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Kommentar

Abschieben: Aus den Augen, aus dem Sinn

Von Werner Gerstl   14. Oktober 2010

Deportation heißt jemand zwangsweise wegschicken. Klingt uns dieser scheußliche Begriff aus vergangenen Tagen nicht furchtbar nach?

Natürlich, aber kommen sie wieder? Sie kommen in der Nacht im Morgengrauen. Bewaffnete Beamte, oder Männer im langen Mantel und mit Hut. Sie fahren langsam vor und stürmen ein Haus, verpacken wortlos Kinder und Eltern in ein Auto und stecken sie in eine Zelle. Sie machen das so früh, dass kein Aufsehen erregt wird.

Ihnen ist nichts vorzuwerfen, denn sie erfüllen nur einen Auftrag, jenen im Hintergrund, die den Befehl erteilen oder die Gesetze so herrichten. Dann ist alles wieder still, da und dort ein Protest aber kein Aufschrei. Opfer sind Kinder, die hier zu Hause sind, unsere Gepflogenheiten, unseren Kindergarten und unsere Schulen kennenlernten, Kinder die unsere Sprache und unsere Kultur erlernten und die dankbar, voller Urvertrauen blieben, bis zu diesem Tag.

Die Saat ist aufgegangen

Die Saat der Hetzer geht auf, zuerst kommt die Verdächtigung, dann der Spott dann die Reinigung und die vermittelte Überzeugung an das Volk, dass diese Menschen nicht so leiden, wie Einheimische, weil sie sich illegal da aufhalten, weil sie stumpfer sind, das Leid nicht so spüren.

Die Suggestion gelingt, die Abstumpfung kommt. Die Saat jener geht auf, die mit geschickter Strategie die Schuld verkünden und plötzlich entdeckt jeder die vaterländische Pflicht. Die Exekution gelingt. Und Recht haben die Politiker, die Hardliner und leider auch die Hardlinerinnen, die das desensibilisierte Feld besetzen und jetzt ihre Entscheidungen ohne Protest treffen können.

Das war die Saat, die bereits einmal aufgegangen war, die Menschen kopf- und haltlos machte. Und ich schäme mich zutiefst für diese Niedertracht, für den Verlust der Empathie und des Mitleides in unserem schönen Land.

Psychische Hinrichtung

Ich nenne das, was den Kindern und der Familie angetan wurde eine psychische Hinrichtung, eine Zerstörung des sozialen Netzwerkes. Ich habe mir vorgestellt, wie es den Kindern und auch dem Vater geht, wenn sie aus dem Flugzeug blicken und den Transport in das Elend wahrnehmen, ohne Mutter. Das Verjagen unter Polizeischutz werden sie nie vergessen.

Das allerschrecklichste an diesen und anderen schon geübten und in Masse zu erwartenden Vorgangsweisen ist aber, dass unsere Kinder das wahrnehmen und für gut befinden müssen, dass sie manipuliert werden.

Unsere Kinder, die mit diesen beiden Mädchen eine Schulbank teilten und plötzlich sind sie weg, der Platz bleibt leer und da müsste für die sozial gebildeten Erwachsenen doch eine Nachhallerinnerung wach werden: „Wo sind sie hin und warum? Sie wurden geholt, abgeholt, jetzt wird es ihnen gut gehen in der Heimat.“

Beantworten wir die Fragen so verlogen oder sagen wir: „Wisst ihr, diese Leute gehören nicht hierher, sie waren sechs Jahre hier und jetzt ist Schluss mit dem Schmarotzen unserer Sozialleistungen“ so oder wie?

Ich, als Pädiater und Kinderpsychiater, der in diese Seelen blicken kann, wiederhole noch einmal, dass die Kinder psychisch sterben werden.

Ich frage mich, wohin wir in diesem Land bereits wieder geraten sind.


Werner Gerstl, Kinderpsychiater Primarius i. R. der Landeskinderklinik Linz

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