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Das Buffet der Zeit geht über vor lauter Handlungsoptionen

Von Klaus Buttinger   25. März 2017 00:04 Uhr

Das Buffet der Zeit geht über vor lauter Handlungsoptionen
Den amüsantesten Kampf mit der Zeit legte Stummfilmstar Harold Lloyd im Streifen „Ausgerechnet Wolkenkratzer“ („Safety Last!“) hin: 1923 – zwölf Stockwerke über den Straßen von Los Angeles.

Anlässlich der Umstellung auf Sommerzeit ein Gespräch mit dem österreichischen Zeitforscher und Temposophen Franz J. Schweiger.

  • Anlässlich der Umstellung auf Sommerzeit ein Gespräch mit dem österreichischen Zeitforscher und Temposophen Franz J. Schweiger.

 

Tragen Sie eine Armbanduhr?

Franz Schweifer: Ja. Paradoxerweise habe ich früher Armbanduhren geradezu manisch gesammelt. Ich liebe und hüte sie nach wie vor, trage sie aber in letzter Zeit immer seltener.

Ich frage das, weil die Eminenz der Zeitforscher, Karlheinz Geißler, meint, wir seien Untertanen der Uhr geworden. Sehen Sie das auch so?

Durchaus. Mehr denn je huldigen wir der Uhr, dem Tempo und der Geschwindigkeit. Das hat verschiedene Ursachen: Tempo erzeugt vordergründig eine besondere Art von Lust, die wir nicht missen möchten, gleichzeitig taucht die Last der Selbstbeschleunigung auf. Dann, wenn es Brüche gibt im Leben, bemerkt man erst, wie schnell man unterwegs war, und man fragt sich, nach dem Sinn des schnellen Unterwegsseins.

Wer oder was verführt dazu, keine Zeit zu haben?

Diverse Temporisierungsprothesen, nicht zuletzt Smartphone und Co. Aber grundsätzlich gilt: Nicht die Zeit ist zu kurz, sondern unsere Bedürfnisliste ist zu lang. Wir wollen zu viel. Und das sofort.

Hat die Zeit zwei Gesichter? Warum läuft sie uns manchmal davon, ein anderes Mal müssen wir sie totschlagen …

Nicht uns läuft die Zeit davon, sondern wir ihr. Ich vergleiche unser Dilemma mit einem riesigen Buffet mit unglaublich vielen Handlungsoptionen. Allein, wenn ich mir die Möglichkeiten ansehe, die Smartphones bieten! Wir können noch so schnell sein, noch so viel tun, es wird niemals die Zeit reichen, alles zu erledigen. Was das Zeittotschlagen betrifft, hören wir vom Verein zur Verzögerung der Zeit immer wieder von Menschen, die Ruhe, Stille suchen. Wenn sie dann da ist, ist sie nur schwer auszuhalten.

Bietet das Buffet der Zeit nicht auch die Muße, für die man sich ja bewusst entscheiden könnte?

Richtig. Aber ich erinnere an einen wissenschaftlichen Versuch, für den Probanden für 15 Minuten in einen leeren Raum gesperrt wurden mit der Aufgabenstellung, zu tun, was sie wollten. In dem Raum befand sich nichts außer einem Elektroschocker. Kaum jemand hielt die paar Minuten Nichtstun aus. Die meisten gaben sich selbst Stöße mit dem Elektroschocker. Man schloss daraus: Lieber tun wir etwas Unangenehmes, als dass wir nichts tun.

Was hält uns davon ab, das Nichts zu genießen?

Stille ist oft das Einfallstor für Unangenehmes. Wenn wir ruhig werden, gehen uns Gedanken durch den Kopf, oft auch Sorgen. Dagegen machen wir etwas, wir vertreiben uns die Zeit, denn – wie Zeitforscher Geißler gesagt hat: "Arbeiten ist leichter als leben."

Ist es nicht erstaunlich, dass immer mehr Maschinen unsere Arbeit machen, und wir trotzdem immer weniger Zeit haben. Woran liegt das?

Gefahr und Chance liegen auch hier knapp beieinander. Auf der einen Seite hat uns die Technik viel abgenommen, andererseits sind wir bewusst und unbewusst in die Bescheunigungsspirale hineingekommen. Dazu kommt die Vergleichzeitigung von Dingen, die früher kaum da war. Was uns wieder zum Dilemma vor dem Buffet der Möglichkeiten führt. Wir könnten z. B. über die Handytechnik potenziell etliche Dinge gleichzeitig machen, schaffen es aber nicht, obwohl wir uns doppelt beeilen.

Was halten Sie von einem 12-Stunden-Arbeitstag, der derzeit unter dem Stichwort Flexibilität verkauft werden soll? Wären nicht vier, fünf Stunden genug?

Das kommt sehr darauf an, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten, welchen Beruf sie ausüben und unter welchen Umständen sie leben. Für gewisse Menschen kann es sinnvoll sein, die Möglichkeit zu haben, intensiver an einem Stück zu arbeiten, andere müssten davor geschützt werden, weil sie es nicht aushalten würden.

Was wäre dann der vernünftigste Zugang? Nur wer mag, soll länger arbeiten dürfen?

Ich habe da auch kein Patentrezept. Mir kommt vor, dass der Mensch manchmal vor sich selbst geschützt werden muss. Flexibilisierung erscheint oft nur auf den ersten Blick verführerisch oder logisch. Aber dann, wenn man in seinem Zeitregime beliebig hin- und hergeschoben wird, ist es für die Menschen nicht mehr lustig; selbst, wenn man das in einer gewissen Lebensphase reizvoll findet. Früher oder später möchte sich jeder Mensch verlassen können auf ein gewisses Quantum an Zeit für die Arbeit und ein Quantum an Zeit für die Ruhe.

Die Schlafdauer der Menschen nimmt ab; seit dem 19. Jahrhundert um zwei Stunden, seit den Siebzigern um 30 Minuten. Und die Schrittgeschwindigkeit ist um gut 10 Prozent gestiegen. Wo führt das hin?

Zum Dauerlauf. Nein, Spaß beiseite. Vielleicht müssen wir uns noch mehr beschleunigen, um das Extrem in seiner belastenden Ausformung zu erkennen. In der Folge könnte eine ausreichende Anzahl von Menschen aufstehen und bewussten Widerstand gegen diese "Zuvielisation" betreiben, weil sie erkennt, dass zu viel Substanzielles auf der Strecke bleibt.

Müssen wir erst in das gesellschaftliche Burn-out schlittern, bevor wir zur Muße kommen?

Durchaus. Denn der Mensch ist so gebaut, dass er zwei Hebel braucht, um Veränderung zu induzieren. Der positive Hebel ist die Lust, die Begeisterung. Der zweite Hebel ist die Last, die Belastung, das Leid. Kurz: Menschliche Krisen führen in letzter Konsequenz immer wieder zu positiven Konsequenzen – gerade oft, wenn es den Umgang mit Zeit betrifft. Deshalb bin ich durchaus zuversichtlich.

Wenn wir noch einmal auf das Buffet der Möglichkeiten schauen, wäre da nicht bewusster Verzicht ein Thema, angesichts der Überfülle?

Wir werden darum nicht herumkommen, uns eine Reduktionskompetenz anzueignen, eine selektive Ignoranz. Es ist unmöglich, alles zu schaffen, was uns angeboten wird, selbst bei noch so großer Eile. Am Ende des Tages haben wir oft das Gefühl der Leere, obwohl wir wahnsinnig viel getan haben. Wir sollten stattdessen Monotasking üben.

Was darf man sich darunter vorstellen?

Zum Beispiel eine Minute nichts anderes zu tun als nur ein- und ausatmen, wie die alten Zen-Meister. Das gelingt kaum. Permanent haben wir Gedankengang, weil wir uns das Multitasking so sehr zur Gewohnheit gemacht haben. Aber, um die Qualität der Zeit zu erhöhen, ist es unumgänglich, ganz bei uns selbst zu sein. So können wir es schaffen, beispielsweise in einem Gespräch ganz beim Gegenüber zu sein und ihm Aufmerksamkeit spüren zu lassen.

Wie verzögern Sie persönlich die Zeit?

Indem ich versuche, in den Alltag Rituale einzubauen. Zum Beispiel tut es mir immens gut, mental Müll zu entsorgen, bevor ich einschlafe. Ich gehe kurz im Kopf durch, was mir heute über die Leber gelaufen ist, worüber ich mich geärgert habe. Das versuche ich aus mir hinauszuatmen, geistig hinunterzuspülen. Anschließend nehme ich mich mir bewusst ein, zwei Kleinigkeiten mental herein, die mir gutgetan haben. Mit den guten Momenten versuche ich einzuschlafen.

Was halten Sie von der Zeitumstellung?

Ich stehe dem sehr gelassen gegenüber. Ich denke, die positiven wie die negativen Aspekte dürften sich die Waage halten. Es gibt wahrlich essenziellere Dinge, um die wir uns kümmern sollten.

"Ach du liebe Zeit" und "Tempo all’ arrabbiata" lauten die Titel der jüngsten Bücher von Franz J. Schweifer. Beide sind im Verlag Dr. Kovac erschienen.

„Ständiges Tempo ist zum Selbstzweck geworden. Doch wir brauchen auch Zeit zum Herunterfahren, zum Nachdenken und Neudenken.“ Solcherart plädiert der Zeitforscher und Temposoph Franz J. Schweifer aus Mödling bei Wien für mehr Muße. In seiner Agentur „Managementoase“ berät er, im „Verein zur Verzögerung der Zeit“ (Uni Klagenfurt), wirkt der Sachbuchautor und FH-Lektor als stellvertretender Vorsitzender.

Sommerzeitstart

Sommerzeitstart

Umstellung passiert morgen Nacht um 2 Uhr früh.

Am Sonntag, 26. März, werden die Funkuhrzeiger um zwei Uhr auf drei Uhr springen. Belohnung für den „Zeitdiebstahl“: eine Extrastunde Abendsonne.

Dennoch wird die Kritik an der Umstellung lauter. Für Kinder, Ältere und Tier sei die Umstellung eine unnötige Belastung, die ohnehin nichts bringe, meint Schlafforscherin Brigitte Holzinger. Ihr Kollege Bernd Saletu hält dagegen: „Die Menschen sind anpassungsfähig“, der „Mini-Jetlag“ könne innerhalb eines Tages weggesteckt werden.

Ganz so locker sieht man das beim Österreichischen Seniorenbund nicht. Ein derartiger Eingriff in die innere Uhr gehe an niemandem spurlos vorbei, meint Vorsitzende Ingrid Korosec. Die Kosten für die Zeitumstellung würden sich in gesundheitlichen Störungen niederschlagen. Dies summiere sich für Europas Wirtschaft auf bis zu 150 Milliarden Euro. Korosek fordert ein „sofortiges Umdenken“.

Eingeführt wurde die Sommerzeit in Österreich 1979. Zuvor gab es während der Weltkriege zwei nicht nachhaltige Versuche damit.

„Schlendern ist Luxus“

Warum wir den Fuß vom Gaspedal nehmen sollten.

„Schlendern ist Luxus“, singt der deutsche Kabarettist Helge Schneider. Ja, assistiert Ethikprofessor Gustav Bergmann von der Universität Siegen, „die Muße ist aller Lösung Anfang“. Der wahre Wohlständige sei der Zeithaber. „Dennoch wird uns Schnelligkeit und Effizienz als Allheilmittel verkauft. Das Gegeneinander, die permanente Konkurrenz soll Wohlstand erzeugen. Es dient aber lediglich der Befeuerung der Kapitalakkumulation“, schreibt Bergmann. Er fordert angesichts von Hunger- und Klimakrise: „Wir in den Wohlstandsländern müssen den Fuß vom Gaspedal nehmen!“

In der Automation sieht Bergmann eine Möglichkeit zur Freiheit: „Die Produktivität könnten wir nutzen, weniger zu arbeiten. Er propagiert statt der „alten Arbeitskultur“ eine Verkürzung des Arbeitstages und ein bedingungsloses Grundeinkommen mit dem Ziel einer „freien, selbstbestimmten Arbeit eines Homo aestheticus“.

Was fehle, seien nicht Fleiß und Betriebsamkeit, sondern „eine Rückkehr zum Miteinander, zur Liebe und Leidenschaft.“ Die Ökonomisierung sei in viel zu viele Bereiche vorgedrungen. „Die Ökonomie sollte der Gesellschaft und Demokratie dienen“, so Bergmann.

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... ist im Internationalen Einheitensystem seit 1967 so definiert: Das 9.192.631.770-Fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids Cäsium 133 entsprechenden Strahlung. Danke, alles klar!

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