprobe von 3700 Personen. Weil die Proben anonym genommen wurden, wissen sie nichts von ihrem Ötzi-Glück. Simon Gerber schon. Wie er damit umgeht, verrät er im OÖN-Gespräch.

OÖNachrichten: Wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass man mit „Ötzi“ verwandt ist?

Simon Gerber: Zuerst musste ich schon schmunzeln. Aber dann habe ich es unheimlich spannend gefunden. Jeder möchte ja wissen, woher er kommt, und wenn das dann auch noch wissenschaftlich dokumentiert ist, kann man gar nicht anders: Instinktiv sucht man nach Ähnlichkeiten.

Was haben Sie denn Ötzi-Artiges an sich entdeckt?

Erstens, dass wir jeweils zwei Beine haben, die bis zum Boden reichen. Scherz beiseite: Ich habe gelesen, dass Ötzi sehr schlechte Zähne hatte. Das hab’ ich wohl von ihm geerbt, wenn ich dran denke, wie viele Zähne bei mir schon repariert worden sind. Ötzi litt an einer Laktose-Unverträglichkeit, genau wie ich. Wir haben dieselbe Blutgruppe, und mit ihm teile ich auch die Vorliebe für Getreide. Am liebsten esse ich Hafer, den baue ich auf meinem kleinen Bio-Hof auf 800 Metern an.

Die letzte Mahlzeit des Ötzi war ein Stück vom Steinbock. Können Sie da auch schwach werden?

Und ob! Ich hab’ Verwandte im Kanton Graubünden, passionierte Jäger. Wenn ich bei denen zu Gast bin und es gibt Steinbockbraten, ist das für mich ein Hochgenuss.

Sie haben vor drei Jahren das Studium an der Alpen-Adria-Universität in Wien abgeschlossen. Wie haben Sie sich mit Ihrem „Steinzeit-Erbgut“ in so einer Metropole zurechtgefunden?

Das ist auch etwas Eigenartiges! Wenn ich daheim im Wald unterwegs bin, zum Holzholen, verlaufe ich mich nie. Mich in Wien zu orientieren, ist mir hingegen immer extrem schwer gefallen.

Und Ötzis Lederkluft – wäre das was für Sie zum Anziehen?

Warum nicht? Schließlich gibt es auch in dieser Hinsicht eine überraschende Parallele: Väterlicherseits stamme ich von Bauern aus dem Emmental ab, die waren besonders geschickt darin, sich aus Tierhaut selber ihr Leder herzustellen.

Wären Sie gerne Ötzis Zeitgenosse gewesen?

Ich fühle mich im Jetzt ganz wohl. Aber trotz Auto und Telefon: So, wie ich auf meinem Bauernhof lebe, bin ich nahe dran am einfachen Leben, wie man es in der Jungsteinzeit geführt hat. Ich empfinde Hochachtung für diese Menschen, die sich mit ihren eigenen Händen am Leben erhalten konnten. Ihre Behausungen haben sie selber aus Lehm gebaut, die Dachschindeln selber aus Holz gefertigt. In meiner Familie finden sich Vorfahren, die das auch noch gekonnt haben. Oft packt mich eine rätselhafte Sehnsucht nach der Vergangenheit, vor allem beim Hören alter Musik.

Glauben Sie, dass die Menschen der Ötzi-Zeit glücklicher waren?

Wenn ich mir vorstelle, wie Ötzi auf seinen Wanderungen ruhig von Etappe zu Etappe voranschritt, wie fit er körperlich gewesen sein muss, um die schweren Steine mitzuschleppen, alles ohne technische Hilfsmittel – da würde ich fast sagen: Ja! Sind wir denn heute so glücklich? Wenn ich im Zug unterwegs bin, versuche ich oft, in den Gesichtern der Mitreisenden zu lesen. Viele wirken gehetzt und gestresst.

Sie sind selbstständiger Organisationsentwickler. Was ist Ihre Aufgabe?

Ich unterstütze Unternehmen und Gemeinden in ihrem Bemühen, ihre Organisation menschlicher zu machen. Menschlicher heißt, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, selbst Verantwortung zu tragen und ihre Talente zu entfalten.

Wo können Sie „abschalten“?

Bei Wanderungen auf den Kalksteinplateaus in meiner Heimat, die vor 170 Millionen Jahren vom Meer bedeckt waren. Ist schon eine seltsame Vorstellung, einstigen Meeresgrund unter den Füßen zu haben. Was für ungeheure Zeiträume doch hinter uns liegen! Verglichen damit ist die Jungsteinzeit nur einen „Steinwurf“ entfernt.

Werden Sie Ötzi im Archäologiemuseum in Bozen besuchen?

Ich werde mit meiner Frau und unseren elf Jahre alten Zwillingen möglichst bald hinfahren. Und ihm sagen: Grüezi, da bin ich! Wie zu einem alten Familienmitglied.

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