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Wirtschaft

"Ich glaube aus tiefstem Herzen an den Euro"

Von Hermann Neumüller und Philipp Fellinger  14. Mai 2022 00:05 Uhr

"Ich glaube aus tiefstem Herzen an den Euro"
Nationalbank-Direktor Thomas Steiner

Österreicher bleiben dem Bargeld treu, Kartenzahlungen nehmen aber zu. Der Euro verliert gegenüber dem US-Dollar derzeit an Wert.

"Red ma übern Euro" war nicht nur das Thema beim Nationalbank-Forum der OÖNachrichten, die Besucher nahmen dieses Motto auf und es entstand eine lebhafte Diskussion mit kniffligen Fragen an Thomas Steiner, Direktoriumsmitglied der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), der kurzfristig für den erkrankten Gouverneur Robert Holzmann einsprang.

? Das Bargeld verliert als Zahlungsmittel gegenüber Kredit- und Bankomatkarten. Könnte es bald wie in anderen Ländern sein, dass Bargeld überhaupt nicht mehr akzeptiert wird?

Steiner: Das Bargeld ist unser Premium-Produkt. Was wir wollen, ist Wahlfreiheit. Es soll sich jeder Bürger aussuchen können, ob er bar zahlt oder mit Karte. Es gibt bei den Bankomat- und Kreditkarten praktisch ein Oligopol, Visa und Mastercard dominieren. Was die mit den Daten machen, weiß ich nicht. Wirklich anonym ist das Bargeld und schafft damit Privatsphäre.

"Ich glaube aus tiefstem Herzen an den Euro"
Eine angeregte Diskussion über die europäische Gemeinschaftswährung im voll besetzten OÖNachrichten Forum

? Haben die Pandemie und der Krieg in der Ukraine das Zahlungsverhalten verändert?

In der Pandemie haben die Kartenzahlungen sicher zugenommen. Es hat das Gerücht gegeben, dass Bargeld die Krankheit übertragen könnte, was natürlich nicht stimmt. Als der Krieg begann, haben die Menschen Klopapier und Nudeln gekauft, und sie haben Bargeld vom Bankomaten abgehoben. Das spricht dafür, dass sie dem Bargeld und damit dem Euro vertrauen.

? Bargeldnutzung wird oft auch mit kriminellen Transaktionen oder auch mit der Schattenwirtschaft in Verbindung gebracht.

Diese Diskussion gibt es. Einige Euroländer haben Obergrenzen bei Bargeld eingeführt, um etwa Geldwäsche zu verhindern oder auch die Schattenwirtschaft. Ob das was bringt, glaube ich nicht unbedingt. Bei der Schattenwirtschaft etwa würde man sicher schnell andere Wege finden, wenn es kein Bargeld mehr geben würde.

? Die Banken reduzieren die Zahl der Bankomaten, gerade im ländlichen Raum. Was sagt die Nationalbank dazu?

Es ist eine Tatsache, dass die Bargeldumsätze zurückgehen. Aber für uns ist es keine gute Nachricht, wenn es gerade auf dem Land weniger Bankomaten gibt und die Menschen nicht mehr so leicht zu Bargeld kommen. Wir versuchen hier Maßnahmen zu setzen, damit diese Entwicklung nicht überhandnimmt. Wir sind überzeugt davon, dass die Menschen auch in den ländlichen Regionen einen möglichst einfachen Zugang zu Bargeld haben sollten.

"Ich glaube aus tiefstem Herzen an den Euro"
Eine angeregte Diskussion über die europäische Gemeinschaftswährung im voll besetzten OÖNachrichten Forum
"Ich glaube aus tiefstem Herzen an den Euro"
Schülerinnen aus Linz, Traun und Rohrbach diskutierten in Linz mit OeNB-Direktor Steiner.

? Soll man die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abschaffen?

Es gibt Euroländer, die das gemacht haben. Ich finde nichts Schlechtes an diesen Münzen.

? Die Inflation ist derzeit extrem hoch. Wann macht die Europäische Zentralbank etwas dagegen?

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat schon angekündigt, etwas zu tun. Mit Ende Juni sollen die Notfall-Programme als Reaktion auf die Pandemie auslaufen. Dann könnten Anfang drittes Quartal die Zinsen angehoben werden. Ich erwarte drei Zinsanhebungen bis zum Jahresende mit jeweils 0,25 Prozentpunkten. Ich vertraue da ganz auf die EZB.

? Höhere Zinsen bedeuten aber auch eine stärkere Belastung, etwa für jene, die ein Haus oder eine Wohnung mit bisher günstigen Krediten finanziert haben. Sieht man darin bei der Nationalbank ein Problem?

Das ist ein sehr ernstes Problem, und das ist uns auch durchaus bewusst. Wir haben bei der Nationalbank auch die Bankenaufsicht. Wir überwachen, dass die Banken Kredite nicht leichtfertig vergeben. Das sehen die Banken oft gar nicht nicht so gerne. Ähnliches gilt auch für hoch verschuldete Euroländer. Wir haben auch das auf dem Radar. Die Aufgabe der EZB ist Preisstabilität, die nehmen wir wahr. Die Zinserhöhungen erfolgen ja in kleinen Schritten. Da haben die Länder, aber auch die privaten Kreditnehmer Zeit, sich an die neue Situation anzupassen.

? Immer wieder ist von einem Crash die Rede, auch von durchaus ernst zu nehmenden Experten. Viele Menschen verlieren schön langsam das Vertrauen. Wie sehen Sie die Situation? Hat der Euro überhaupt eine Zukunft?

Ich bin Vertreter einer Institution, die natürlich an die Zukunft des Euro glaubt. Aber ganz ehrlich und persönlich: Ich finde den Euro gut. Wir drucken da kein Falschgeld. Und aus tiefstem Herzen glaube ich an die Zukunft des Euro. Das Gebäude der Währungsunion ist stabil. Ich bin überzeugt davon, dass es auch weiter stabil bleiben wird.

? Es heißt, wir werden bald zweistellige Inflationsraten haben. Wie sieht Ihre Prognose aus? Und wird es bald die Parität des Euro mit dem US-Dollar geben?

Ich glaube nicht, dass die Inflationsrate zweistellig wird, auch nicht bei den Monatswerten. Über das Jahr gerechnet werden wir von den derzeit sieben Prozent sicher herunterkommen. Das Ziel der EZB, eine Inflationsrate von zwei Prozent, werden wir aber nicht erreichen, jedoch deutlich unter dem derzeitigen Niveau. Was die Parität mit dem US-Dollar angeht: Das ist durchaus möglich. Da sind Marktkräfte am Werk. Das Zinsniveau in den USA ist dort schon höher. Das steigert die Nachfrage nach Dollar.

? Es ist immer wieder die Rede von einem digitalen Euro. Wäre der eine Alternative zu Kryptowährungen wie etwa Bitcoins?

Ich habe schon ein Problem mit dem Begriff Kryptowährung. Bitcoins, und wie sie alle heißen, sind keine Währungen, sondern Anlagevehikel. Sie haben eine ganz wichtige Funktion nicht, die eine Währung hat: jene der Aufbewahrung. Soviel ich weiß, hat der Bitcoin innerhalb einer Woche 15 Prozent seines Wertes verloren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sein Gehalt in Bitcoin ausbezahlt haben möchte.

Was den digitalen Euro angeht, sind noch viele Fragen offen, etwa wie anonym er sein soll. Auch die Frage, ob dann die Besitzer digitaler Euro direkt ein Konto bei der EZB haben werden oder ob Banken dazwischengeschaltet werden, ist noch offen. Diese Fragen müssen geklärt werden, bis wir einen Vorschlag für einen digitalen Euro auf den Tisch legen können. Das wird sicher noch einige Jahre dauern, denke ich.

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