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Kultur

Politik-Hickhack? Wrabetz: „Da muss man durch“

Von Peter Grubmüller   06. August 2011 00:04 Uhr

Politik-Hickhack? „Da muss man durch“
Alexander Wrabetz rechtfertigt längere Werbezeiten mit Investitionen ins Programm.

Es steht so gut wie fest: Am Dienstag, 9. August, wird Alexander Wrabetz als ORF-Generaldirektor wiedergewählt werden. Die OÖNachrichten sprachen mit dem mächtigsten Medienmann des Landes über politische Einflussnahme, über seine Programmvorschläge und über Zurufe seiner Vorgänger.

OÖN: Wann sind Sie zuletzt mit einer guten Idee an den politischen Verhältnissen rund um den ORF gescheitert?

Wrabetz: Hmmmmm, da muss ich lange nachdenken, weil ich mich an keinen Fall erinnern kann.

OÖN: Zuletzt gab es allerdings eine intensive, von Parteifärbungen geprägte Diskussion über Ihre Personalbestellungen.

Wrabetz: Das stimmt, aber wenn man heute die Arbeit der Personen, um die es damals gegangen ist, bewertet, dann gibt es überhaupt keine Kritikpunkte: Bettina Roither, neue Ö1-Chefin, äußerst erfolgreich, im Radiotest hat sie mit ihrem Team noch weiter zugelegt. Waltraud Langer, Magazin-Chefin – Stefan Ströbitzer, Radio-Chefredakteur – Karl Amon, Radiodirektor – an deren Arbeit kann man nichts kritisieren. Fritz Dittlbacher, Chefredakteur des ORF-Fernsehens, es kommen nicht einmal von Gegnern und Kritikern Vorwürfe, er würde nicht hervorragend arbeiten.

OÖN: Aber gerade bei Dittlbacher kam doch die Kritik, er sei rot punziert, aus dem eigenen Haus?

Wrabetz: Trotzdem, nach einem Dreivierteljahr seiner Arbeit gibt es keine einzige Kritik, weder aus dem Haus noch von außen. Nicht einmal von Politikern, die es sonst nicht scheuen, den ORF öffentlich zu kritisieren. Dittlbacher hat den Realitätsbeweis erbracht.

OÖN: Trotzdem hat Gerhard Zeiler – einer Ihrer Vorgänger – gesagt, dass er nicht zur Wahl antrete, weil er die SPÖ nicht spalten wolle?

Wrabetz: Ich habe angesichts der Rahmenbedingungen mit schwarzen Zahlen und Marktführerschaft in den Bereichen Fernsehen, Radio und Online einen Job erledigt, der es üblich machen würde, das Mandat zu verlängern. Ich verstehe, dass Zeiler gerne in Österreich arbeitet. Dass er dann beleidigt war, weil er vielleicht nicht so viel Gehör gefunden hat, das ist seine Sache. Ich weiß auch nicht, wie er zu dieser Aussage gekommen ist. Meines Wissens hat er nicht mit Stiftungsräten, die ja die Entscheidung treffen, gesprochen, sondern mit einzelnen Politikern.

OÖN: Die Kritik an Ihrer Bewerbung ist, dass sie kaum Programmideen beinhaltet. Welche konkreten Programmvorschläge haben Sie?

Wrabetz: Ich habe ein Unternehmenskonzept vorgelegt, das die wichtigen Fragen für das Unternehmen anspricht. Es sollte keine Jahresprogrammplanung sein. Trotzdem sind konkrete Ideen drinnen: Mir wird es erstens wichtig sein, in der nächsten Periode sehr stark auf Dokumentationen zu setzen. In meiner ersten Geschäftsführer-Periode haben wir die Jahre 1938 bis 1945 aufgearbeitet, wir setzen das im Herbst mit einer Reihe über das Thema „Kriegsgefangenschaft“ fort. In der nächsten Periode wollen wir uns zeitgeschichtlich den 50er, 60er, 70er Jahren bis herauf in die Gegenwart zuwenden. Wir werden uns mit den großen Fragen unserer Zeit beschäftigen, von den großen Themen der Energie über Klimawandel bis zur Migration.

OÖN: Und zweitens?

Wrabetz: Ich möchte die österreichischen Produktionen auf einem hohen Niveau halten und noch weiter verbessern – etwa österreichische Serien, wie „Schnell ermittelt“, österreichische Filme, wie „Der Aufschneider“ – das will ich deutlich ausbauen. Auch weil wir mit den amerikanischen Produkten immer mehr Probleme bekommen.

OÖN: Welche Probleme?

Wrabetz: Erstens kommt zu wenig nach, weil die einzig erfolgreiche Dauerserie in den USA seit Jahren „Mein cooler Onkel Charlie“ ist, und ich hätte am Samstagabend auch lieber österreichische Filme als den „Charlie“. Außerdem werden die Serien auf den unterschiedlichen Sendern und Plattformen immer rascher abgespielt, und wir wollen schließlich bei unserer Unverwechselbarkeit Akzente setzen. Das ist auch immer eine Frage der Finanzierung, ein gut gemachter österreichischer Film kostet eineinhalb Millionen Euro – eine amerikanische Serie 20.000 Euro.

OÖN: Es haben sich neben Karin Kraml (einst Resetarits, Anm.) und Christian Wehrschütz völlig Unerfahrene beworben, mindestens zwei davon bloß aus Jux. Was sagt die Liste der Bewerber über den Zustand des Amtes aus?

Wrabetz: Nichts Negatives. Ein positiver Aspekt ist, dass es zeigt, dass der ORF wahnsinnig wichtig für das Land ist. Ich kenne das als Vorstand der EBU (European Broadcasting Union, Anm.), dass in den meisten anderen europäischen Ländern der Vertrag des Direktors, der seine Sache gut macht, einfach verlängert wird... Bei uns – auch zum Glück – ist der ORF offensichtlich so wichtig, dass man sich auch mit Leuten beschäftigt, die ihre Bewerbung nicht einmal selbst ernst nehmen. Genau genommen sprechen wir ja auch nicht unbedingt von einer Wahl, sondern da geht es um die Bestellung des Geschäftsführers eines großen Unternehmens, der Ziele erreichen soll.

OÖN: Halten Sie den Vorgang der Wahl durch den Stiftungsrat insgesamt für antiquiert? Wäre eine geheime Wahl nicht besser?

Wrabetz: Schwierig, einen Modus, nach dem man selbst bestellt wurde, zu kommentieren. Es ist jedenfalls besser, offener und demokratischer als zum Beispiel in Frankreich, dort wird derjenige einfach vom Staatspräsidenten bestimmt.

OÖN: Privatsender und Zeitungsverleger kritisieren Ihren Wunsch, die Werbezeiten auszuweiten, sehr heftig. Wie argumentieren Sie Ihre Ansprüche?

Wrabetz: Ich weise darauf hin, dass wir im ORF extrem stark eingespart haben, um wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Dort wollen wir auch bleiben. Weitere substanzielle Einsparungen würden zu Lasten der Qualität gehen, daher müssen wir die Möglichkeit haben, auch wieder ins Programm zu investieren. Und wenn man gleichzeitig anstelle von „Mein lieber Onkel Charlie“ mehr eigenes Programm möchte, dann will ich auch die Möglichkeit zur Investition in diese Richtung haben. Wir denken ja auch nicht daran, die grundsätzlichen Parameter des österreichischen Werbemarktes zu verändern, sondern es geht etwa darum, zur geplanten Frühinformation Werbung zu ermöglichen. Das wird die anderen Mitbewerber nicht beeinträchtigen. Wir haben das Problem, dass weit über 300 Millionen Euro in die österreichischen Werbefenster fließen, wovon überhaupt nichts zu den österreichischen Fernsehproduktionen zurückfließt.

OÖN: Muss das Publikum Werbeunterbrechungen bei Filmen befürchten?

Wrabetz: Ganz sicher nicht, dieses Thema werden wir nicht anrühren.

OÖN: Sie wünschen sich auch langfristig eine Gebührenrefundierung, die Ihnen nun für ein Jahr zugestanden wurde.

Wrabetz: Von rund 19 Euro, die vom Zuseher in Oberösterreich bezahlt werden, bekommt der ORF nur 15,10 Euro. Fast vier Euro gehen an den Bund. Diese Gelder, die der Bund unter dem Titel Rundfunkgebühr kassiert, möchte ich für die 300.000 Österreicher, die zu Recht von der Gebühr befreit sind, als Refundierung haben. Das bewerte ich als logisch und solidarisch. Der ORF hat immer vertreten, dass uns das zusteht. Das eint mich mit all meinen Vorgängern, wenn uns auch sonst nicht so viel eint.

OÖN: Apropos Vorgänger: Gerhard Weis empfiehlt, den ORF in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Was halten Sie davon?

Wrabetz: Wir haben ja schon in der aktuellen Stiftungsrat-Konstruktion viele aktienrechtliche Elemente. Ich halte das für keinen guten Vorschlag, weil in dem Moment, in dem der ORF eine AG ist, gibt es Eigentümer, und Eigentümer können ihr Eigentum auch verkaufen. Und unseren gesellschaftlichen Auftrag können wir als Rundfunk nur wahrnehmen, wenn wir im Eigentum der Gesellschaft bleiben und nicht privatisiert werden.

OÖN: Eine andere Vorgängerin, Monika Lindner, reitet die Attacken noch schärfer. Sie sagt, Ihre Ausschreibung für eine Direktorin sei eine intellektuelle Beleidigung für Frauen. Was sagen Sie dazu?

Wrabetz: Dass Frau Doktor Lindner das Gesetz nicht genau gelesen hat. Es ist gesetzlich geregelt, wie eine Ausschreibung auszusehen hat. Und wie ich weiß, war sie ja selbst in halb Europa unterwegs, um einen Gegenkandidaten oder eine Gegenkandidatin für mich zu finden.

OÖN: ÖVP-Klubomann Karlheinz Kopf sagt, Sie würden täglich beweisen, dass Sie den Job nicht beherrschen. Wie ist es zu schaffen, dieses politische Hickhack aus dem ORF zu verbannen?

Wrabetz: Natürlich wünscht man sich, dass es weniger wird. Aber wenn man den Job machen will, muss man gelassen bleiben. ÖVP-Klubobmann Kopf hat noch vor etwas mehr als einem Jahr gesagt, es sei logisch, dass ich den Job weitermache. Ich weiß mitunter mehr als die Öffentlichkeit, warum gerade jetzt wieder Attacken kommen, ich kenne die Hintergründe. Da muss man durch. Umgekehrt kann man mit diesem Unternehmen so viel Tolles bewirken und bewegen. Es lohnt sich, das auszuhalten.

 

 

zur Person: Alexander Wrabetz

Wrabetz wurde 1960 in Wien geboren, nach der Matura studierte er Rechtswissenschaften (Uni Wien, 1978–1983, Promotion zum Dr. jur.).
1982 arbeitete er ein Jahr lang als freier Mitarbeiter beim ORF-Wien, 1984–1987: Girozentrale und Bank der Österreichischen Sparkassen.
1987–1992: Österreichische Industrieholding AG (Assistent des Vorstandsvorsitzenden – Prokura 1989), 1990: Generalsekretär der ÖIAG, Aufsichtsrat bei etlichen Unternehmen (darunter: VAMED, Voest Alpine Intertrading/von 1992 bis 1994 Geschäftsführer in Linz, Kabel und Draht AG/Wien).
1998–2006: Kaufmännischer Direktor beim ORF, seit 2007: ORF-Generaldirektor.
Er ist mit der Ärztin Petra Wrabetz verheiratet, die beiden haben drei Kinder: Niko (1988), Philip (1991), Julia (1993).
Berechtigt zur Wahl des ORF-Generaldirektors sind 35 Stiftungs-räte. Es genügt die einfache Mehrheit, wenn mindestens 18 Stiftungsräte räumlich anwesend sind.

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