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fiio und die Renaissance der Gitarre

Von Reinhold Gruber, 20. Oktober 2023, 09:44 Uhr
fiio hat die Gitarre wieder entdeckt und das ist gut so. Bild: Lana Cerha

Der Wiener Songwriter und Musiker fiio hat für sein neues Album eine alte musikalische Liebe wiederentdeckt - seine Gitarre.

Er sei überraschenderweise viel zu entspannt, was ihm auch noch etwas  Sorge bereite – so kommentierte fiio seine Gemütsverfassung
vor Erscheinen seines neuen Albums, als ihn die OÖN zum Interview trafen.

Ist es dir leicht gefallen, die neuen Songs los zu lassen?

Mit Leuten zusammenzuarbeiten, die einem Deadlines geben, ist vorteilhaft für Künstler, denn ich glaube, ein Album ist nie fertig, es muss nur abgegeben werden. Ich habe mir das Loslassen aber schwerer vorgestellt.

Am Anfang des Albums begrüßt mich die Maschine, am Ende verabschiedet mich der Mensch: War das auch die Idee, diese Welt zwischen Digitalisierung samt Künstlicher Intelligenz und menschlicher Emotion darzustellen?

Ja, Nagel auf den Kopf getroffen (lacht).

Macht dir die KI Angst?

Es hat mir Angst gemacht und daraus entstand die Idee, das gesamte Album so einzumanteln. Als im vergangenen Jahr das erste Mal über ChatGPT-Maschinen berichtet wurde, die alles vorlegen für eine Band, die ein neues Oasis-Album schreibt, da denkst du als Künstler schon nach. Ich glaube zwar nicht, dass durch mein Job komplett in Gefährdung ist, dafür ist der Beruf des Musikers viel zu menschenzentriert, weil du wirst dir eine Maschine im Flex in Wien anschauen. Das glaube ich einfach nicht. Und ich habe mir schon gedacht, dass Bereiche meiner Arbeit ersetzt oder erleichtert werden, womit ich erst ein Umgang finden musste.

Und wie findest du es jetzt?

Ich finde es gut, bin auch gewillt, die KI einzusetzen. Aber ich will auch aufzeigen, wo die Grenzen liegen.

Der Albumtitel „wir werden nur was wir schon sind“ drückt Vielfalt aus und passt gut zu deinem musikalischen Schaffen. Jetzt frage ich mich: Was bist du schon?

Das ist eine harte Frage. Ich hätte mir einen anderen Titel überlegen sollen (lacht).

Es geht sehr oft im Leben darum der zu sein, der man ist. Ich habe mir beim Hören gedacht, dass du im Moment schon sehr genau der bist, der hier zu hören ist.

Ich glaube, du bist da sehr nah an der Wahrheit. In den eineinhalb Jahren, in denen das Album entstanden ist, habe ich gelernt, dass es das Wichtigste ist, mich darauf zu besinnen, was mich als Menschen ausmacht. Und mit mir selbst zufrieden sein. Ich habe lange sehr mit mir gehadert, Erwartungshaltungen an sich selbst zu haben, die er nicht erfüllen kann. Ob das in der Liebe, in der Musik, in der Karriere und auch in meiner psychischen Gesundheit war. Ich bin am Weg zu verstehen, was es heißt, auf die 30 zuzugehen, Angst zu haben oder zu wissen, was man will vom Leben. Ich weiß es definitiv nicht ganz, aber dieser Moment des Realisierens, dass man sein ganzes Leben damit verbringen wird und im Reinen damit ist, ist der ganz signifikante Punkt, wo man aufhört, Jugendlicher zu sein und junger Erwachsener wird. Das glaube ich zumindest.

Es hört nie auf, am Weg zu bleiben. So bleibt man beweglich im Kopf und auch jung. Ich mag nicht mehr jugendlich sein, aber ich komme mir noch nicht so alt vor wie ich bin.

Es geht halt viel darum, zu realisieren, dass es nichts bringt, sich in einen zukünftigen Zustand zu wünschen. Und es bringt auch nichts, sich irgendwie in die Vergangenheit zurückzuwünschen. Das Leben bewegt sich um dich rum, mit einer irren Geschwindigkeit und ich glaube, zu wissen, was es heißt, bei dir selbst angekommen zu sein, auf der Stufe, auf der du jetzt stehst, ist eine große Realisation, die für mich auf dem Album stattgefunden hat.

Gab es so etwas wie eine Grundidee, wie das Album klingen sollte, außer dass der Gitarre viel Raum gegeben wird? Hattest du vorher eine musikalische Idee?

Ich glaube, Jakob Lippert, mit dem ich die Musik gemeinsam produziere, und ich haben auf unterschiedliche Arten auf ganz unterschiedlichen zeitlichen Ebenen und Geschwindigkeiten haben wir uns einmal punktgenau vor dem Album einen Zustand erreicht, wo wir thematisch in der selben Ecke gelandet sind. Einen ganzen Kreis über HipHop und Elektronik wieder zurück zu dem Moment, dass wir uns gedacht, dass wir beide eigentlich gut Instrumente spielen können und es ewig schade ist, dass wir das nicht machen. Man hat eine persönliche Renaissance mit Dingen. Man hört auf einmal wieder die Beatles und hört es aber ganz neu, anders, mit der Erfahrung, die man zwischenzeitlich gemacht hat. Das hat auf einmal stattgefunden und hat es losgetreten, dass wir wieder bei Blink 182 waren, wo wir mit zehn oder elf Jahren waren. Aber wir waren auch wieder bei Folkmusik, bei Fleetwood Mac und haben überall Dinge herausgepickt.  Wir haben uns wochenlang getroffen und dann kamen wir immer mit alter Musik, zum Beispiel "Gypsy", dem Album von Fleetwood Mac mit dem coolen Drum-Beat. Und dann hat man sich diese Dinge herausgepickt und die haben dann irgendwann in der Musik auf dem Album Platz gefunden. Das finde ich total schön. Die Gitarre ist eine große Renaissance für mich gewesen und ich habe mich wieder zu ihr bekannt, nachdem ich sie lange aus unterschiedlichen Gründen fallen gelassen habe. Ich habe gemerkt, dass es das Instrument ist, das der beste Stimmverstärker für mich ist.

Wenn man sich das gesamte Album anhört, gibt es viele Momente, wo du mich musikalisch und inhaltlich abholst. Du leitest mich durch ein echtes Album, das sich in einer Leichtfüßigkeit über Genres hinwegsetzt, Funk, Rock, Folk kombiniert, keine Angst vor einer fast schon zuckersüßen Ballade zeigt… Bist du einer, der diese stilistische Breite für sich sucht?

Für mich war die Idee, dass das Album eine Momentaufnahme von dem wird, was alles in der Entstehungsphase passiert ist. Es sollte genau gegenwärtig sein, wie es der Titel suggeriert, dass es der Zustand im Jetzt ist. Ich wollte kein Album machen, wo ich sehnsüchtig in die Zukunft schaue oder mich die ganze Zeit auf die Vergangenheit konzentriere. Als Musikkonsument, der sehr playlist-basierte Dinge hört, ist es sehr sprunghaft gewesen. Da war der Jakob ein großer Beschützer für mich, weil ich doch stark von Selbstzweifel geplagt war, ob wir das jetzt so machen sollen, ob es so Sinn macht. Er war der bestärkende Partner für mich, weil er gesagt hat, wie machen das, wir können das und wir schaffen das auch. Man denkt immer an den roten Faden. Witzigerweise ist es so, dass je weniger man daran denkt, desto mehr kommt er. 

Dieser Flow hat dann offenbar so einen Song wie „Großstadtcowboys“ entstehen ließ, ein wunderschönes Liebeslied ohne Kitsch. Da habe ich mich gefragt, ob du der, sonst so abgeklärt und cool wirkt, nicht auch ein ganz großer Romantiker ist?

In den Liedern kann ich Wunschvorstellungen von mir selbst ausdrücken. Es ist, als würde ich ein Kostüm anziehen oder ein Superheld werden. Ich kann der coole Typ sein, dem alles egal ist, und im nächsten Moment kann ich mich ehrlich zu mir selbst bekennen. Das Schöne ist, dass niemand sagen kann, was von den 15 Songs ich in echt bin. Dadurch entsteht für mich auch diese gesunde Distanz zur Kunstfigur. In der Musik sollten nicht alle Hörer mich, sondern sich selbst erkennen können. Darum geht es mir.

Aber man kann dann schon auch dich erkennen, dieses jungen Mann, der sehr gut formulieren kann, und ein genauer Beobachter ist. Ist dir diese Gabe, dieses Talent bewusst?

Nein, aber danke. Ich habe mich in der Album-Phase dazu bekannt, dass Musiker mein Beruf ist, und das war wunderschön als Erfahrung. Dadurch hat das Reden über ein Hobby aufgehört. Das ist eine schöne Bestimmung, die ich für mich gefunden habe. Dadurch habe ich gelernt, dass alles, was ich lese, sehe, höre, erlebe gesellschaftliche Beobachtungen sind, die ich in ein mediales Produkt verpacken kann. Ich habe mich in diese Idee, das machen zu können, verliebt. 

Du hast diesen Prozess auch gebraucht?

Absolut. Es ist halt schwer. Gerade in der heutigen Zeit herrscht auf Männer ein unglaublicher Erwartungsdruck, als High-Performer in einer superkapitalistischen Welt viel Geld zu verdienen. Ich habe genauso einen Typen in einem Kaffeehaus beobachtet, der in einem Gespräch über einen Podcast geredet hat, als wäre es eine Religion. Er hat es richtig angepriesen, das war sein Messias, der ihn da erhört. Da habe ich mir gedacht, wahrscheinlich ist die Glaubwürdigkeit von Podcasts auf demselben Level wie Religionen. Daher kam dann die Zeile „Wie soll ich an Jesus glauben, wenn er keinen Podcast hat“ in „Claire’s Lieblingssong“. 

Was lernst du aus dem Beobachten anderer Menschen über dich selbst?

Dass die schwierigste Aufgabe des Menschen ist, Erfüllung in seinem eigenen Leben zu finden. Dass wir alle tief im Inneren glücklich sein wollen und ich meine nicht Glück im materialistischen Sinne. Ich glaube, es ist ein psychologischer Zustand von „ich bin zufrieden mit mir selbst“. Viele vergessen das in einer Welt, die wahnsinnig beanspruchend auf deine Sinne funktioniert. Ich glaube, dass die Reise zur eigenen Zufriedenheit das Allerwichtigste ist, was leider die meisten Menschen vergessen – zugunsten anderer Dinge, die es temporär laut ihnen braucht.

Das Album: fiio „wir werden nur was wir schon sind“ (Sony Music)

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Autor
Reinhold Gruber
Lokalredakteur Linz
Reinhold Gruber
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