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"Man darf sich nicht grausen"

Iris Rubin und ihre preisgekrönte Zebraspringspinne Bild: NHM

"Man darf sich nicht grausen"

Wo Kadaver, Gestank und Knochen Alltag sind, besetzt Iris Rubin eine Nische. Bernhard Lichtenberger hat die ausgezeichnete Modellbauerin in der Präparation des Naturhistorischen Museums in Wien besucht.

Von Bernhard Lichtenberger, 17. März 2018 - 00:04 Uhr

Immer der Nase nach! Das wäre als Antwort gut denkbar, fragte der Besucher in dem weitläufigen Gebäude nach dem Weg zur Zoologischen Präparation. Die Abteilung ist nämlich nicht gerade dafür bekannt, geruchsarm zu sein. Sehr wohl aber für ihren skurrilen Humor. Über der Absaugung in der Werkstatt breitet ein Fischreiher seine Schwingen aus, an einer Wand klebt eine Vogelspinne, an der anderen ein kleiner Gecko. Vom Kasten grüßt das bayerische Fabelwesen namens Wolpertinger. An der Schwelle zur Küche knotzt ein verstaubter Rattler bewegungslos in seinem Hundekörbchen. Wer die Kastltüren zu den Kaffeehäferln öffnet, greift auf prächtige Nacktschnecken.

Zwei Monate Kleinstarbeit

Letztere sind ein Abbild der Natur, von Iris Rubin aus Epoxidharz geschaffen und bemalt. Seit 2007 ist die 43-Jährige im Naturhistorischen Museum als Modellbauerin angestellt. Als solche hat sie unlängst in Salzburg bei der Europameisterschaft der Tierpräparatoren in ihrer Kategorie einen ersten Preis errungen. Zwei Monate lang hat sie an ihrem ausgezeichneten Stück, einer Zebraspringspinne, gearbeitet.

Im echten Spinnenleben misst das hüpfende Insekt mit acht Augen lediglich sechs Millimeter. Rubins Nachbildung bringt es auf stattliche 28 Zentimeter, was dem Betrachter erst Details offenbart. Diese hat ihre Schöpferin selbst erst unter dem Binokular entdeckt: wie die Gelenke des achtbeinigen Weibchens funktionieren, wo sich Falten zeigen, dass es neben borstigen Haaren auch Schuppen hat. Schnell wurde klar, dass die Behaarung des Kunstharz-Modells eine haarige Angelegenheit wird.

Borsten vom Nabelschwein

Für die Schuppen bediente sich Rubin bei den Federn eines Emus, für die Haare zupfte sie dem gegerbten Balg eines Pekari, eines Nabelschweines, die Borsten aus. "Dann nimmt man jedes einzelne Haar mit der Pinzette, schneidet es in die richtige Länge, tupft es in Superkleber, hält es an ein Bein und bläst hin, bis der Kleber trocken ist. Und das bei rund 3000 Haaren. Am Schluss tut einem alles weh, weil man ja nur so dahockt", sagt Rubin, die dank "viel Schokolade und Kaffee" durchhielt.

"Man darf sich nicht grausen"
Schneckengriff in der Küche  
Bild: beli

Die Natur stand der Tochter einer Architektin und eines Künstlers stets nah. "Ich war ein Waldkind mit Eltern aus der 68er-Aussteiger-Generation", aufgewachsen in Maria Rain in Kärnten. Eine "Universum"-Sendung über Wale und Ozeane weckte in der damals Zwölfjährigen den Wunsch, als Meeresbiologin die Weltmeere zu retten. Als Biologie-Studentin sattelte sie nach einer Costa-Rica-Reise auf Botanik um. Im dortigen "Regenwald der Österreicher" schrieb sie schließlich auch ihre Diplomarbeit – über die Bestäubungsbiologie einer Lianenart. "Ein halbes Jahr lang bin ich auf einen Baum geklettert und hab’ geschaut, wer in 30 Meter Höhe zum Bestäuben kommt."

In ihrer Kammer verpasst Rubin gerade einem Edaphosaurus mit dem Luftpinsel eine frische Farbe. Davor hat sie aus dem hohlen Körper ein Glasauge gefischt, das ein kleiner Besucher dem Modell im Schausaal eingedrückt hat. Nicht umsonst kursiert in der Branche ein geflügeltes Wort: "Der Präparator hat zwei Feinde: Motten und Kinder." Obwohl sie ihre Künstlerhände lieber an Modelle legt, übt sich die überzeugte Vegetarierin auch am Präparieren toter Tiere. Die Hühner, die von einer Stange auf sie herabblicken, haben auf dem Bauernhof im Weinviertel ausgegackert, den sich Rubin mit zwei Ziegen, zwei Katzen, drei Schafen, sieben Hasen, 43 Hendln, einem Aquarium und ihrem Lebensgefährten Robert Illek teilt.

"Man darf sich nicht grausen"
Ein Pelikan landet bei Robert Illek in der Mazeration.  
Bild: NHM

"Man gewöhnt sich daran"

Der 52-jährige gebürtige Steirer arbeitet seit 31 Jahren im Museum und leitet die Präparation. Der Beruf macht ihn glücklich, der Kreativität, Handwerk und die Liebe zum Tier vereint, "denn man muss eine Beziehung zum lebenden Tier haben, um es in seiner typischen Haltung zu verewigen". Über den Geruch, der seiner Tätigkeit anhaftet, verliert er nicht viele Worte: "Man gewöhnt sich daran."

Am strengsten riecht es in der Mazeration. In einer Wanne, für deren Größe ein Elefantenschädel als Maß herhalten musste, werden Knochen von Fleisch- und Geweberesten befreit. Früher ließ man diese im warmen Wasser abfaulen. Das besorgten Bakterien, und es stank furchtbar. Heute werden Enzyme verwendet, die das Eiweiß schneller zersetzen und den Geruchsinn weniger beleidigen.

"Ich glaube schon, dass man ein besonderer Typ sein muss, wenn man diesen Beruf ergreifen will", sagt Iris Rubin. "Man darf sich nicht grausen. Modrige Schilkröten verbreiten einen argen Geruch. Das Schlimmste ist, wenn man schwanger ist, und die Kollegen blasen hier faule Eier aus, die für die Sammlung gebraucht werden", so die Mutter des achtjährigen Finn. Vor Spinnen fürchtet sie sich jedenfalls nicht. "Blutegel, Hunde und Menschen sind eher mein Problem, die finde ich viel unberechenbarer", sagt die 43-Jährige.

"Man darf sich nicht grausen"
Präparate im Gefriertrockner  
Bild: Kurt Kracher

Im Schnitt werden jährlich etwa 700 tote Tiere ins Naturhistorische Museum gebracht, das 30 Millionen Sammlungs- und 100.000 Schauobjekte beherbergt. Im Kühlhaus lagern an die 4500 eingefrorene animalische Leichen. Maximal fünf werden pro Jahr mit natürlicher Haltung und Glasauge präpariert. Der Rest dient der Wissenschaft als Balg oder Skelett. Illek vertraut nicht nur auf sechs Mitarbeiter. Im Keller sind Tausende Helfer mit dem Skelettieren beschäftigt. Alles, was kleiner als der Fuchs ist, wird gefriergetrocknet den in vier Kisten hausenden Afrikanischen Speckkäfern zum Abfraß vorgeworfen, die ihre Arbeit sauber erledigen.

Garaus für Motten

Gleich um die Ecke entdeckt man durch das Sichtfenster einen balzenden Auerhahn und einen auf dem Rücken liegenden Papagei. Alle verliehenen Präparate landen nach ihrer Rückkehr ins Haus erst einmal für drei Wochen in der Stickstoffkammer, um Motten und Schädlinge zu töten, die nicht eingeschleppt werden sollen.

"Man darf sich nicht grausen"
Kampf gegen Motten in der Stickstoffkammer  
Bild: Kurt Kracher

Einem Präparator kommt im Laufe seines beruflichen Daseins auch Außergewöhnliches unter das ausnehmende Messer. Ein bedauerliches Hoppala im Tiergarten Schönbrunn bescherte Robert Illek im alten Nilpferdhaus einen wohltemperierten Kadaver. Jemand hatte vergessen, zur Abendstunde die mechanische Heizung des Beckens abzudrehen. Dadurch heizte sich das Wasser auf 60 Grad auf. Alle Tiere verließen das Nass. Bis auf einen Koloss. Der blieb als warme, aufgedunsene, hunderte Kilo schwere Wasserleiche zurück. "Das war schon ungewöhnlich, denn normalerweise ist alles, was wir abziehen, eiskalt", sagt Illek. So wie der Elefant im Zoo, der bei einer Fußnagelbehandlung nicht mehr aus der Narkose erwachte. "Das war zach, aber interessant. Mit viel Kraft, Hubzug, Messern und Hacken haben wir an einem Nachmittag das drei Tonnen schwere Tier in handliche Teile zerlegt", sagt Illek.

Gibt es etwas, vor dem einem, der "bei der Arbeit knöchelhoch im Blut stehen kann", graust? "Ja", sagt Illek, "vor dem Haltegriff in der U-Bahn."

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