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Bild: Marina Bolow

Mut zum Scheitern

Eine Niederlage einstecken zu müssen, Schiffbruch zu erleiden, ist kein angenehmes Gefühl. Warum Scheitern dennoch wichtig ist, dafür gibt es viele Gründe.

Von Roswitha Fitzinger, 03. März 2018 - 00:04 Uhr

Ein Blick auf die Suchabfrage eines großen Online-Buchhändlers zeigt es deutlich: Es ist der Erfolg, der zählt. Mehr als 3000 Treffern für Bücher über Erfolg stehen lediglich 64 Werke gegenüber, die das Scheitern thematisieren. Es scheint, als würden wir darüber am liebsten einen Mantel des Schweigens breiten. Nachvollziehbar für jedermann, denn, wer scheitert schon gerne? Selbst die großen Denker und Philosophen unserer Zeit haben das Thema gemieden.

Der Ursprung des Wortes geht ins 16. Jahrhundert zurück und aus der Wendung zu scheitern werden hervor. Es wurde für Schiffe gebraucht, die Schiffbruch erlitten beziehungsweise in Stücke brachen, in Trümmer zerschellten. Schon dies gibt eine Ahnung davon, dass wer scheitert, nicht bloß irrt oder Fehler begeht. Scheitern wird mit einem grundsätzlichen Versagen gleichgesetzt. Wen wundert es da, dass wir Angst haben zu scheitern, es als Blamage empfunden wird und noch immer in unserer Gesellschaft ein Tabu darstellt? Die Amerikaner.
Während in unseren Breiten Scheitern meist etwas Schuldhaftes anhaftet, bedeutet es in Amerika wagemutig zu sein. In den USA sprechen Unternehmer, Politiker und Sportler das Scheitern, ihr Scheitern nicht nur offen aus, sie reden gerne darüber, führen ihre Fehlschläge beinahe stolz vor. Nur wer schon einmal richtig auf die Nase gefallen ist, gilt dort als gute Führungskraft.

In Studien über Start-ups in Silicon Valley, einem der bedeutendsten Standorte der IT- und High-Tech-Industrie weltweit, heben amerikanische Theoretiker den Lerneffekt des Scheiterns hervor: Wer schnell scheitere, lerne schnell, das sogenannte „Fail Fast – Learn Fast“ heißt es dort und man denkt sogar noch einen Schritt weiter: Demnach sind Unternehmer, die früh scheitern und schnell Lehren aus ihren Fehlschlägen gezogen haben, auch erfolgreicher. „Je schneller wir scheitern, desto früher hinterfragen wir das Leben“, sagt auch der Philosoph Charles Pépin, der dem Scheitern ein Buch gewidmet hat und ihm schöne Seiten abgewinnen kann. („Die Schönheit des Scheiterns“, Verlag Hanser).

Von Michael Jordon bis Steve Jobs

Scheitern festigt den Charakter, ist Pépin überzeugt und verweist auf die Staatsmänner Charles de Gaulle und Abraham Lincoln. Die Fehlschläge hätten ihre Widerstandkraft gegen sämtliche Widrigkeiten gestärkt, die später der Schlüssel zum Erfolg gewesen seien, ist der Franzose überzeugt. Die Anzahl an Fehlschlägen, wie US-Präsident Lincoln (siehe Spalte links) sie einstecken musste, hätte so manch anderen als gebrochenen Menschen hinterlassen. Aber war es nicht dieses anhaltende Scheitern, das ihn am besten auf den Kampf gegen die Sklaverei vorbereitetet hat, mit dem er in die Geschichte einging, so Pépin.

Der amerikanische Basketballspieler Michael Jordan sagt von sich selbst: „Ich habe 9000 Würfe danebengesetzt. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26-mal wurde mir vertraut, und ich habe den alles entscheidenden Wurf vermasselt. Ich bin gescheitert. Immer und immer wieder. Und darum war ich so erfolgreich.“

Scheitern lehrt Demut, eine zweite These, die der Philosoph vertritt und als Beispiel keinen Geringeren als Steve Jobs anführt. Der kometenhafte Erfolg war dem Apple-Gründer zu Kopf gestiegen, hatte ihn jeden Bezug zur Realität verlieren lassen, ihn nicht davor gefeit, gefeuert zu werden. Das Beste, das mir passieren konnte, bekannte Jobs später: Sein Scheitern hätte ihn von seiner Überheblichkeit befreit und dadurch seine Kreativität wieder befeuert.

Warum Scheitern weh tut

Wer Schiffbruch erleidet im Beruf, mit einem Projekt, der setzt das Scheitern häufig mit einem persönlichem Scheitern gleich. Wer versagt, der läuft Gefahr, sich als Versager zu fühlen oder nichts mehr wert zu sein. Bereits Sigmund Freud warnte vor der Überidentifikation. Wer sich mit seinem Scheitern identifiziert, entwertet sich selbst und versinkt in Selbsterniedrigung. Um besser mit dem Scheitern umgehen zu können, plädiert Pépin für eine Entkoppelung vom eigenen „Ich“. Wir scheitern nicht als Person, vielmehr betreffe es die Begegnung zwischen unserem Projekt mit der Umwelt. Trotzdem gelte es die Gründe für das Schiefgehen herauszufinden.

Als jemand, der an Problemschulen ebenso unterrichtete wie an renommierten Gymnasien, hält es Pépin für unerlässlich, bereits in Schulen die Tugend des Scheiterns zu lehren. Nicht als Unterrichtsfach, sondern in der Förderung der Einzigartigkeit des Einzelnen. Diese komme nämlich in Schulen zu kurz, ist der 45-jährige Franzose überzeugt: „Wir sollten Schüler, die sich auf originelle Weise geirrt haben, viel öfter loben und ihnen deutlich machen, dass bestimmte (sonderbare, unerwartete) Arten, eine Sache in den Sand zu setzen, zukünftige Erfolge verheißen können.“ Sie könnten dann besser mit Kritik umgehen und würden begreifen, dass Irren keine Schande ist. Wer scheitert, ist kein Versager, wer scheitert, befindet sich in guter Gesellschaft. Die Erfolgsspur gescheiterer Größen erstreckt sich von Microsoft-Gründer Bill Gates, der in jungen Jahren ebenso ein Unternehmen gegen die Wand gefahren hat wie Lars Hinrichs, Gründer des Berufsnetzwerks Xing. Bei Autobauer Henry Ford waren es gleich mehrere Firmen, die pleite gingen, und James Dyson entwickelte in seiner Werkstatt 5126 Prototypen eines Staubsaugers ohne Beutel, die alle nicht funktionierten – bis Nummer 5127 kam.

 

Die Erfolgsspur gescheiterter Größen

Thomas Edison (1847–1931), Erfinder der Glühbirne

Thomas Edison
Thomas Edison  
Bild: Wiki Commons

Bis Thomas Alva Edison die Glühbirne erfand, soll er mehr als 9000 kleine Kohlefäden gebraucht haben, bis er denjenigen fand, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. Er war so oft gescheitert, dass ihn einer seiner Mitarbeiter eines Tages fragte, wie er das ertragen könnte. Seine Antwort war: „Ich bin nie gescheitert, ich habe erfolgreich Wege eliminiert, die nicht zum Ziel führen.“ Niemals aufgeben, lautete sein Credo: „Unsere größte Schwäche ist das Aufgeben.“

Abraham Lincoln (1809–1865), 16. Präsident der Vereinigten Staaten

Abraham Lincoln
Abraham Lincoln  
Bild: wikipedia/alexander gardner

Auch das Leben des 16. US-Präsidenten (1861–1865) war von Scheitern geprägt. Im Alter von 22 Jahren ging er zum ersten Mal pleite, mit 23 Jahren verlor er seinen ersten Wahlkampf. Mit 24 Jahren ging er erneut pleite. Mit 26 musste er den Tod seiner Freundin verkraften, mit 27 erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Mit 29 verlor er eine Lokalwahl, im Alter von 34 und 39 Jahren verlor er die Wahl zum Kongressabgeordneten, mit 45 und 49 Jahren die zum Senator, bevor er mit 52 Jahren zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde.“ Seine Präsidentschaft gilt als eine der bedeutendsten in der US-Geschichte, betrieb er doch erfolgreich die Abschaffung der Sklaverei. Lincoln war zudem der erste Präsident der Republikaner.

Walt Disney (1901–1966), Filmproduzent

Walt Disney
Walt Disney  
Bild: ORF (aus: Walt Disney - Der Zauberer)

Auch der Trickfilmzeichner und Filmproduzent Walt Disney musste sich durchbeißen: 1919 wurde er von einer Zeitung gefeuert – die Begründung: Er sei nicht kreativ genug. Drei Jahre später gründete Walter Elias „Walt“ Disney mit einem Partner ein Cartoon-Filmstudio – doch Disney wurde von einem Vertreiber betrogen und ging bankrott. Nach diesem Rückschlag zog er nach Kalifornien und gründete mit seinem Bruder das Disney Brother’s Studio. Ein paar Jahre später landete Disney in Hollywood einen Riesenhit: Er erfand Micky-Maus.

 

Gescheiterte Unternehmer als Publikumshit

 

Das Erfolgsformat „Fuckup Nights“ will eine konstruktive Fehlerkultur etablieren.

Vor fremden Menschen zu sprechen bereitet den meisten von uns Unbehagen, wie mag es da jenen ergehen, die vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal ihr eigenes Scheitern in Wort und Bild erläutern? Genau das machen die Teilnehmer der sogenannten "Fuckup Nights". Sie tun das nicht aus masochistischen Beweggründen, Ziel ist vielmehr, einen positiven Umgang mit Misserfolgen salonfähig zu machen, das Tabuthema Scheitern zu durchbrechen.

Mexiko als Vorreiter

2012 starteten in Mexiko fünf Freunde die erste "Nacht des Scheiterns". Mittlerweile hat das Konzept in 70 Ländern und mehr als 200 Städten Nachahmer gefunden und sich zu einem globalen Erfolgsformat entwickelt – auch in Österreich, auch in Linz. In der Tabakfabrik treten im Mai erneut gescheiterte Unternehmer ins Rampenlicht, zuletzt taten sie das vor 200 Menschen. Die Stimmung ist locker, es gibt Getränke, ein Buffet. Auf wertschätzende Atmosphäre wird Wert gelegt. Fuckup-Helden werden sie in Linz genannt. Michael L. war einer von ihnen. Er hat erklärt, warum, es sich nicht mehr lohnt, eine Drohnenfirma zu gründen. Lisa L. musste nach einem Jahr ihr freies Lernzentrum wieder schließen, weil sie es nicht schaffte, Chefin, Lehrende und Freund auf einmal zu sein. Denn auch dieses Ziel verfolgt das Konzept der "Fuckup Nights", aus Fehlern zu lernen und diese Erfahrungen weiterzugeben.

Gescheiterte Unternehmer als Publikumshit Das Erfolgsformat "Fuckup Nights" will eine konstruktive Fehlerkultur etablieren
Fünfte Fuckup Nights im Mai  
Bild: Tabakfabrik

Kamen die Teilnehmer hierzulande anfangs vor allem aus der Start-up-Szene, ist man mittlerweile breiter aufgestellt. Auch Projekte aus dem Kultur-, Bildungs- und Projektentwicklungsbereich und ihr Scheitern werden dokumentiert – in sieben Minuten und zehn Bildern. So will es das Konzept. "Die klaren Regeln sind aber auch dazu da, um gebrochen zu werden. Manche reden 20 Minuten, aber wir versuchen es kurz zu halten", sagt Nina Fuchs, Mitgründerin der Veranstaltung und Sprecherin der Tabakfabrik Linz, neben der JKU und der Kunstuni eine von drei Gründer-Organisatoren. Sie sind es auch, die die Teilnehmer auswählen, zumindest meist. Manche melden sich auch über Facebook oder nach der Veranstaltung. "Wir freuen uns über die Kontaktaufnahme von Menschen, die selber auf der Bühne der Fuckup-Night stehen möchten. Wichtig ist nur, dass es sich um ein berufliches Scheitern handelt, kein privates", sagt Fuchs.

Nächste Fuckup-Night in Linz findet am 3. Mai um 19 Uhr in der Tabakfabrik statt. Der Eintritt ist frei. Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl ist eine Anmeldung erforderlich: www.f6s.com

 

Scheitern eine Frage der Sichtweise

Irgendwie doch fast klar, dass die Anfrage, einen Gastkommentar zum Thema Scheitern zu schreiben, an einen Gefängnisseelsorger geht, denn gerade dort hat man doch mit lauter „gescheiterten“ Lebensentwürfen zu tun, dort zeigt sich das Scheitern doch in jedem Gespräch, in jedem Gesicht, in jedem Insassen. Beim Nachdenken darüber stellen sich allerdings die Fragen, wie oft man tatsächlich dieses Scheitern erlebt und mit diesem Thema konfrontiert ist? Wie sehen das die Insassen selbst? Wie gehen sie mit dem Thema um? Ich habe nachgefragt.

Im Gespräch mit Insassen wurde sehr schnell klar, dass Scheitern oft etwas ist, was von außen, von anderen, von der Gesellschaft zugeschrieben wird. Denn was für den einen als gescheiterte Existenz angesehen wird, ist für den anderen einfach ein Teil des eigenen Lebens, aus dem heraus man etwas lernen kann, wo man sich weiterentwickeln kann und soll. Das bringt mich zum Wort Scheitern selbst - welches doch immer nur negativ verstanden wird. Doch ist es das? Ist zu scheitern immer gleich etwas Negatives, etwas Schlimmes? Im Gespräch kamen wir auf viele Dinge, wo es ein Scheitern braucht, um weiterzukommen bzw. ein Scheitern nicht das Ende ist, sondern dazu aufruft, weiterzumachen, es wieder zu probieren … Wie ein Kleinkind, das beim ersten Aufstehversuch scheitert. Wenn das Kind es nicht erneut probiert – wenn wir es alle nicht weiter versucht hätten, dann würde wohl keiner von uns aufrecht gehen können.

Scheitern eine Frage der Sichtweise
Florian Baumgarnter MA, Dipl. Pastoralassistent, Seelsorger in der Justizanstalt Suben und Regionskoordinator der Kath. Jugend für die Region Innviertel Ost  
Bild: privat

Gerade jetzt in der Vorbereitungszeit auf Ostern ist uns auch im Gespräch bewusst geworden, dass eigentlich auch Jesus grandios mit seiner Botschaft gescheitert war – er musste seine Botschaft sogar mit seinem Leben bezahlen! Und doch ist aus diesem Scheitern für uns als ChristInnen etwas Neues, etwas Befreiendes, etwas Lebensspendendes entstanden. Als Seelsorger in einem Gefängnis begleite ich Männer, die an ihrer Entscheidungs-Freiheit gescheitert sind oder sich auch bewusst so entschieden haben. Manche vielleicht aufgrund ihrer eigenen Geschichte, aufgrund gescheiterter Lebensentwürfe oder aus verschiedensten Abhängigkeiten heraus.

Aber ist deswegen gleich ein ganzes Leben gescheitert, ist alles schlecht, was diese Person vorher war und getan hat – und nachher tun wird? Die Zuschreibung, ob, wo und wie eine Person gescheitert ist, ist immer auch ein Spiegel unserer eigenen Vorstellungen und Maßstäbe. Und das trifft nicht nur Menschen, die in einem Gefängnis für ein Scheitern „sitzen“, sondern vor allem auch diejenigen, mit denen wir es jeden Tag zu tun haben. Denen wir dann vielleicht ein Scheitern bei einem Projekt, in einer Beziehung, bei einer Ausbildung, … zuschreiben. Doch heißt diese Zuschreibung, dass es für diese Person selber auch ein Scheitern ist?

Sollten wir hier nicht unsere Sichtweise ändern und dieses Scheitern vielmehr als Möglichkeit zu einem neuen Versuch, zu einem Aufstehen und Weitergehen sehen? Das würde uns als Gesellschaft gut anstehen und würde für jede und jeden von uns auch eine große Freiheit ermöglichen, es immer wieder zu probieren und ganz sicher auch den großen Druck und oftmals die Angst von uns nehmen, selbst zu scheitern.

 

 

 

 

 

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