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Eine Oper zwischen Macht und Geilheit, die mit Traditionen des Genres bricht

Von Michael Wruss, 14. August 2018, 00:04 Uhr
Eine Oper zwischen Macht und Geilheit, die mit Traditionen des Genres bricht
Lustvoll packend: Sonya Yoncheva (Poppea, l.), Kate Lindsey (Nerone) Bild: APA/BARBARA GINDL

Salzburger Festspiele: Monteverdis "Poppea" als raffiniertes offenes Spiel von Getriebenen

Die Premiere der Neuproduktion von Claudio Monteverdis Oper "L’incoronazione di Poppea" bei den Salzburger Festspielen spaltete gewissermaßen das Publikum.

In solche Besucher, die dem neuen Konzept des Universalkünstlers Jan Lauwers folgen konnten und wollten, und in solche, denen eine Inszenierung fehlte. Denn um in die Gedanken- und Bilderwelt Lauwers’ hineinfinden zu können, muss man sich vom traditionellen Opernbegriff trennen. Seine Inszenierung, die reale Personen und nicht griechische Mythen auf die Bühne stellt, wirkt wie eine statische Oberfläche, unter der es gefährlich brodelt. Wie ein Fluss, unter dessen Eisdecke das Wasser bedrohlich strömt.

So sind die zentralen Figuren sehr statisch, doch um sie herum entsteht durch die beeindruckende "BODHI PROJECT & SEAD Salzburg Experimental Academy of Dance" ständig Bewegung. Als Darstellung jener, die in der Oper nicht vorkommen und doch davon am meisten betroffen sind. Menschen mit oder ohne Behinderungen, Spleens und Mitgefühl.

Kein Funken Menschlichkeit

Ein Volk, das ein Spiegel seiner Herrscher ist, im Strudel von Gewalt und Macht. So drehen sich abwechselnd, aber bis zum Schluss durchgehend, Tänzer auf einer kleinen Kreisfläche. Bewegungen, die in ihrer fortlaufenden Routine zu erstarren scheinen. Es gibt keine Räume, keine geschlossenen Szenen. Das Geschehen? Von Anfang an offen. Das bedeutet aber auch, dass die bei Monteverdi sehr intensiv komponierten Interaktionen zur Eindimensionalität gefrieren. Es scheint immer unglaublicher, dass in diesen von Macht, Geilheit und Gier besessenen Personen nur ein Funken Menschlichkeit stecken mag. Jan Lauwers (auch Bühne, Choreografie) bricht weitgehend mit allen Traditionen des klassischen Musiktheaters, aber auch des Regietheaters. Sein Zugang ist ein neutraler, der nicht versucht, eine fertige Interpretation anzubieten, zum Nachdenken anregt und trotzdem packende Szenen schafft.

Die Sänger haben das Konzept großteils ideal mitgetragen. Allen voran Kate Lindsey als Nerone, als fast gefühlstote Machtmaschine. Sonya Yoncheva ist eine stimmlich fabelhafte Poppea, ihre Machtgier kocht sehr stark unter nobler Contenance. Stéphanie d’Oustrac imponiert als hochemotionale Ottavia wie Carlo Vistoli als beeindruckender Ottone. Renato Dolcini weiß die Partie des Seneca ideal umzusetzen und begeistert wie auch Marcel Beekman als Nutrice und Dominique Visse als köstlich komische Arnalta. William Christie vertraut mit seinen Les Arts Florissants vor allem auf einen groß besetzten Basso Continuo, der vielleicht noch vielfältiger hätte eingesetzt werden können. Ob die Idee, alles vom Cembalo aus zu leiten, immer gut war, bleibt zu hinterfragen, manches hätte mehr Elan gebraucht. Doch insgesamt eine großartige Leistung.

Fazit: Eine beachtenswerte Aufführung, die in vielen Details Traditionen des Genres hinter sich lässt. Neue Möglichkeiten und Wege der Oper wurden brillant angedacht.

Salzburger Festspiele: Premiere von Claudio Monteverdis Oper "L’incoronazione di Poppea", 12. 8.

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