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Oberösterreich

Experten sehen Esoterik als Gefahr: "Die Religion des 21. Jahrhunderts"

Von Herbert Schorn   03. März 2015 00:05 Uhr

Experten sehen Esoterik als Gefahr: "Die Religion des 21. Jahrhunderts"
Esoterik: Nur scheinbar attraktive Lösungen in Krisenzeiten.

LINZ/WIEN. Von der Channeling-Botschaft aus dem Jenseits bis zum Engelsspray aus der Flasche: Mit neuen, aggressiven Marketingmethoden schwappt die Esoterikwelle nach Österreich.

Experte Johannes Fischler schätzt, dass diese Branche in Deutschland jährlich 20 bis 25 Milliarden Euro Umsatz macht: "In Österreich rechnet man mit einem Zehntel davon, vielleicht mehr."

Während früher die Gurus ihre Anhänger um sich scharten, um sie dann auszubeuten, seien nun die Methoden weitaus raffinierter. "Es gibt fast immer einen stufenweisen Weg, der zum Licht oder zur Erleuchtung führt", sagt Fischler, der zu diesem Thema das Buch "New Cage – Esoterik 2.0" schrieb. Via Abonnement bucht man kostspielige Fernlehrgänge im Internet, bevor man selbst zur Lichtperson oder zum Heiler wird. Dieser werbe dann neue Schüler an. Daher sei mittlerweile an jeder Hausecke ein Meister zu finden: "Es ist eine spirituelle Epidemie ausgebrochen." Fischler spricht von einer "Invasion der Meister": "Sie verbreiten sich nach dem Schneeballsystem."

"Inbegriff von Konsumzwang"

Als weitere Veränderung in der esoterischen Marketing-Maschinerie sieht Fischler den Umgang mit Konsum: "Früher waren diese Strömungen ein Gegenmodell zum Kapitalismus und zur Modernisierung. Heute sind sie der Inbegriff von Konsumzwang." Denn das wiederholte Bestellen von Produkten im Webshop verschafft eine Art Teilhabe an einem Kult: "Man investiert sich immer tiefer ins esoterische Phantasma und generiert hieraus einen unbändigen Glauben. Angesichts der eigenen freiwilligen Geldopferung bestätigen sich die Involvierten so selbst ihre spirituelle Entschlossenheit!" Das gehe so weit, dass die Höhe des Betrages den spirituellen Reifegrad spiegle: "Je mehr Geld jemand opfert, umso höher ist er wohl auf der spirituellen Karriereleiter emporgeschritten." Er warnt: "Esoterik avanciert zur Religion des 21. Jahrhunderts."

Abhängigkeit als Gefahr

Warum geraten so viele Menschen in die Fänge der Esoterik? German Müller, Leiter der Bundesstelle für Sektenfragen, nennt zwei Gründe: "Für Menschen in schwierigen Lebenslagen kann es sein, dass die Esoterik scheinbar attraktive Lösungen bietet." Er sieht aber auch eine gesellschaftliche Ebene: "Viele Sicherheiten des täglichen Lebens werden heute in Frage gestellt. Dabei entsteht eine unübersichtliche Vielfalt an Erklärungsmodellen. Das fördert die Entstehung und Verbreitung esoterischer Angebote."

Als Gefahr sieht Müller, dass Menschen in Abhängigkeiten geraten oder den Bezug zur Realität verlieren. So könne es etwa gefährlich werden, wenn Patienten dringend benötigte Medikamente zugunsten esoterischer Heilsversprechungen absetzen. Vielen esoterischen Strömungen ist laut Müller gemeinsam, dass subjektive Erfahrungen und Intuition zentral seien: "Den Verstand muss man dabei oft ausschalten."

Interview mit Johannes Fischler am Samstag im "Wochenende"

 

Daten und Fakten

27,3 Krankenstandsfälle wegen psychischer Erkrankungen gab es 2013 auf 1000 Erwerbstätige. Ein Blick in die Statistik zeigt, wie sehr die potenzielle Zielgruppe für Esoterik in den vergangenen Jahren wuchs: 2007 gab es  20,7 Krankenstandsfälle auf 1000 Erwerbstätige, 1990 waren es 11,4.

4000 Energetiker sind bei der oberösterreichischen Wirtschaftskammer gemeldet. Sie sind dort die drittgrößte Fachgruppe. Deren Geschäftsführer Bernhard Eckmayr legt Wert auf die Abgrenzung zur Esoterik: „Es dürfen nur anerkannte Methoden ausgeführt werden. Fast alle Mitglieder haben eine Ausbildung.“

80 Prozent der Energetiker sind Frauen, die meisten machen diese Arbeit als Nebenjob. Pro Jahr steigt ihre Zahl um zehn Prozent. „Das liegt im Zeitgeist“, sagt Bernhard Eckmayr von der Fachgruppe. „Die Menschen sind auf der Suche nach Orientierung und ergänzenden Anwendungen zur Schulmedizin.“ Energetiker machen zum Beispiel Klangmassagen, Bachblütentherapien, Magnetfeldanwendungen oder Kinesiologie.

 

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