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Spezial

Die Neugier auf morgen stirbt nie

Von Klaus Buttinger   05. Januar 2018 00:04 Uhr

Astronomie Interessierte sowie Fotografen aus aller Welt sind angereist um sich das seltene Naturspektakel anzusehen.

Mit der Analyse der Frage "Wollen wir wirklich wissen, was die Zukunft bringt?" starten die OÖNachrichten ihre neue Reihe "Mystik & Geist", die spirituelle Themen beleuchtet.

Jahresbeginn – Hochzeit der Prophezeiungen: Das Neue macht neugierig auf die Zukunft. Astrologen ölen die Rechenschieber, Kartenleger lassen die Knöchel knacken, in den Glaskugeln lichtet sich der Nebel, und die Zukunftsforscher bürsten ihre Statistiken auf Hochglanz. Sie eint, dass sie auf ein Bedürfnis reagieren. Die Frage ist bloß: Auf welches? Wollen die Menschen tatsächlich genau wissen, was die Zukunft bringt, oder bedienen Wahrsagerei, Kaffeesudleserei oder Astrologie ganz andere Interessen ihrer Klientel?

„Kein Volk gibt es, mag es noch so fein und gebildet, noch so roh und unwissend sein, das nicht der Ansicht wäre, die Zukunft könne gedeutet und von gewissen Leuten erkannt und vorhergesagt werden“, konstatierte einst der römische Philosoph Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.). Ob einfaches Volk oder hohe Damen und Herren, selten war sich jemand zu fein, um in das Geschäftsmodell der Seher und Auguren einzuzahlen. Dennoch stand es schon in der Antike unter Beschuss von Kritikern. Bereits Homer hatte keine Freude mit Orakeln, während jenes nahe der Stadt Delphi vor Besuchern summte.

Wer in der antiken Philosophie etwas auf sich hielt, kritisierte die Seher. Kyniker, Skeptiker und Epikureer verwiesen kraft ihres Denkens auf die schwache Trefferquote in den Vorhersagen. In so mancher griechischen Komödie entpuppen sich Wahrsager als Scharlatane, die allein kommerzielle Interessen leiteten und deren Einfluss verhängnisvoll war – bis hin zur Kriegstreiberei.

Doch wie oft auch Weissager als geldgierige Betrüger enttarnt wurden, das Geschäft blühte weiter. Zwischen Astrologie und Astronomie passte keine Horoskopzeichnung. Selbst der Ahnvater der Himmelsmechanik, Johannes Kepler, war davon überzeugt, dass bestimmte Konstellationen der Himmelskörper den Menschen beeinflussen können – ähnlich wie das Wetter. Erst die Astronomen Giordano Bruno (1548–1600) – er endete auf dem Scheiterhaufen in Rom – und Galileo Galilei (1564–1642) wiesen der Sterndeuterei ihren Platz unter der Hintertreppe der Naturwissenschaft zu.

Doch zurück nach Delphi: Über dem Eingang zum Orakel stand dessen Motto, eingemeißelt in Stein: „Gnothi seauton“. „Erkenne dich selbst!“: Das war ein sehr deutlicher Hinweis für die Kundschaft, dass sie selbst mit ihren ureigenen Visionen im Mittelpunkt des Weissagungsprozesses stand. Oder, wie der Volksmund weise spricht: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Das Delphi-Paradoxon

Sich selbst zu erkennen, sich zu hinterfragen, seine Entscheidungen zu überdenken, bedeutet auch: Selbstermächtigung – und damit Willens- und Handlungsfreiheit. Folglich torpedierte die Mutter aller Orakel aus heutiger Sicht ihre Kernkompetenz: die Vorhersage. Denn die Zukunft kann nicht feststehen, solange wir frei sind in unseren Handlungen, die mit der Gegenwart interagieren und somit die Zukunft ändern. Andersherum ausgedrückt: Stünde die Zukunft fest, könnten wir tun, was wir wollten, es änderte nichts daran. Das führt zum Schichsalsdenken, zu einer fatalistischen Haltung, die den Einzelnen entmachtet und abwertet. Der nicht ganz ungefährliche Wahrheitsbeweis dafür lässt sich jederzeit mittels Teilnahme am indischen Individualverkehr erleben.
Weder Logik noch Statistiken über das Vorhersageversagen der Auguren, wie sie unter anderem von der Gesellschaft für Kritisches Denken (GWUP) regelmäßig erstellt werden, leeren die Vorzimmer der Wahrsager. Zumal sich deren Adressen ins Internet verlagerten. Wenn also alle Aufklärung nichts nützt, muss entweder die Vernunft das grundverkehrte Konzept für das menschliche Dasein darstellen, oder ein anderes Motiv treibt Menschen zu Geomanten und Co.

Der französische Historiker Georges Minois sieht in seinem Buch „Geschichte der Zukunft – Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen“ nicht das Wissen um die Zukunft im Vordergrund der Beziehung zwischen Wahrsager und Kunden, sondern die soziale Funktion. In unruhigen Zeiten suche der Kunde tröstlichen menschlichen Kontakt. Die Vorhersage beruhige zumeist, sie schaffe Erleichterung und rege zum Handeln an. Insofern könne die Konsultation des Esoterikers des Vertrauens einer Therapiesitzung nahekommen.
Ähnlich kommentierte der Religionswissenschafter und Kulturhistoriker Walter Burkert (1931– 2015) einen Besuch beim Kartenleger: Der Gewinn an Lebensmut, der von den „Zeichen“ als Entscheidungshilfe eingebracht werde, sei so beträchtlich, dass gelegentliche Falsifizierung durch Erfahrung dagegen nicht aufkomme. Die Entscheidungshilfe, die Stärkung des Selbstvertrauens sei wichtiger als das eigentliche Vorherwissen. Kurz: Es tut gut, sich von Fräulein Astra die Karten legen zu lassen, auch wenn es völliger Quatsch ist.

Wollen wir wirklich wissen?

Es bleibt die Frage – frei nach Cicero –, ob wirklich alle Völker dieser Welt alles in Erfahrung bringen wollen, was die Zukunft bringen könnte. Eine klare Antwort darauf gaben Wissenschafter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Granada. Sie befragten vor zwei Jahren 2000 Menschen in Deutschland und Spanien. Neun von zehn wollten über bevorstehende negative Ereignisse nichts wissen. Überraschend war, dass zwischen 40 und 77 Prozent auch über positive Ereignisse lieber im Ungewissen bleiben wollten. Eine Ausnahme fand sich allein auf die Frage nach dem Geschlecht eines Kindes. Fazit der Forscher: Die meisten Menschen leben zufrieden in „willentlicher Ignoranz“, der bewussten Entscheidung, die Antwort auf eine Frage, die einen persönlich betrifft, nicht wissen zu wollen. Insofern lag Cicero nicht ganz richtig.
In der Filmkomödie „Das brandneue Testament“ bricht die Tochter Gottes in dessen Computer ein und schickt jedem Menschen das Datum seines Todestags aufs Handy. Die Folge ist Chaos. Und wer musste das Zukunftsleck reparieren? Gottes gütige Gattin. Der Reiz des Films lag darin, dass damit niemand gerechnet hatte.

 

Was wird morgen sein?

Vier Menschen, vier Versuche, in die Zukunft zu blicken

Was wird morgen sein?

Zukunftsforscher Philipp Hofstätter (31), Soziologe und Philosoph, ist Trendberater am privaten Thinktank Zukunftsinstitut in Wien

Nach wie vor wirken die Megatrends Urbanisierung, Globalisierung und Individualisierung. Stärker wird das Bewusstsein für Gesundheitsbedürfnisse in unserer älter werdenden Gesellschaft. Nicht zu übersehen werden die Entwicklungen in der Robotik sein, die mit technischen, aber auch sozialen Phänomenen einhergehen werden. Ja, es werden Jobs wegfallen, aber eher die langweiligen und anstrengenden, empathische Fähigkeiten bleiben den Menschen vorbehalten, weshalb es zu einer stärkeren Humanisierung der Arbeitswelt kommen wird.

Die Digitalisierung wird nicht zu einer höheren Vernetzung führen, sondern auch zu einem gewissen technologischen Überdruss. Zum Teil entsteht daraus ein neues Bewusstsein, wie wichtig Achtsamkeit, Entschleunigung und soziale Bindungen sind. Solche klassischen Werte werden neu belebt.

Die Lebensstile entkoppeln sich immer mehr von bisherigen Rollenmustern. Es wird Senioren geben, die sich selbstständig machen und Junge, die einen langweiligen Lifestyle wählen.

Was wird morgen sein?

Doris Schreckeneder (links) ist Geschäftsführerin bei Stern & Hafferl Verkehr in Gmunden. Sie ist die einzige Frau im Führungsteam des traditionellen Familienunternehmens. Außerdem ist sie beim Netzwerk „Frau in der Wirtschaft“ der WKOÖ stellvertretende Landesvorsitzende.

Zwei Entwicklungen sehe ich vor allem: Alle Lebensbereiche sind durch die schnelle Digitalisierung im Umbruch. Wir erleben das Zeitalter der digitalen Transformation, wir werden schneller, arbeiten besser und werden älter. Doch das bedeutet auch Überflutung und Stress und weckt in uns ein Bedürfnis nach Ruhe. Wir können mit dieser Reizüberflutung noch nicht richtig umgehen und müssen Wege finden, unsere Batterien immer wieder neu aufzuladen.

Als zweites sehe ich, dass die Zukunft weiblicher wird. Viele Unternehmen haben erkannt, dass Frauen in Teams und in Führungspositionen eine gute Besetzung sind. Es entsteht dadurch eine gute Mischung von „männlichen“ und „weiblichen“ Fähigkeiten.

Schön ist, dass wir in Oberösterreich zum Beispiel an der Spitze der Wirtschaftskammer mit Doris Hummer eine Frau als Präsidentin haben.

Was wird morgen sein?
. (Wakolbinger)

Der Ischler Clemens Sedmak ist Theologe und unterrichtet am Kings’s College in London Philosophie.

 

 

Die Zukunft bringt vor allem sich selbst; also das, was wir nicht genau wissen können, was sich nicht genau vorhersagen lässt, was sich unserer Kontrolle entzieht. Wer hätte etwa Anfang Dezember gedacht, dass es Anfang Januar in Nordamerika so kalt werden würde? Wer hätte Anfang Dezember gedacht, dass die Vierschanzentournee aus österreichischer Sicht eher zum Zuschauen als zum Mitfiebern anregen wird? Wer hätte gedacht, dass Präsident Trump Witze über den Klimawandel machen wird? Nun, letzteres war vorauszusehen.

Was bringt die Zukunft? Sicher manches, über das wir uns wundern werden und, so hoffe ich, manches Wunder. Denn wir brauchen sie, die Wunder der Menschlichkeit. Denn die Zeichen stehen auf sozialen Temperaturabstieg. Da gibt es auch so etwas wie einen Klimawandel in Europa, dessen Auswirkungen (soziale Dürren, soziale Extreme und Risiken) wir nicht abschätzen können. Wir brauchen sie, die Wunder der Menschlichkeit. Und, oh Wunder, wir können sie auch wirken. Zukunft ist Teil unserer gestaltbaren Verantwortung. Zukunft braucht wunderbare Menschen. Und die gibt es jetzt schon.

Was wird morgen sein?

Michael John ist Vorstand des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Kepler-Universität Linz.

Im Jahr 2018 wird man beginnen, bestimmte Richtlinien verstärkt umzusetzen - schließlich gibt es Vorschusslorbeeren seitens einer von der „Ausländerthematik“ geblendeten Mehrheit: Weniger Gelder für Kultur, Soziales, Randgruppen, Flüchtlinge, mehr für Sicherheit und „die Wirtschaft“. Mehr Ungleichheit in der Gesellschaft ist zu erwarten.

Im Sommer 2018 ist ungeachtet des Meinungsklimas der höchste Anteil an ausländischen Beschäftigten in der Geschichte der Republik zu erwarten. Populismus bleibt Populismus, Österreicher findet man kaum auf dem Baugerüst oder am Presslufthammer.

2018 bringt uns auch das 50-jährige Jubiläum von „1968“. Die Bewegung stand für Aufbruchsstimmung der Jugend. Doch abgesehen von den Bereichen Gleichberechtigung und Sexualität ist wenig von 1968 geblieben. Studierenden drohen Gebühren und Studienverschärfungen. Es wird auch kaum mehr in den 1960er und 1970er-Jahren sozialisierte, vom klassisch humanistischen Verständnis geprägte Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft geben. Um Stefan Zweig zu zitieren: „Die(se) Welt von Gestern“ hört auf.

 

 

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