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Kultur

Sätze, die man sich anstreichen möchte

Von Helmut Atteneder 10. August 2019 00:04 Uhr

Sätze, die man sich anstreichen möchte
Gertraud Klemm

Gertraud Klemms Roman "Hippocampus": Einmalig in Stil und Sprachwitz

Es ist nicht überliefert, ob die Biologin Gertraud Klemm einst bei der Stadt Wien herausragend formulierte Gutachten zu Wasserproben gefertigt hat. Dass sie vor elf Jahren Beruf wie Schreibstil geändert hat und seither Romane schreibt, darf längst als Glücksfall bezeichnet werden. In ihrem neuen Roman "Hippocampus" hat sich Klemm wieder gesteigert, was Sprachwitz, Botschaft und vor allem den Schreibstil betrifft.

Wobei sie der Klammer über alle ihre bisherigen Romane treu geblieben ist: Es geht um Frauenleben – von Ungleichbehandlung bis zur Ungerechtigkeit. Da gibt es viel geschriebene Literatur und damit viele Fallstricke. Nicht jedermann will sich dieses Themas "schon wieder" lesend annehmen. Allerdings, wer sich "Hippocampus" (lateinisch für Seepferdchen) verschließt, ist selber schuld.

Klemms Roman beginnt mit dem leiblichen Ende der einst erfolgreichen Autorin Helene Schulze, die ihre Gegner eine "alte Emanze" schimpften. Ausgerechnet jetzt, wo sie sich letal versoffen hat, wird ihr neues Buch "Drohnenkönig" für den Buchpreis nominiert.

Elvira Katzenschlager, ihre Freundin zu Lebzeiten, hat den Auftrag, die Hinterlassenschaft abzuwickeln. Die resolute Frau nimmt ihre Aufgabe übergenau. Sie begibt sich für ihre Freundin auf einen Roadtrip, der sie zu all den Plätzen führt, an denen Schulze von der Obrigkeit einst unrecht getan worden war. Für diesen Roadtrip heuert sie den Kameramann Adrian an. Jede ihrer (Fäkal-)Installationen versieht sie mit einem Seepferdchen. Die Aktionen werden Stück für Stück krimineller, bis der letzte Weg nach Neapel führt.

Gertraud Klemm mischt in "Hippocampus" die Verlogenheit der Literaturbranche auf, ebenso die packlerische Politikerkaste. Dabei gelingen ihr wunderbare schreiberische Passagen, die man sich am liebsten anstreichen möchte. Über den Umgang mit dem Altern schreibt sie: "Das Altern und Sterben müsste viel mehr im Weg herumstehen, man müsste die Alten mit ihren Rollatoren Gehsteige blockieren lassen, sie in feinen Restaurants füttern, sie in Vorstandsetagen schieben und mit ihnen Aufzüge von Finanz- und Versicherungstürmen verstopfen..."

Eine Mitreise auf diesem Roadtrip wird wärmstens empfohlen.

"Hippocampus": Roman von Gertraud Klemm, Kremayr & Scheriau, 384 Seiten, 22,90 Euro

OÖN Bewertung:

 

Artikel von

Helmut Atteneder

Redakteur Kultur

Helmut Atteneder
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