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Oberösterreich

Bedrohte Ärztin tot aufgefunden: Kein Fremdverschulden

Von nachrichten.at   29. Juli 2022 20:26 Uhr

BEDROHTE ?RZTIN AUS OBER?STERREICH TOT IN IHRER ORDINATION GEFUNDEN: GEDENKEN VOR DEM GESUNDHEITSMINISTERIUM
Kerzen vor dem Gesundheitsministerium in Wien

SEEWALCHEN AM ATTERSEE. Jene Ärztin, die in den vergangenen Monaten Morddrohungen von Impfgegnern erhalten hatte, wurde Freitagmorgen tot in ihrer Praxis aufgefunden.

Freitagmorgen wurde die Allgemeinmedizinerin Lisa-Maria K. tot in ihrer Praxis aufgefunden, wie die Staatsanwaltschaft Wels den OÖNachrichten bestätigte. Es seien Abschiedsbriefe gefunden worden, zu deren Inhalt man nichts sagen wollte. Fremdverschulden werde ausgeschlossen, eine Obduktion sei nicht angeordnet worden.

Ende Juni hatte die Ärztin ihre Praxis in Seewalchen am Attersee "bis auf Weiteres geschlossen". Mitte Juli gab sie bekannt, nicht wieder öffnen zu wollen. "Solche Arbeitsbedingungen, wie wir sie die vergangenen Monate erlebt haben, sind niemandem zuzumuten", schrieb sie als Begründung auf ihrer Homepage. Sie hatte nach eigenen Angaben "sieben Monate lang" in unregelmäßigen Abständen per Mail Morddrohungen von Impfgegnern erhalten- und diese auch veröffentlicht. 

Polizei ermittelt gegen unbekannte Täter

Die Staatsanwaltschaft Wels hatte im Juni das Ermittlungsverfahren gegen einen Verdächtigen eingestellt. Eine deutsche Hacker-Aktivistin will aber nach eigenen Angaben einen Mann ausfindig gemacht haben, der die Droh-E-Mails verfasst haben soll. Man werde bei der zuständigen deutschen Behörde Anzeige erstatten und ihr die Namen der Verdächtigen übermitteln, hatte Christoph Weber, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wels Anfang Juli gesagt.

In Österreich ermittelt die Polizei weiter gegen unbekannte Täter, weil davon auszugehen sei, dass die Vorwürfe mehrere Personen betreffen, wie es seitens der Ermittler heißt. An diesen Ermittlungen ändere auch der Tod der Frau nichts, man warte nach wie vor auf den Abschlussbericht der Polizei, so eine Staatsanwaltschaftssprecherin.

Nachricht schlägt hohe Wellen

Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne), dessen Rücktritt die Ärztin vor zwei Tagen noch gefordert hatte, reagierte bestürzt auf die Nachricht vom Tod der Ärztin: Sie habe "ihr Leben der Gesundheit und dem Wohlergehen anderer gewidmet. Morddrohungen gegen sie und ihre Mitarbeitenden waren brutale Realität. Hass gegen Menschen ist unentschuldbar. Dieser Hass muss endlich aufhören", schrieb er auf Twitter. Am Freitagnachmittag haben sich Trauernde vor dem Gesundheitsministerium in Wien versammelt, um der verstorbenen Ärztin zu gedenken.

Am Abend äußerte sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen via Twitter. "Beenden wir dieses Einschüchtern und Angst machen. Hass und Intoleranz haben in unserem Österreich keinen Platz", so der Appell des Staatsoberhauptes. 

Gesundheitslandesrätin LH-Stv. Christine Haberlander (ÖVP) bekundete in einer Aussendung nicht nur ihr Beileid, sondern forderte auch rasche Schritte, "denn Hass, Intoleranz und Gewalt sind nie die Antwort, sondern stets die hässliche Seite der Gesellschaft. In einem vereinten Europa sollte auch eine Strafverfolgung für Delikte dieser Art grenzüberschreitend möglich sein. Vielmehr noch, sie müssen möglich sein".

Auch der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SP) bekundete sein Beileid und twitterte: „Ihr Tod zeigt uns, dass wir Hass und Intoleranz in unserer Gesellschaft keinen Raum geben dürfen.“ Tief betroffen zeigte sich auch SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner, selbst Medizinerin, auf Twitter: "Sie vertrat einfach ihren ärztlichen Standpunkt u. wurde Opfer von Hass. ÄrztInnen, wie sie es war, brauchen Schutz u. Unterstützung."

"Zutiefst schockiert" zeigt sich die Österreichische Ärztekammer von der Nachricht des Ablebens der Kollegin. Dieses tragische Ereignis würde in erschreckender Weise zeigen, welche Folgen Hass im Netz haben können, so Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart in einer Aussendung. Schon seit Längerem sei das medizinische Personal in Spitälern und Ordinationen einer stetig steigenden Gewalt ausgesetzt. Der aktuelle tragische Fall zeige einmal mehr die Notwendigkeit von Unterstützung für die im Gesundheitswesen Tätigen, sowohl was den direkten Schutz betrifft als auch Angebote von Supervision und Krisenbewältigung im Falle von Bedrohungen. "Unsere Gedanken sind jetzt bei den Angehörigen und Freunden der Kollegin, denen ich namens der österreichischen Ärzteschaft meine tief empfundene Anteilnahme ausspreche", so Steinhart.

Die Journalistin Ingrid Brodnig twitterte neben Beileidswünschen: "Auch die Exekutive soll das eigene Handeln oder Nicht-Handeln in diesem Fall aufklären müssen." Die Polizei war im Zuge der Ermittlungen in die Kritik geraten, zu wenig getan zu haben. Ein Sprecher der Landespolizeidirektion Oberösterreich wies dies gegenüber der APA zurück: Man sei seit November in ständigem Austausch mit der Ärztin gewesen und habe versucht ihr Schutz zu bieten. Man habe "alles getan, was möglich ist", sowohl was Sicherheit als auch was die Ermittlungen betreffe. Letztere seien noch im Laufen, bestätigte er.

"Menschliche Tragödie"

Peter Niedermoser, Präsident der oberösterreichischen Ärztekammer, zeigte sich tief erschüttert. "Diese menschliche Tragödie ist auch ein unglaubliches Beispiel, wie weit unkontrollierter Hass im Netz gehen kann", so Niedermoser. Für alle Betroffenen habe die Ärztekammer ein spezielles Hilfspaket geschnürt. Mit der verstorbenen Ärztin habe man erst vergangene Woche einen „Hilfsplan“ für den Fortbestand ihrer Ordination besprochen und dafür einen Rechtsanwalt beauftragt. Auch an der Ärztekammer hatte es Kritik wegen mangelnder Unterstützung der Betroffenen gegeben.

Mehrere Mahnwachen wurden für Montag angemeldet, darunter eine am Stephansplatz in Wien und eine am Linzer Taubenmarkt, beide beginnen um 20 Uhr.

Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Hier finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich. Infos für Jugendliche gibt es unter www.bittelebe.at

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