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Kultur

"Into the Night": Belvedere lädt ins Nachtcafe

13. Februar 2020 14:02 Uhr

 
„Damenkneipe“ von Rudolf Schlichter 

In der neuen Ausstellung "Into the Night" im Unteren Belvedere taucht der Besucher in der am Donnerstagabend eröffnenden Schau in die Welt der Nachtlokale zwischen Wien und Paris, Teheran und Harlem oder London und Nigeria ein.

"Die Avantgarde im Nachtcafe" lautet der Untertitel der gemeinsam mit dem Londoner Barbican Museum entwickelten Schau, die einen Streifzug durch die Parallelwelt der Kabaretts, Cafes und Clubs zwischen den 1880er- und 1960er-Jahren ermöglicht. Für Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig ist die bis zum 1. Juni laufende Schau eine "Ausstellung der Entdeckungen", wie sie am Donnerstagvormittag bei der Presseführung schwärmte. Mit jedem Club tauche man in ein anderes Milieu ein. "Das waren jeweils sozial-, aber auch realpolitische Orte", spielte Rollig auf die spezielle Funktion der Nachtlokale an, in denen "Regeln außer Kraft gesetzt, Geschlechteridentitäten aufgehoben und die Rolle der Frau neu verhandelt wurden". Nicht zuletzt haben die Orte auch Avantgarde-Künstler aller Gattungen angezogen und "ein interdisziplinäres Arbeiten ermöglicht", was durch zahlreiche Kunstwerke, die neben Einrichtungsgegenständen, Plakaten und Programmheften zu sehen sind, verdeutlicht wird. Zu sehen sind Werke von u.a. Hans Arp, Otto Dix, Josef Hoffmann, Elfriede Lohse-Wächtler, Oskar Kokoschka oder Koloman Moser.

Hervorgehoben werden die unterschiedlichen Biotope vom Pariser "Chat Noir" über die "Cave of the Golden Calf" in London bis hin zum "Cafe de Nadie" in Mexico City durch eine aufwendige Ausstellungsarchitektur, die nicht nur durch die unterschiedlichen Farbgebungen und Lichteffekte überzeugt, sondern durch die hoch oben angebrachten hölzernen Konstruktionen einen gewissen Werkstattcharakter verströmt. Als eines der Highlights überrascht der originalgetreue Nachbau der Bar des 1907 gegründeten "Kabarett Fledermaus" in Wien, für den die Universität für Angewandte Kunst im Rahmen eines Forschungsprojekts über 7.000 Keramik-Teile hergestellt hat, wie Co-Kuratorin Florence Ostende vom Barbican erläuterte.

"In der ersten umfassenden Schau zu diesem Thema werden die alternativen Schauplätze der Moderne gezeigt, die sich als kreative Freiräume zum Nährboden kulturellen Denkens entwickelten", so Rollig. Am Ausgangspunkt der Schau im Unteren Belvedere taucht der Besucher in die Welt des Pariser "Chat Noir" ein, das in den 1880er Jahren quasi die Nachtcafe-Kultur begründete und mit seinem in der Ausstellung ebenfalls zu erlebenden Schattentheater die Kinokultur vorwegnahm. Weiters veranschaulichen originale Programmhefte, Poster und Zeichnungen der Szenerie im Cafe die Stimmung, hinzu kommen Werke wie Theophile-Alexandre Steinlens "Les Chats noirs" (1885), Adolphe-Leon Willettes "La Vierge verte" (um 1881) oder Lithografien von Henri de Toulouse-Lautrec ("Miss Loie Fuller", 1893), die auch die künstlerische Auseinandersetzung mit der neuen Lokalität dokumentieren.

30 Jahre später feierte die Londoner "Cave of the Golden Calf" ihren Höhepunkt (1912-1914): Der entsprechende Raum im Belvedere zeigt unter anderem Entwürfe für das dortige Wandgemälde von Spencer Gore oder einen Vorhangentwurf von Wyndham Lewis sowie Fotos und Programmzettel des Clubs. Die weitere Reise spült den Besucher ins Zürcher "Cabaret Voltaire", das maßgeblich zur Entstehung des Absurden beitrug und die Heimstätte des Dadaismus war. Zu sehen sind Masken und Plakatentwürfe von Marcel Janco sowie Fotos von Hugo Ball und Emmy Hennings. Ins Moskau des Jahres 1918 entführt man mit dem "Cafe Pittoresque", ins Rom der frühen 1920er-Jahre mit dem "Bal Tic Tac" und dem "Cabaret del Diavolo", in dem sich künstlerisch der Futurismus niederschlug.

Einen Raum für die Avantgarde bot auf der anderen Seite der Welt - in Mexico City - das "Cafe de Nadie", das während der mexikanischen Revolution als Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller des Estridentismus diente. Beeindruckend sind etwa die zahlreichen damals entstandenen Holzdrucke von Künstlern wie Gabriel Fernandez Ledesma, Justino Fernandez oder Francisco Diaz de Leon.

Insgesamt widmet sich die Schau, die davor schon in London zu sehen war, zwölf Etablissements und deren künstlerischem Umfeld. Der Blick reicht bis in die Jazz Clubs von Harlem oder das vorrevolutionäre Teheran. Selbst ein Abstecher in das damals in die Unabhängigkeit entlassenen Nigeria der 1960er-Jahre findet sich in der Schau. Mit 320 Werken bietet die Ausstellung einen tief greifenden Einblick in eine kunsthistorisch bisher wenig aufgearbeitete Parallelwelt, die auch einen zweiten oder dritten Besuch vertragen kann. Das ist etwa bei einer der zahlreichen Veranstaltungen im Rahmenprogramm möglich, das Performances, Spezialführungen und musikalische Darbietungen umfasst.

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