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Reisen

Mit Schneeschuhen in Rübezahls Reich

Von Ines Klima   02. Februar 2015 00:04 Uhr

Mit Schneeschuhen in Rübezahls Reich

Raureif überzieht die knorrigen Bäume. Die Kleine Teichbaude duckt sich in die Schneegrube, und auf der Schneekoppe pfeift der Sturm. Ein archaisches Wintererlebnis im polnischen Teil des Riesengebirges.

Der Berggeist heißt uns herzlich willkommen und hat rechtzeitig Schnee geschickt nach Schreiberhau (Szklarska Poreba) im polnischen Riesengebirge. Wir sind zum Schneeschuhwandern hier, und am frühen Morgen tanzen uns bereits die Flocken um die Nase.

Der Ort Schreiberhau liegt auf 650 Meter Höhe, hat rund 7000 Einwohner und zählt mit seinem ausgedehnten Langlauf-Loipennetz und den acht Liftanlagen zu den bekanntesten Skiorten Polens. Den Trubel von Lift- und Seilbahn geschwängerten Wintersportorten wird man allerdings vergeblich suchen. Hier breitet der Nationalpark Riesengebirge (Karkonosze) seine Naturschätze, seine Ursprünglichkeit und seine Stille aus.

Die Richtlinien des 1959 gegründeten Nationalparks sind auf polnischer Seite strenger als jene in Tschechien. Gut für die Landschaft und gut für alle, die eine authentische Begegnung mit der Natur suchen.

Ein unverspurter Waldweg führt vom Ortsrand geradewegs hinein in die winterliche Schönheit. Die Schneeschuhe sind festgezurrt an den Bergschuhen, die moderne Schneeschuh-Version ist aus Plastik und mit einem einfach zu bedienenden Verschluss anzulegen. Schneeschuhwandern ist in den vergangenen Jahren eine Art Trendsportart geworden. Immer mehr Menschen genießen es, wie auf Tragflächen durch den Schnee zu gleiten und so hautnah die Winterlandschaft unter den Füßen zu spüren.

"Wenn ihr beim Gehen Kraft sparen wollt, dann müsst ihr schlapfen", lässt uns Patrycja gleich zum Start der Tour wissen. Patrycja Osciak ist unsere Bergführerin und kennt die Region und die kleinen Tricks. "Die Beine nicht zu hoch heben beim Gehen, denn das kostet Kraft, und die werden wir noch brauchen".

Von Schreiberhau geht es zur "Alten Schlesischen Baude" auf 1180 Meter und weiter zum Ursprung der Elbe (Pramen Labe, 1380 m) oben am Riesengebirgskamm. Im Sommer ein beliebter Wanderweg am sogenannten Böhmersteig – ein ehemaliger Schmugglerpfad zwischen der polnischen und der tschechischen Seite des Riesengebirges. Die Alte Schlesische Baude ist eine von noch zehn bewirtschafteten Schutzhütten auf polnischer Seite, entstanden an der Stelle einer ehemaligen Grenzwache, die im 17. Jahrhundert das Einschleppen von Seuchen verhindern sollte.

"Obwohl das Riesengebirge nur ein Mittelgebirge ist, herrschen hier klimatische Verhältnisse wie in einem Hochgebirge", klärt uns Patrycja auf, "das Wetter wechselt schnell und ebenso die Sichtverhältnisse. Besonders bei starkem Wind ist Vorsicht geboten." Vorerst geht es mäßig ansteigend durch den Wald, der Körper wird warm, der Atem ruhig. Die gelb-weiße Markierung des Wanderweges ist hin und wieder unter schneebedeckten Fichtenzweigen versteckt. Wo die Bäume weniger Schutz bieten, fegt ein kalter Wind durchs Geäst. Rund sieben Kilometer lang ist die Strecke bis zur Hütte, und mit zunehmender Höhe werden Kälte und Wind deutlich spürbar. Jetzt lieber nicht mehr stehenbleiben, der Körper kühlt schnell aus, die scharfen Schneegraupeln im Gesicht lassen eine Ahnung aufkeimen von den Wetterkapriolen im Reich des Berggeistes, wie Rübezahl auch genannt wird. "Der Wind am höchsten Punkt, der Schneekoppe (1602 m), bläst heute mit rund 100 km/h", unsere Bergführerin ist genau informiert und ständig mit der Wetterstation in Verbindung. "Das Riesengebirge ist zwar niedriger, aber die Wetterverhältnisse hier sind wie auf 2500 bis 3000 Meter Höhe in den Alpen."

Die Sicht hat sich mittlerweile merklich verschlechtert, der Nebel mischt sich mit Wind und Schnee zu einem eisigen Gebräu, als die Alte Schlesische Baude nach rund zweieinhalb Stunden Gehzeit erreicht ist. Und dann will der Großteil der Gruppe auch noch weiter auf den Kamm bis zur Elbquelle.

Rübezahl lässt grüßen

Im dichten Nebel tragen uns die Schneeschuhe entlang der Schneestangen weiter Richtung Veilchenspitze, oben am Plateau angelangt, marschieren wir im Zweiergespann durch heftigen Schneesturm mit quasi null Sicht und mit gefrorenem Lächeln auf die Elbquelle zu. Auf knapp 1400 Metern Seehöhe kommt Expeditions-Feeling auf, Rübezahl lässt grüßen. Aber so leicht lassen wir uns vom Wettermacher des Riesengebirges nicht abschrecken, die stürmische Begegnung mit dem Gebirgskamm fördert Kraftreserven und auch eine ordentliche Portion Glücksgefühl zutage.

Bauden sind das Wahrzeichen des Riesengebirges. Vielleicht konnten wir den Berggeist mit unserem Durchhaltevermögen ja beeindrucken. Jedenfalls ist der Himmel am nächsten Tag blitzblau, die langgestreckte Silhouette des Gebirgskamms zeigt sich wolkenfrei. Dass auf der Schneekoppe der Sturm mit 90 km/h über die Wetterstation braust, gibt Patrycja beim Frühstück bekannt und auch die adäquate Programmänderung. Aus windtechnischen Gründen hat nämlich der Einser-Sessellift vom Ort Krummhübel (Karpacz, auf 725 m) auf die Schneekoppe Ruhetag, was sich beim Blick auf die etwas nostalgisch anmutenden Sesseln als absolut richtige Entscheidung entpuppt.

Als Kennerin "ihres" Gebirges und geprüfte Bergführerin hat Patrycja gleich die passende Variante parat. Also geht es direkt von Krummhübel aus auf der alten Schlittenbahn zuerst zur Hampelbaude. Die zweitgrößte Schutzhütte im Riesengebirge liegt auf 1270 m Höhe und hat 110 Schlafplätze und den Vorteil, dass der Anstieg von Krummhübel aus durch den Wald erfolgt und man so bis kurz vor der Hütte vom Wind geschützt ist. Dafür ist der Eintritt ins freie Gelände ein umwerfendes Erlebnis in jeder Hinsicht – glitzernde Schneekristalle, Sonnenstrahlen, Windböen und die Raureif-Landschaft vermischen sich zu einer Bilderbuch-Szenerie.

Es stürmt auf der Schneekoppe

Über der Schneekoppe rasen die Wolken dahin, am Kamm oben peitscht der Wind Schneefahnen in die Höhe. In der Hampelbaude ist dann Zeit zum Aufwärmen. Es gibt Buchweizengulasch, Gemüsesuppe oder ein Omelett mit Apfelmus ("Nalesniki", die anderen Menünamen auf Polnisch lassen wir jetzt links liegen). Das Bier kann man klassisch kalt, aber auch heiß probieren – mit Ingwer-Stückchen drin. Als Aufheiz-Variante sozusagen. Die Hampelbaude ist eine von zehn polnischen Gebirgshütten im Riesengebirge und im Besitz der PTTK, dem Polnischen Verband für Touristik und Landeskunde, der auch für die Pflege der offiziellen Wanderwege zuständig ist.

Von der Hampelbaude führt eine ganzjährige Paradetour weiter in rund 15 Minuten Abstieg zur etwas tiefer liegenden "Kleinen Teichbaude". Die älteste und wohl auch die am schönsten gelegene Baude im Riesengebirge ist ein Wintermärchen vor dem zugefrorenen See. "Samotnia" (Einöde), so der polnische Name, bezeichnet die Lage im Felsenkessel des Kleinen Teiches, einem Gletscherkar mit über 200 Meter hohen Felswänden ringsherum. Beim Abstieg zur Baude kommt man aus dem Staunen nicht heraus, so idyllisch schmiegt sich die Hütte mit dem Turm in den weißen Talkessel.

Im 17. Jahrhundert wurde die Baude erstmals erwähnt, als Unterschlupf für den Wächter, der die Forellen im Teich vor Wilderern schützte. In den 1930er-Jahren erhielt die Hütte ihr heutiges Aussehen, seit 1966 führt die Familie Siemaszko den Betrieb, genau gesagt Frau und Tochter von Waldemar Siemaszko. Der bekannte Bergretter, Bergführer und Lawinenexperte kam 1994 bei einem Autounfall ums Leben und hatte zum legendären Ruf der Baude beigetragen. Der Großteil der Besucher kommt in den Sommermonaten, oberhalb am Riesengebirgskamm führt die bekannte Wanderroute zur Schneekoppe vorbei – aufgenommen wird jeder, ganz gleich zu welcher Tages- bzw. Nachtzeit.

Im Winter ist‘s noch ruhig

Im Winter hingegen sind Wanderer im Reich des Rübezahl noch in der Minderheit. Noch kann man auf Schneeschuhen in den weißen Weiten des Riesengebirges jungfräuliche Spuren ziehen und eintauchen in ein archaisches Landschaftserlebnis. Schon Gerhart Hauptmann, Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger hatte sich um 1900 eine Villa mit Blick auf die Schneekoppe bauen lassen und fast ein halbes Jahrhundert bis zu seinem Tod im Jahr 1946 hier gelebt. Ob er schon Schneeschuhwandern war, ist nicht überliefert, aber es hätte ihm sicher gefallen.

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