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Eine Lawine an Fehlern

Von Gabriel Egger, 05. Jänner 2019, 00:04 Uhr
Eine Lawine an Fehlern
Die Trisselwand, zwischen Grundlsee und Altausseer See, beherrscht die Landschaft. Ein Berg für den Winter ist sie allerdings nicht. Bild: Wikipedia

Sieben Alpinisten brechen im Ausseerland zu einer Tour auf, die sie niemals hätten antreten dürfen. 58 Bergretter folgen.

"Es war an der Grenze des Vertretbaren", wird Markus Raich später in seinem emotionalen Einsatzbericht schreiben. Viereinhalb Stunden nachdem der Einsatzleiter der Bergrettung Ausseerland den letzten Schritt durch hüfthohen Schnee gewatet war. Und mehr als zwölf Stunden nachdem sieben Alpinisten vom Ostufer des Altauseer Sees zu einer Tour aufgebrochen waren, die sie niemals hätten antreten dürfen.

Grundlsee, am 30. Dezember 2018. Dort, wo sich Fotomotive aneinanderreihen, ist die Sicht auf das steirische Salzkammergut getrübt. Kein Glitzern des Altausseer Sees, keine Farbenspiele auf den schroffen Kalkwänden des Losers. Nur der Wind hat seine Schneeskulpturen gebaut. Eine Warnung der Natur.

Es ist kurz vor 10 Uhr, als sieben Alpinisten aus Tschechien auch die zweite Warnung in den aufkommenden Sturm schlagen. Diesmal kommt sie aus dem Mund von Einheimischen. "Schaut’s doch rauf. Das wird nichts. Heute ist das viel zu gefährlich", sagen sie, als die Bergsteiger vom Gasthof Trisselwand aus zum gleichnamigen Berg aufsteigen wollen. Doch da war der Silvesterabend im Winterraum des Albert-Appel-Hauses schon lange geplant.

Eine Lawine an Fehlern
Die Bergretter müssen den Weg freigraben, bevor sie ihn begehen können. 40 Zentimeter Neuschnee fallen während des Einsatzes. Bild: Bergrettung

Die Bergretter müssen den Weg freigraben, bevor sie ihn begehen können. 40 Zentimeter Neuschnee fallen während des Einsatzes.

 

Es herrscht erhebliche Lawinengefahr, Stufe drei auf der fünfteiligen Skala, als sie mit Schneeschuhen eine Spur anlegen. Wände und Gipfel haben sich unter einer dicken Haube versteckt, die sie heute nicht mehr absetzen werden.

Den Weg, der sich zuerst steil und teilweise ausgesetzt auf die 1755 Meter hohe Trisselwand und später über ein weitläufiges Hochplateau zur Schutzhütte zieht, kennt nur einer von ihnen. Vom Sommer. Vier Stunden benötigt man dann dafür. Doch von den rot-weiß-roten Markierungen ist schon lange nichts mehr zu sehen. Weiß, wohin das Auge reicht.

"Ich wusste, es wird heikel"

Nur etwas mehr als 700 Höhenmeter haben die Bergsteiger geschafft, als sie um 14 Uhr das Riebeisen, eine in Stein gehauene abschüssige Querung, passieren. Noch geht alles gut. Doch die Zeit ist so weit fortgeschritten, dass ein Durchkommen bis zur sicheren Schutzhütte bereits unmöglich scheint: Niemand der sieben Bergsteiger trägt eine Stirnlampe bei sich.

In 1600 Meter Seehöhe queren zwei der Alpinisten einen Hang, in dem sich durch den starken Wind eingewehter Triebschnee abgelagert hat. Die Belastung ist zu groß. Der Hang rutscht ab – und reißt eine 33-Jährige mit in die Tiefe. Nur ein Baum verhindert den Fall über die Trisselwand. Als sie am Stamm aufschlägt, ist sie von der Schneebrettlawine bereits 70 Meter mitgerissen worden. Wäre sie verschüttet worden, es hätte ihr wohl niemand helfen können. Nur zwei der sieben Bergsteiger führen zum Unfallzeitpunkt eine Lawinenausrüstung mit sich.

Der Notruf, den die Bergsteiger absetzen, erreicht die Polizeileitstelle in Graz. Von dort aus wird er an Markus Raich weitergeleitet. Der traut zuerst Augen und Ohren nicht – und leitet dann einen Gebietsalarm ein. "Als ich die Koordinaten ihres Standorts gesehen habe, wusste ich, dass es extrem heikel wird", sagt der Einsatzleiter. Auf die Trisselwand mit Schneeschuhen? "Das macht normal keiner."

Eine Lawine an Fehlern
Eine Lawine verletzt eine 33-jährige Alpinistin schwer. Um kurz nach 19 Uhr kann sie im Tal dem Roten Kreuz übergeben werden. Bild: Bergrettung

Eine Lawine verletzt eine 33-jährige Alpinistin schwer. Um kurz nach 19 Uhr kann sie im Tal dem Roten Kreuz übergeben werden.

 

Keine Chance für Hubschrauber

58 Bergretter, neun Alpinpolizisten und vier Mann der steirischen Lawinenhundestaffel rücken aus. "Bundesheer und Polizei haben noch alles versucht, um eine Hubschrauberrettung einzuleiten", sagt Raich. Doch vergeblich. Die Rotoren haben gegen den starken Wind keine Chance. "Also sind wir teils mit Skiern und teils zu Fuß aufgestiegen. Es waren keine Spuren mehr zu sehen. Allein während unseres Einsatzes sind 40 Zentimeter Neuschnee gefallen." Trotzdem erreichen die Bergretter bereits nach 90 Minuten die Unfallstelle. Die verletzte 33-Jährige wird zurück auf den Weg abgeseilt und in mühevoller Spurarbeit ins Tal gebracht. Um 19.15 Uhr wird sie mit schweren Bein-, Becken- und Rippenverletzungen dem Roten Kreuz übergeben und ins Krankenhaus nach Bad Aussee gebracht. Ihre sechs Begleiter verbringen die Nacht im Jugend- und Familienhotel Altaussee. Geschockt, aber unverletzt.

19.45 Uhr, Einsatzende. Zeit zum Durchschnaufen für Markus Raich und seine 57 Kollegen. Es war ein Gewaltakt. Einer, der nicht hätte sein müssen. Eigentlich einer, der nicht hätte sein dürfen. "Ich bin da, um Menschen zu retten, nicht um sie zu verurteilen.Wir können es nur alle nicht verstehen. Nichts sprach für diese Tour", sagt Raich.

Ob die tschechische Gruppe für die Kosten des Rettungseinsatzes aufkommen muss, ist für den Einsatzleiter irrelevant: "Es geht viel mehr darum, dass sich Bergsportler besser vorbereiten und aus dieser Geschichte lernen." Es sei eine, die sich nie wiederholen dürfe.

 

Lawinenwarnstufen

Stufe 1: gering
Schneedecke ist gut verfestigt und stabil.

Stufe 2: mäßig
Verzicht auf extrem steile Hänge mit mehr als 39 Grad.

Stufe 3: erheblich
Lawinenauslösung bei geringer Zusatzbelastung möglich. Erfahrung in der Beurteilung notwendig!

Stufe 4: groß
Sehr ungünstige Verhältnisse. Spontane, große Lawinen möglich.

Stufe 5: sehr groß
Verzicht auf jegliche Touren.

 

Tipps von der Bergrettung

 

„Naturerlebnisse lassen sich im alpinen Bereich nicht einfach konsumieren. Das muss unsere Gesellschaft nun einmal akzeptieren“, sagt Andreas Steininger. Der Landesausbildungsleiter der Bergrettung Steiermark hat den Lawineneinsatz auf der Trisselwand zum Anlass genommen, um Bergsteigern einmal mehr hilfreiche Tipps zu geben.

Vorbereitung: Wintersportarten bedingen einige überlebenswichtige Vorgaben. Tourengeher müssen sich sowohl mit dem Wetter- als auch mit dem Lawinenlagebericht beschäftigen. Zusätzlich sollten immer vor Ort Informationen über die Verhältnisse eingeholt werden.

Ausrüstung: Es ist wichtig, die entsprechende Lawinenausrüstung mitzuführen. Tourengeher müssen aber auch wissen, wie man mit Schaufel, Sonde und Pieps umgeht. Wir empfehlen jedem eine fundierte Ausbildung bei einem Bergführer oder den alpinen Vereinen.

Entscheidungen: Um winterliche Bergtouren als schönes Naturerlebnis zu empfinden, müssen Entscheidungen auch während der Tour immer wieder überdacht und neu getroffen werden. Gegebenenfalls muss auch einmal umgekehrt oder ein alternatives Tourenziel gewählt werden. Denn lieber einmal ein wenig feig, als für immer tot.

Versicherung: Es ist ein gut gemeinter Ratschlag, sich einfach zu versichern. Das entbindet Tourengeher aber nicht von ihren Pflichten. Gegen Erfrierungen oder Lawinen hilft die beste Versicherung nichts.

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23  Kommentare
23  Kommentare
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Harbachoed-Kater (4.915 Kommentare)
am 05.01.2019 10:37

"Es war an der Grenze des Vertretbaren",

ich glaube, es war nicht vertretbar angesichts der Summe der Schwachpunkte.

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Auskenner (5.366 Kommentare)
am 05.01.2019 23:11

Ich glaube, er meint den Einsatz für sich und seine Leute.

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christl99 (1.155 Kommentare)
am 05.01.2019 10:05

Abgesehen von der unpackbaren Dummheit und Ignoranz der tschechischen Touristen ...

Sehr schön geschriebener Artikel, Herr Egger, ist leider schon selten in dem Tageszeitungen.

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christl99 (1.155 Kommentare)
am 05.01.2019 10:30

den Tageszeitungen natürlich

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Harbachoed-Kater (4.915 Kommentare)
am 05.01.2019 10:39

so als Dummheit und Ignoranz bei uns nicht vorkommen würden. Ein Beispiel ist dein Posting.

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Bergretter (2.326 Kommentare)
am 05.01.2019 09:02

Diese tschechischen Pseudobergsteiger sind im Sommer und im Winter eine Zumutung auf unseren Bergen. Dauernd müssen unsere Bergretter wegen solcher Idioten ausrücken, die keine Ahnung von den Gefahren haben und glauben sich über alle Warnungen hinwegsetzen zu können. Eine ordentliche Watschn für jeden wäre hier wohl angebracht gewesen (damit ihnen ein bisserl warm wird).

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a_nungsvoll (1.242 Kommentare)
am 05.01.2019 09:29

Sie meine Bergrettungsdienste sollen Körperverletzungen begehen?
Das wäre nämlich die von Ihnen geforderte „ordentliche Watschn“ potentiell.
Glücklicherweise sind unsere richtigen Bergretter deutlich professioneller.
Man könnte durchaus auch sagen, sie sind nicht so primitiv.

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Harbachoed-Kater (4.915 Kommentare)
am 05.01.2019 10:41

aber nein, vor Erfrierungen retten, mit Schnee einreiben.

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StefanieSuper (5.202 Kommentare)
am 05.01.2019 08:58

Leichtsinn und Selbstüberschätzung hat schon immer viel Schaden angerichtet. Sei es auf der Autobahn oder eben auch im Sport. Besonnenheit ist aber nicht für alle cool. Und das "Immerbesserwissen" ist bei vielen sehr ausgeprägt. Was wissen denn die Einheimischen, die dort leben und die Natur gut einschätzen können, wir sind doch Spitzensportler und können das alles selber. Das kann man auch am Attersee beobachten, wo man alles tut, um die irrwitzigen Tauchgänge, die oft tödlich enden zu verhindern. Nützt nur bei einem bestimmten Adrenalinspiegel einfach nicht.
Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen.
Geld wird nicht viel helfen, da ja die Betroffenen gar nicht daran denken, dass ihnen etwas passieren kann. Wo sie doch so toll sind.
Wer über die Autobahn düst jenseits von gut und böse, denkt auch nicht daran, dass er die Herrschaft über sein Auto verlieren könnte.

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koepher (186 Kommentare)
am 05.01.2019 08:56

Vollidioten

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hepusepp (6.259 Kommentare)
am 05.01.2019 07:35

Dummheit muß teuer sein! In der Schweiz müßen alle die Geretteten den Einsatz bezahlen, und zwar vor der Ausreise aus dem Land! Nur Österreich ist so Dumm, und verrechnet kaum die tatsächlichen Einsatzkosten! Es ist höchst an der zeit, dies zu ändern, und nicht in eine kann Bestimmung, sondern in eine muß Bestimmung!!

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( Kommentare)
am 05.01.2019 09:54

ist es nicht so, dass man in Österreich auch die Bergekosten zahlen muss, sofern man nicht eine Versicherung (AV-Mitgliedschaft, ÖAMTC Schutzbrief, etc.) hat? Soweit ich weiß, werden Einsätze vom Polizeihubschrauber nicht verrechnet. In diesem Fall wäre aus meiner Sicht die Verrechnung solcher Kosten auch sinnvoll. Die gesetzlichen Regelungen zur Verrechnung von Polizeieinsätzen kenne ich jedoch nicht.

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Gelesen (734 Kommentare)
am 05.01.2019 01:36

Rechnung an die Geretteten. Am Besten bei Grenzübetritt eine Versicherung vorweisen. Ach ich vergaß, EU offene Grenzen. Danke aber Danke nein.

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meisteral (11.958 Kommentare)
am 05.01.2019 06:59

Und sie glauben allen Ernstes, dass man Leichtsinn mit einer Grenzkontrolle abstellen kann?
Erst 20 Postings, aber dieses Statement gewinnt den Wochenpreis für schwachsinnige Politologie.

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woiknail (817 Kommentare)
am 05.01.2019 08:03

Das ist wirklich eines der dümmsten Postings, die ich seit langem gelesen habe.
Ich hoffe, es ist der späten Urzeit geschuldet, sonst melde dich bitte schnell wieder ab hier.

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woiknail (817 Kommentare)
am 05.01.2019 08:03

Posting gehört zu Gelesen.

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betterthantherest (34.434 Kommentare)
am 05.01.2019 00:16

Tschechen. Aha. Wieder einmal.

Unglaublich dieser Leichtsinn.

Andere müssen dann ihr Leben aufs Spiel setzen. Auch die Retter haben Familien.

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il-capone (10.448 Kommentare)
am 05.01.2019 06:39

Müssen nicht, es sind Freiwillige ...

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( Kommentare)
am 05.01.2019 09:57

da könnte man drüber diskutieren...
ist es so, dass ein Bergretter einen Einsatz wie diesen verweigern "darf"?

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926493 (3.101 Kommentare)
am 05.01.2019 11:41

Der Hubschrauber ist nicht geflogen, weil es nicht möglich war.
So gibt es auch bei Menschen Leistungsgrenzen.

Niemand muss, was er nicht kann.

Zumindest bei der Bergrettung, ich bin übrigens immer noch zahlendes Mitglied, obwohl ich nach vielen Berg- und Klettertouren ein Schönwetterspaziergeher geworden bin.

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il-capone (10.448 Kommentare)
am 06.01.2019 07:16

Ich bin da ebenfalls ein Sponserer.
Aber dabei sein möcht ich nicht, weil ich die Vielzahl an Vollkasko-Touristen nicht vor mir haben will ...

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Auskenner (5.366 Kommentare)
am 05.01.2019 23:17

Ich bin nicht bei der Bergrettung, aber bei einer anderen Einsatzorganisation freiwilliges Mitglied.

Niemand muss in einen Einsatz gehen, den er sich nicht zutraut. Im Gegenteil - Eigenschutz geht immer vor!

Es wird eh keiner sagen, "Mich freut's nicht". Aber es ist richtig und wichtig zu sagen, "Da geht's nicht mehr, beim besten Willen nicht!".

Hochachtung vor dem, was die Bergretter da geleistet haben! Wenn der eine schon sagt, "das war grenzwertig", dann war es mit Sicherheit übermenschlich.
Und mehr kann man nicht tun. Wenn die Lawinenwarnstufe jetzt vielleicht 5 gewesen wäre, dann wären wahrscheinlich auch die Bergretter nicht mehr rauf gegangen, und keiner hätte etwas dagegen sagen können!

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Harbachoed-Kater (4.915 Kommentare)
am 05.01.2019 10:38

was willst jemandem von Freiwilligen erzählen, der die Caritas verteufelt?

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