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Wild, windig, wonnig

Von Bernhard Lichtenberger, 21. Januar 2023, 15:00 Uhr
Wild, windig, wonnig
Der imposante Tafelberg Ben Bulben zeigt seine schroffe Seite. Bild: beli

Am Wild Atlantic Way, einer 2500 Kilometer langen Straße an der Westküste Irlands, fädeln sich unzählige Perlen auf, die schon Heinrich Böll literarisch inspirierten.

"Der Regen ist hier absolut, großartig und erschreckend. Diesen Regen schlechtes Wetter zu nennen, ist so unangemessen, wie es unangemessen ist, den brennenden Sonnenschein schönes Wetter zu nennen."(Heinrich Böll: Irisches Tagebuch)

Eben noch hatte sich ein fahler Schein durch die tiefhängenden Wolkenbänke gezwängt und sich auf die sichelförmigen Sandstrände gelegt, nach denen die Brandung schnappt. Nun prasselt Nass gegen das Gesicht, stechend, wie feinste, aus einer Harpune geschossene Nadeln. Auf der pfadlosen Flanke, an deren Ende sich die Anhöhe des Croaghaun am westlichen Zipfel von Achill Island nur vermuten lässt, treibt der Sturm ein perfides Spiel. Dreht man ihm trotzig den Rücken zu, gibt er nach einer Weile nach. Als habe er tief Luft geholt, schlägt er mit wuchtiger Bö zu. "Niederknien. Klein machen", ruft Gerard Mangan den Taumelnden zu, die zwischen den sattgesogenen Sumpfpolstern auf allen vieren Halt suchen. "Regen und Nebel sind kein Problem. Es ist der Wind, der dich umbringt", sagt der erfahrene Wanderführer und mahnt zum Rückzug. Als müsste der besagte Übeltäter dem Gesagten noch Nachdruck verleihen, rafft er sich eine Rucksackhülle und bläst sie talwärts.

Und so bleibt versagt, was der deutsche Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, der sich ab 1954 regelmäßig in einem kleinen Cottage im Dörfchen Keel auf Achill Island einquartierte, in seinem 1957 erschienenen "Irischen Tagebuch" beschrieb:

"Wild und wie für den Hexensabbat geschaffen, mit Moor und Heide bedeckt, ragt der Croghaun auf, der westlichste der europäischen Berge, zur Seeseite hin 700 Meter steil abfallend."

Die dritthöchsten Klippen Europas bekam auch die achtköpfige Besatzung eines Flugzeuges der Royal Air Force nicht mehr zu sehen, die sich 1950 auf einem Vermessungsflug befand. Im dichten Nebel zerschellte die Maschine am Berg. Die Relikte des todbringenden Unglücks – vier Triebwerke – liegen noch heute verstreut. Wie zum Hohn schiebt beim rutschigen Abstieg die Sonne den trostlosen Himmelsvorhang zur Seite und überzieht die gekräuselten Wellen des zu Fuße liegenden aufgestauten Sees mit einem Funkeln. Der gemeine Ire kommentiert dieses Wechselbad lakonisch: "Ein wunderschöner Tag, alle Jahreszeiten auf einmal." Das Wetter liefert täglich Gesprächsstoff. Wie es sich auch verhält, ob lieblich oder triefend, letztendlich wird es stets mit einem "lovely" bedacht. Was das Empfinden von Kälte betrifft, stößt man nicht selten auf schmerzbefreite Einheimische. Kaum gibt sich das Wolkendach eine Blöße, reißen diese sich die Stoffe vom Leib und geben ihre Blässe dem rauen Atlantik hin.

Wild, windig, wonnig
Blühender Stechginster, im Hintergrund der Croagh Patrick, Irlands heiliger Berg Bild: beli

Ab der Brücke, die Achill mit dem Festland, das doch selbst Insel ist, verbindet, führt ein aussichtsreicher Radweg nach Westport an der Clew Bay. 117 Inselchen ragen wie Streusel aus dem Meer, nur drei sind heute noch rund ums Jahr bewohnt. In einem Park am Murrisk View verarbeitet ein bizarres Monument – ein Schiff in Form eines Sarges, in dem Tote liegen – ein bitteres Kapitel der irischen Geschichte: Es erinnert an die große Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts, die Millionen dahinraffte oder zur Auswanderung trieb. In der Ferne entblößt eine Nebelhaube die Spitze des Croagh Patrick. Auf diesem soll Saint Patrick, der Nationalheilige, 40 Tage ohne Nahrung und Wasser verbracht haben. Zudem wird dem meditierenden Hungerkünstler zugeschrieben, die Grüne Insel von den Schlangen befreit zu haben. Zu seinen Ehren schlängeln sich am letzten Sonntag im Juli Zehntausende Pilger auf den 764 Meter hohen Gipfel. Eingefleischte Büßer holen sich barfuß auf dem mit Felsbrocken übersäten Weg blutige Sohlen.

Unter Ben Bulbens kahlem Hut Yeats auf Drumcliffs Kirchhof ruht. Einst war sein Vorfahr Pfarrer dort, ein Kirchlein steht an diesem Ort, ein altes Hochkreuz an der Straße. (W. B. Yeats: "Unter Ben Bulben")

Einer, der glaubte, fand in einer anderen Ecke im Nordwesten der grünen Insel Inspiration: William Butler Yeats (1865-1939), der erste irische Literaturnobelpreisträger. "Ich glaube an die Vision des Wahren in den Tiefen des Geistes, wenn die Augen geschlossen sind", befand der Dichter, der sich dem Magischen und den keltischen Mythen zuwandte, in denen Feen und Anderswelten existieren. Sligo war Yeats’ spirituelle Heimat, "das Land der Sehnsucht des Herzens". In der Stadt, die der Garavogue, der kleine Wilde, durchfließt, pflegt man sein literarisches Erbe.

Wild, windig, wonnig
Yeats-Statue in Sligo Bild: beli

Ein bronzener Yeats mit feinsinniger Geste und in ein Gewand gehüllt, das mit Worten übersät ist, steht vor einer Bank. Zur letzten Ruhe gebettet ist der Nationaldichter – wie es sein Poem vorwegnahm – im nahen Drumcliff. Das Grab: schlicht, schmucklos. Den fleckigen Stein zieren die letzten Zeilen von "Unter Ben Bulben":

"Gelassen, Reiter,
sieh Leben, sieh Tod,
und zieh dann weiter!"

Der Friedhof scheint der Vergänglichkeit überlassen. Der im Reim verewigten Ben Bulben erhebt sich im Hintergrund. Ein Wanderweg führt am Fuße des von Gletschern geformten, imposanten und sagenumwitterten Tafelbergs entlang und ein kurzes Stück durch ein mystisch anmutendes, natürlich gewachsenes Gewölbe aus Rhododendren, Moosen, Farnen und Flechten. Wer mag in diesem düsteren Tunnel da nicht an Feen glauben, denen der Sinn auch nach Garstigem steht? Wer sich auf dem nächtlichen Heimweg vom Pub in den Feldern verliert, hüte sich vor ihnen. "Dann heißt es, Jacke und Haube umzudrehen, damit sie einen nicht erkennen", erklärt Begleiter David Lawless, wie man den Wesen quasi die trunkene Zunge zeigt.

". . . und steht es etwa einem Manne an, seinen Durst mit Brunnenwasser oder Buttermilch zu löschen?"("Irisches Tagebuch")

Ein "lovely day", so verheißt es die Werbung, bedarf eines Guinness-Bieres. Irland zu begegnen, ohne ein Pub aufzusuchen, fühlte sich so verkehrt an, als miede man in Las Vegas Casinos. In den urigen Trinkstätten gehört an der dichtbesiedelten Budel der Ruf nach einem Pint des flüssigen Brotes zum guten Ton. Das moorseefarbige Stout mit der cremigen Schaumkrone, die im besten Einschenkfall das Gewicht einer Münze trägt, verträgt sich auch mit einem Glas irischen Whiskeys. Und wenn es sich noch trifft, dass sich beim Umtrunk in einer Nische Musizierende zu einer Session einfinden, mit Fiedel, Quetsche, flinken Fingern auf der Tin Whistle und dem auf dem Fell der Bodhrán tanzenden Holzschlägel Melodien vor sich hertreiben, dann steht dem Entrücken nichts mehr im Wege. Werden alte Hadern wie "Dirty Old Town", "Whiskey in the Jar" oder "Wild Rover" angestimmt, wird beherzt mitgesungen. Das Pub gefällt zudem als der rechte Ort, um mit den offenherzigen Menschen ins Plaudern zu kommen. "Es gibt hier keine Fremden, nur Freunde, die sich noch nicht getroffen haben", stellte schon William Butler Yeats fest.

Wild, windig, wonnig
Die Felsnadel Dún Briste am umtosten Downpatrick Head Bild: beli

"Mauern, Mauern, Bäume, Mauern und Hecken: die Steine der irischen Mauern würden ausreichen, den Turm von Babel zu erbauen, aber die irischen Ruinen beweisen, dass es zwecklos wäre, diesen Bau zu beginnen." ("Irisches Tagebuch")

Gegenüber des Ben Bulben, auf der anderen Seite der Bucht von Sligo, erhebt sich der Knocknarea. Trockenmauern säumen den Pfad zur Anhöhe, auf der sich ein gewaltiger Steinhaufen auftürmt. Der an die zehn Meter hohe Grabhügel wurde vor rund 5000 Jahren errichtet. Dass darunter Kriegsgöttin Maeve ruht, der in der keltischen Mythologie nachgesagt wird, die Gunst ihrer Schenkel strategisch zu nutzen, gehört zur Legende.

". . .hier wird geerntet, was Jahrhunderte der Feuchtigkeit zwischen nackten Felsen, Seen und grünen Weiden haben wachsen lassen: Torf, einziger natürlicher Reichtum eines Landes, das schon seit Jahrhunderten des Waldes beraubt ist." ("Irisches Tagebuch")

Die Zeiten, in denen das Land mit gestochenen Torf-Briketts übersät war, zum Trocknen zu kleinen Pyramiden gestapelt, sind längst vorbei. Mit dem Klima wandelte sich die Erkenntnis, wie wertvoll die Moore als Kohlendioxid-Speicher sind. Wer heute ein neues Haus baut, muss auf einen offenen Kamin verzichten, da hilft kein romantisches Argument. Bauern dürfen Torf noch ernten, aber nicht mehr verkaufen – wenn es ihnen auch nicht gefällt.

Wild, windig, wonnig
Gelernter Metzger, Hüter des Hochmoores und Naturphilosoph: Michael Chambers Bild: beli

"Es geht um einen Sinneswandel. Wir müssen auf unser Land schauen, wegen künftiger Generationen", sagt Michael Chambers. Der stämmige, untersetzte Naturführer kennt den Wild Nephin National Park wie seine Westentasche und lotst auf dem Bangor Trail durch einnehmendes, fast menschenleeres Terrain. Der gelernte Metzger, jüngstes von neun Kindern, hat sich in diese Landschaft verliebt, als ihm der Vater die alten Geschichten erzählte – vom Großvater, der sich wie andere Rebellen im Freiheitskampf in den Höhlen versteckte; von den Bergen, über denen einst noch der Adler kreiste. Er versteht sich als Hüter des Hochmoors, und wenn er in die Geheimnisse von Flora und Fauna einweiht, hängt man gespannt an den Lippen dieses dichtenden Naturphilosophen.

"Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht." (irisches Sprichwort)

Die ist auch nötig, um neben den hier erwähnten Flecken alle Perlen aufzulesen, die sich am sogenannten Wild Atlantic Way auffädeln, jener ausgeschilderten, 2500 Kilometer langen Küstenstraße von Malin Head im Norden bis Kinsale im Süden: die ausgedehnten Sandstrände im rauen Donegal; die betörende Landschaft der Connemara; das Dorf Doolin, als Mekka traditioneller irischer Musik gehandelt und Ausgangspunkt für eine Schiffsüberfahrt zu den Aran-Inseln; die steil abfallenden Cliffs of Moher, an denen dem Touristenstrom entgeht, wer bis zur letzten Klippe wandert; das Kingdom Greyhound Stadium in Tralee (nur deshalb, weil man Windhunderennen, das Wettvergnügen der einfachen Leute, einmal erlebt haben muss); der dem Ring of Kerry vorzuziehende, weil weniger überlaufene Ring um die Halbinsel Dingle, und, und, und ...

Wer den Reiz der Grünen Insel einmal erschnuppert hat, wird ohnehin zum Wiederholungstäter.

Information

  • Unterkunft: Mitten in Sligo am Fluss Garavogue liegt das Glasshouse Hotel (4 Sterne), theglasshouse.ie
    In Westport ist das zentrale Castlecourt Hotel mit Restaurant, Bistro und Bar zu empfehlen, castlecourthotel.ie
  • Pub: Ein beliebtes Lokal für musikalische Sessions ist das „Hargadon Bros.“ in der O’Vonnell Street in Sligo; beste Stimmung im „Porterhouse“ in der Bridge Street in Westport.
  • Speisen: „Eala Bhan Restaurant“ in Sligo, 2022 mit dem Irish Restaurant Award ausgezeichnet
  • Lesestoff: Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“, in dem der spätere Literaturnobelpreisträger seine ersten Begegnungen mit Irland in den 1950er Jahren verarbeitet (dtv-Taschenbuch, 144 Seiten, 10,30 Euro)
  • Info: ireland.com
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Autor
Bernhard Lichtenberger
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