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Müßiggang ist aller Urlaub Anfang

Von Klaus Buttinger   08. Juli 2017 00:04 Uhr

Zur Ehrenrettung des Müßiggangs
Müßiggang kann, muss aber nicht Nichtstun bedeuten. Vielmehr geht es um absichtsloses Ausleben vergnüglicher Tätigkeiten.

Sich im Urlaub zu entspannen, fällt den Österreichern immer schwerer. Das Handy stört beim Chillen, die To-see-Liste beim Faulenzen, der Selbstoptimierungswahn beim Müßiggang. Muss das sein?, fragt sich Klaus Buttinger

  • Sich im Urlaub zu entspannen, fällt den Österreichern immer schwerer. Das Handy stört beim Chillen, die To-see-Liste beim Faulenzen, der Selbstoptimierungswahn beim Müßiggang. Muss das sein?, fragt sich Klaus Buttinger.

Wie steht es um den Müßiggang?

Doris (38), selbständige Grafikerin, freut sich auf ihren Sommerurlaub schon lange. Viele Aufträge hat sie noch schnell erledigt, die zwei Wochen mühsam freigehalten. Zwei Tag vor Abflug schneit ein lukrativer Job herein. Sie nimmt ihn zähneknirschend an und wird ihren Laptop mitnehmen nach Kreta und dort ein, zwei Tage arbeiten.

Doris ist nicht allein. Immer mehr Österreicher schalten im Urlaub nicht mehr richtig ab. Fast jeder Zweite liest im Urlaub berufliche Mails, SMS oder WhatsApp-Nachrichten. Die meisten davon beantworten sie auch noch. Ein neues Phänomen? Mitnichten.

"Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite", bemerkte schon Friedrich Nietzsche anno 1882. "Der Hang zur Freude nennt sich bereits ,Bedürfnis der Erholung’ und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. ,Man ist es seiner Gesundheit schuldig’ – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird."

Müßiggang und schlechtes Gewissen gehen schon seit mehreren hundert Jahren Hand in Hand. Landläufig wurde der Müßiggang mit der Faulheit und der Trägheit (Acedia) verwurstet und als Todsünde von den Kirchenkanzeln gehängt. Protestantischer Arbeitsethos und calvinistische Heilsversprechen durch Fleiß würzten das Gemenge, aus dem der französische Frühsozialist Charles Fourier (1772–1837) schließlich das unausgegorene "Recht auf Arbeit" zusammenpanschte.

Marcus Tullius Cicero
"Nichts tun ist angenehm.“ Marcus Tullius Cicero, römischer Staatsmann, Redner und Philosoph (106 - 43 v. Chr.)

Dabei gilt es zu unterscheiden. Erholung, Faulheit und Müßiggang sind drei höchst unterschiedliche Kategorien. Erstere dient der Wiederherstellung nach Anstrengung. Faulheit ist tatenlose Ermattung, Müßiggang hingegen entspanntes und von Pflichten befreites Aufsuchen der Muße. "Dem Müßiggang liegt eine definitive Entscheidung zugrunde: Man ist bereit, das Nichtstun auszukosten, auszubeuten, auf absichtslose Weise aktiv zu sein", schreibt der deutsche Schriftsteller Siegfried Lenz (1926– 2014).

Bei dieser "Deutschstunde" hat Clemens S. (41) gefehlt. Das Angenehme im Absichtslosen torpediert der Nachwuchsmanager, indem er sein Firmenhandy in den Urlaub mitnimmt. Er bleibt erreichbar, so wie nahezu 80 Prozent der Österreicher. Wobei eine Studie von meinungsraum.at herausgefunden haben will, dass das Vorbild von Erreichbarkeit unter den Mitarbeitern Schule macht. Ist der Chef erreichbar, sind es 86 Prozent der Mitarbeiter auch, ist der Chef im Urlaub nicht erreichbar, sind es nur 63 Prozent der Mitarbeiter. Gesund ist das nicht. Die Digitalisierung des Urlaubsverhaltens führt eher zu Stress als zur Entspannung, sagen Experten.

Sören Kierkegaard
"An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“ Sören Kierkegaard, dänischer Schriftsteller, Philosoph und Theologe (1813 - 1855)

Müßiggang war lange Zeit ein Privileg der oberen Schichten und durchaus verknüpft mit künstlerischer und kultureller Beschäftigung. Folgt man der Argumentation des Philosophen, Logikers und Literaturnobelpreisträgers Bertrand Russell (1872–1970), hätten sich Müßiggang und schöne Künste längst für alle Schichten öffnen können. Unter dem Eindruck der veränderten Arbeitswelt während des Zweiten Weltkriegs schrieb Russell: "Beim Stand der modernen Technik wäre es möglich, allen Menschen Freizeit und Muße gleichmäßig zuzuteilen, ohne Nachteil für die Zivilisation." Die Moral eines Sklavenstaates habe sich nur deshalb erhalten können, "weil die bourgeoise Gesinnung es stets als unerträglich empfunden hat, auch den Unbemittelten Freizeit und Muße zu gewähren".

In Zeiten, da ein Zwölf-Stunden-Arbeitstag wieder zur Normalität zu werden droht, steht Muße nicht an erster Stelle gesellschaftlicher Entwürfe. Vor Augen halten muss man sich aber, dass bereits die Gewerbeordnungsnovelle von 1859 den Arbeitstag im Kaiserreich mit elf Stunden beschränkte. Russell hielt einen vierstündigen Arbeitstag für völlig ausreichend. Dann werde "es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung", schreibt er in seinem Essay "Lob des Müßiggangs".

Große Augenblicke der Faulheit

"Relaxen, faulenzen, sich um nichts kümmern zu müssen", diese Urlaubsmotive unterschreibt nicht einmal mehr jeder zweite Österreicher. Auf Sport im Urlaub schwört dagegen bereits ein Drittel, auf dass die Selbstoptimierung in Sachen Fitness nur ja nicht leide. Jeder vierte Urlauber plant, Besichtigungen, sprich Kultur, zu erledigen. Eine Minderheit. Ob damit jene Kultur geboren werden kann, die dem Müßiggang entspringt?

Friedrich Schlegel
"In der Tat, man sollte das Studium des Müßiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden!“ Friedrich Schlegel, deutscher Schriftsteller und Philosoph (1772 - 1829) der Frühromantik, im Roman „Lucinde“ aus 1799

Lenz konstatierte pessimistisch: "Weil die Arbeitswut eine weitgehend internationale Erscheinung ist und ohne Rücksicht auf politische Systeme besteht, darum ist eine Verteidigung des Müßiggangs heutzutage bereits ein müßiges Unterfangen." Der zerstreuungssüchtige Konsument werde bei allem verbissenen Fleiß nie in der Lage sein, Kultur hervorzubringen, da ihm das sublime Nichtstun unbekannt sei. Kultur aber entstehe immer nur im produktiven Müßiggang, in großen Augenblicken schöpferischer Faulheit.

Positiver blickte einst der Pazifist und Freidenker Russell in die Zukunft: "Wir haben die Möglichkeit, die der technologische Fortschritt bietet, bisher noch nicht gemeinschaftsfördernd zu nutzen gewusst." Das sei töricht gewesen. Es gebe jedoch keinen Grund, damit fortzufahren und töricht für immer zu sein.

 

Das Bedürfnis nach Müßiggang hat ein jeder – ganz bestimmt

Interview mit Hertha Mayr

Über die richtige Entspannung im Urlaub plauderten die OÖN mit Hertha Mayr, Primaria des Departments für Psychosomatik am Neuromed-Campus des Kepler Universitätsklinikums.

OÖN: Täuscht es, oder tun sich die Leute immer schwerer, sich im Urlaub zu entspannen?

Hertha Mayr: Ich glaube, das trifft zu. Das Urlaubsverhalten veränderte sich in den letzten Jahren. Ein Aspekt dabei sind die technischen Möglichkeiten. Man bleibt über Handy und Laptop mit der Firma verbunden und schaltet nicht ganz ab.

Das funkt der Entspannung dazwischen?

Ja. Es ist wichtig, dass wir uns auf die freien Zeiten einstellen können, dann können wir sie am besten nützen. Das wissen wir aus Berufen, in denen man einspringen muss, in denen man in der Freizeit angerufen wird, um zum Beispiel einen Nachtdienst zu übernehmen. Das verursacht großen Stress. Besser ist, wenn Arbeitszeit und Freizeit gut planbar sind.

Primaria Hertha Mayr

Dient ein Sport- oder Erlebnisurlaub der Entspannung und Erholung mehr als Faulenzen?

Es gibt viele Arten, den Urlaub zu verbringen. Wichtig ist, Entscheidungen zu treffen: Was mache ich, und was mache ich nicht. Das ist schwierig, weil es im Urlaub um das Weniger geht. Die Verführung ist groß, dass man den Urlaub mit Aktivitäten vollstopft.

Sollte Faulheit im Urlaub eingeplant werden?

Ja, wenn Sie mit Faulheit unstrukturierte Zeiten meinen. Zeiten, in denen ich mir nichts vornehme, in denen das Leben dahinplätschert und ich einfach nur schauen kann, was mich gustert, was ich machen möchte, solche Zeiten sind sehr wichtig. Sie sind das Gegenprinzip zum normalen Leben, wo man sehr zielorientiert agiert. Für unsere Gesundheit brauchen wir mehr Seinszustände, in denen man nichts vorhat, sondern im Hier und Jetzt ist.

Müßiggang also?

Ja. Wichtig ist, dass man mit diesem Müßiggang nichts erreichen will. Man sollte sich darauf einlassen, eine absichtslose Zeit zu verbringen. Einfach schauen, was passiert. Das heißt nicht nichts tun. Müßiggang kann ein Spaziergang sein, oder man liest ein Buch, aus dem einzigen Grund, dass einen das gerade freut.
Wie lange müsste der Müßigkeitsanteil in einem zweiwöchigen Urlaub idealerweise dauern?
Es wäre gut, gäbe es jeden Urlaubstag ein paar Stunden, um sich treiben zu lassen. Denn in diesen Zeiten kann etwas auftauchen, das in unserer Zielorientiertheit unterdrückt im Unterbewusstsein bleibt: Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Gedanken, Interessen. Es kann in diesen Phasen etwas aufkommen.

Ist ein gewisser Anteil von Müßiggang im Leben also gesund für Geist und Körper?

Das kann ich unterschreiben.

Müsste man sich hin und wieder zum Müßiggang zwingen?

Lassen Sie es mich so sagen: Wir versuchen, unsere Freizeit meistens sinnvoll zu verbringen. Wir ernähren uns gesund, machen Sport, bringen die Kinder zum Musikunterricht. Wir verbringen sehr viel Zeit mit dem, von dem wir glauben, es sei richtig. Es wäre aber notwendig, so viel Selbstvertrauen zu haben, dass die eigenen Bedürfnisse auch wichtig sein dürfen. Dass es Zeiten gibt, in denen ich draufkommen kann, was ich denn eigentlich selbst will.

Lässt sich Müßiggang erlernen?

Ja, ich glaube schon. Aber für viele ist es kein attraktives Ziel, weil sie vielen anderen Sachen hinterherjagen.

Und das macht uns krank, oder?

Ja, so paradox es klingt: Wenn ich die ganze Freizeit damit verbringe, richtige Sachen zu machen, kann ich dabei krank werden, weil ich kaum einmal bei mir bin und schaue, was für mich wichtig ist.

Manche haben ja richtiggehend ein schlechtes Gewissen, wenn sie einmal faulenzen oder müßiggängerisch ein Buch lesen …

… und nicht herum- und wegfahren. Aber es gibt auch Menschen, die müssen die ganze Zeit in Bewegung sein, sonst halten sie das Leben nicht aus, wie sie sagen.

Ein Krankheitssymptom?

Ich glaube, dass man zumindest unzufrieden wird, wenn man systematisch seine Bedürfnisse ignoriert.

Und das Bedürfnis nach Müßiggang hat ein jeder?

Ganz bestimmt.

 

 

König der Faulheit

Georg Büchner
Georg Büchner

In Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ (1836), welches das zeitgenössische Bedürfnis nach Heldenhaftigkeit persifliert, sagt der treue, aber arbeitsscheue Diener Valerio zu seinem melancholischen Prinzen Leonce vom Königreich Popo: „Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßigzugehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele schändet meine Hände, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken, ich bin noch Jungfrau in der Arbeit, und wenn es mir nicht der Mühe zu viel wäre, würde ich mir die Mühe nehmen, Ihnen diese Verdienste weitläufiger auseinanderzusetzen.“

 

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