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Kultur

Die unwürdigen Spielregeln des Literaturbetriebs

Von Christian Schacherreiter   17. Juli 2014 00:04 Uhr

Die unwürdigen Spielregeln des Literaturbetriebs
Marlene Streeruwitz leiht der fiktiven Autorin Nelia Fehn ihre Stimme.

Die Leute vom Film haben es leichter als die Schriftsteller. Sie können, wenn es um große Preise geht, unbefangen ihre Anspannung zeigen, ihre Freude oder ihre Enttäuschung.

Eine Oscar-Verleihung ist ein offenes Mediendrama, denn alle wissen: Es geht um Erfolg, Eitelkeit und Geld. Die Verleihung des Deutschen Buchpreises auf der Frankfurter Buchmesse hingegen ist eine verkorkste Angelegenheit. Es geht zwar hier auch um Erfolg, Eitelkeit und Geld, aber man darf das nicht so direkt sagen, denn die Literatur gilt trotz überstandener Postmoderne immer noch als essentiell kritisches Medium. Es wendet sich – zumindest bei Marlene Streeruwitz – gegen Kapitalismus, Opportunismus und spießige Unterhaltung.

Sexappeal der Macht

"Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab", sagt Nelia Fehn, die Protagonistin in Streeruwitz’ "Nachkommen", einem Roman über die Spielregeln des Literaturbetriebs. Nelia ist eine junge österreichische Autorin, deren Debütroman auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis vorgestoßen ist. Sie reist nach Frankfurt, begegnet dort ihrem Verleger Gruhns, einem stets gehetzten Ungustl, und bleibt, nachdem der Preis einer anderen Autorin zugesprochen worden ist, etwas verloren in der Oktoberkälte stehen. Das hat sie sich alles ein bisschen würdiger und schöner vorgestellt.

In Frankfurt lebt auch Nelias leiblicher Vater Professor Martens. Die familiäre Vorgeschichte ist kompliziert. Nelias Mutter Dora, die bis zu ihrem frühen Tod auch Schriftstellerin war, hat sich im Zorn von Martens, der mit einer anderen verheiratet war, getrennt. Zwischen Vater und Tochter gab es daher keinerlei Kontakt. Als aber Nelia zur Buchmesse kommt, ersucht sie der mittlerweile 75-jährige Vater um ein Treffen. Kann das nach so vielen Jahren noch etwas werden? Der Alte scheint vor allem den Sexappeal auszukosten, den ihm seine Macht im Literaturbetrieb immer noch verleiht.

Marlene Streeruwitz rechnet mit einer detailversessenen Leserschaft ab, denn respektable 428 Seiten kommen vor allem dadurch zustande, dass die Autorin ihrer Heldin auf Schritt und Tritt folgt und im Sekundenstil jeden Griff zum Labello-Stift protokolliert. So lernt man nicht nur die Figuren und ihre Geschichte, sondern gleichzeitig auch halb Frankfurt kennen. "Sie ging nach rechts über zwei Straßen und dann noch einmal über die breite Querstraße, und dann war sie auf einem Weg zwischen Bäumen."

Fiktion wird Realität

Ob man das immer so genau wissen will, bleibe dahingestellt. Tempo macht nicht die Handlung, sondern jener Stakkato-Stil der knappen Sätze, den Streeruwitz zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland", so lautet der Titel des fiktiven Romans von Nelia Fehn im Streeruwitz-Roman "Nachkommen", aber bei der Fiktion wird es nicht bleiben. Im Herbst soll ein Roman mit diesem Titel erscheinen. Marlene Streeruwitz leiht Nelia Fehn ihre Stimme. Nicht unwitzig, diese Idee. Vielleicht ein Buch für die Shortlist.

Marlene Steeruwitz: "Nachkommen". Roman, S. Fischer, 428 Seiten, 20,60 Euro.

OÖN Bewertung:

 

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