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Wirtschaft

Warum das Paradies für grüne Energie mehr Dampf machen könnte

Von Dietmar Mascher aus Reykjavik   14. Mai 2022 00:05 Uhr

Warum das Paradies für grüne Energie  mehr Dampf machen könnte
Island-Attraktion „Blaue Lagune“: Tourismus als Folge von Energiegewinnung

Island ist auf dem besten Weg zur Klimaneutralität, beim weiteren Ausbau der Erneuerbaren gibt es aber auch im hohen Norden massive Widerstände.

Vor 90 Jahren war Island nicht nur eines der ärmsten Länder weltweit, sondern auch sehr schmutzig. Über der Hauptstadt Reykjavik hatte sich fast das ganze Jahr über eine Smog-Wolke festgesetzt – eine Folge der Kohleheizungen. Heute ist die europäische Insel, die dem amerikanischen Kontinent fast so nahe ist wie dem europäischen Festland, wirtschaftlich auf einer Höhe mit Österreich und vor allem ein Vorzeigeland beim Kampf gegen den Klimawandel und bei der Umstellung auf erneuerbare Energie.

Was heute selbstverständlich erscheint, war aber auch im hohen Norden eine Folge massiver Verwerfungen, wie der Besuch einer Delegation aus Energiewirtschaft und Forschung (Energie AG und Energieinstitut an der JKU) in Reykjavik zeigt.

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"Es war die Ölkrise, die Island massiv zum Umdenken brachte. Da haben wir den Fokus auf regionale Energieversorgung gelegt und die Umstellung mit Kreditprogrammen für neue Heizungssysteme gefördert", sagt Marta Ros Karlsdottir von der nationalen Energieagentur Orkustofnun.

Dass Island 2040 klimaneutral sein wird, daran bestehen kaum Zweifel. Bei der Stromversorgung und beim Heizen ist es das Land schon jetzt. Und beim Verkehr ist das Land hinter Norwegen Nummer zwei bei der Umstellung auf E-Mobilität.

Warum das Paradies für grüne Energie  mehr Dampf machen könnte
Geothermiekraftwerk Hellisheidi: Energie-AG-Vorstand Stefan Stallinger, Landesrat Markus Achleitner, Generaldirektor Werner Steinecker (v.l.)

Die Voraussetzungen, das Land klimaneutral zu machen, sind freilich ideal. Die Vulkaninsel nützt die Erdwärme (Geothermie), die Flüsse und das Meer. Im Kraftwerk Hellisheidi, einem der größten Geothermiekraftwerke der Welt, wird Wasserdampf aus bis zu 2200 Metern Tiefe genützt. Hier wird so viel Strom erzeugt und Wärme gewonnen, dass die Bewohner Islands dreimal versorgt werden könnten.

Die Gase, darunter auch CO2, die bei der Förderung mit nach oben kommen, werden abgeschieden und mit Wasser vermischt. Das "Mineralwasser" wird dann wieder in die Erde gepumpt, wo es mineralisiert und gebunden wird. "Carbon Capture" ist eines der zentralen Forschungsgebiete in Island. Es wird auch daran gearbeitet, den Energierträger Methanol zu erzeugen. Erste Anlagen werden in China und Skandinavien bereits errichtet.

Warum das Paradies für grüne Energie  mehr Dampf machen könnte
Forschungsreise: Johannes Reichl, Robert Tichler und David Finger vom Energieinstitut an der Johannes Kepler Universität

Industrie und Tourismus

Der größte Teil der Energie in Island wird für die Aluminiumproduktion verwendet, die sich auf der Insel angesiedelt hat, beim Bau eines 680-Megawatt-Kraftwerks waren VA Tech Hydro bzw. Andritz maßgeblich beteiligt. Damit ist es gelungen, mehr Wertschöpfung ins Land zu bekommen.

Doch Island nützt die Geothermie nicht nur für die Energiegewinnung, sondern auch für den Tourismus. Dieser ist neben der Fischerei ein wesentlicher Faktor geworden. Manchmal passt das zusammen, wie bei der "Blauen Lagune". Das Geothermie-Projekt Svartsengi etwa, das Meer- und Süßwasser nach oben pumpt und daraus Strom und Fernwärme erzeugt, hat das Salzwasser in ein umliegendes Lavafeld gepumpt und später ein Thermalbad errichtet, das heute eine der (sündteuren) Attraktionen der Insel ist.

Andererseits wird die Energieerzeugung auch von Tourismus und Naturschutz zum Teil vehement bekämpft. Eine Reihe von Kraftwerksprojekten liegt auf Eis, weil es dagegen Widerstand gibt. So wäre Island auch begünstigt, was die Stromgewinnung aus Windkraft betrifft. Die Projekte, die es gibt, haben das Potenzial von rund 15 Terawattstunden. Aber die Zahl der Windräder ist geringer als in Oberösterreich.

Dass bei neuen Projekten wenig weitergeht, hat mehrere Gründe. Der Bedarf des Landes selbst ist gedeckt. Und um Energie exportieren zu können, braucht es auch langfristige Investitionen und Logistik. Ein Ansatzpunkt könnte die Herstellung von grünem Wasserstoff sein, der bei der Energiewende eine zentrale Rolle spielt.

Dazu wird in Reykjavik auch geforscht, und hier gibt es Anknüpfungspunkte zu Oberösterreich: Denn mit David Finger ist ein langjähriger Professor der Universität von Reykjavik seit einem Jahr Mitglied des Energieinstituts der Johannes Kepler Universität. "Grüner Wasserstoff kann nicht in Europa allein hergestellt werden. Wir müssen danach trachten, auch andere Quellen zu finden. Das kann in Afrika über Photovoltaik geschehen, aber auch hier in Island", sagt Energielandesrat Markus Achleitner.

Auch Energie-AG-Generaldirektor Werner Steinecker hält die Brennstoffzelle und damit den grünen Wasserstoff für eine Zukunftstechnologie. "Derzeit wird Wasserstoff vor allem als Raketentreibstoff verwendet, bei der Umwandlung von grünem Strom in Gas kann Energie über längere Strecken transportiert werden, weil die Gasinfrastruktur ja bereits existiert."

Der Geschäftsführer des Energieinstituts an der Johannes Kepler Universität in Linz, Robert Tichler, verweist auf die Zugänge Islands zur Nutzung und Speicherung von CO2. Seiner Meinung nach gebe es mehrere Ansätze, wie Island und Oberösterreich in Forschungs- und Entwicklungsprojekten zusammenarbeiten könnten.

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