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Wirtschaft

"Wer die Löhne senkt, der muss mit Leistungsverweigerung rechnen"

Von Hermann Neumüller   07. November 2015

"Wer die Löhne senkt, der muss mit Leistungsverweigerung rechnen"
Ernst Fehr macht lieber Experimente als mathematische Modelle

LINZ. Der Zürcher Ökonom Ernst Fehr erklärt, warum die Eurozone dringend Reformen braucht.

Er arbeitet nicht primär mit mathematischen Modellen, er studiert im Labor das Verhalten von Menschen. Seine Erkenntnisse daraus haben Ernst Fehr zu einem der einflussreichsten europäischen Ökonomen gemacht. Im Gespräch mit den OÖNachrichten erklärt er seine Arbeit und auch, warum der Euro und die Eurozone in der derzeitigen Form so große Probleme haben.

 

OÖN: Mit dem Begriff "Verhaltensökonomik" können viele von uns nichts anfangen. Was macht ein Verhaltensökonom anders als "Mainstream-Ökonom"?

Ernst Fehr: Die Mainstream-Ökonomie ist davon ausgegangen, dass die Menschen perfekt rational sind, dass sie vollständig eigennützig sind und dass sie unbeschränkte Willenskraft haben. Die Verhaltensökonomie stellt diese drei Annahmen grundsätzlich in Frage. Wir konnten anhand empirischer Forschung nachweisen, dass diese häufig verletzt sind. Das hat weitreichende Konsequenzen für das Verhalten der Menschen.

Können Sie gleich ein Beispiel für diese Konsequenzen nennen?

Eine Konsequenz ist, dass Fairness-Überlegungen auf dem Arbeitsmarkt eine große Rolle spielen. Arbeitnehmer legen einen großen Wert darauf, dass ihre Löhne fair sind. Das setzt enge Grenzen für Lohnsenkungen. Und das gilt auch, wenn es auf dem Markt ein Überangebot an Arbeitskräften gibt. Wer Löhne trotzdem senkt, muss mit Leistungsverweigerung rechnen.

Erleben Sie bei Ihren Experimenten auch Überraschungen?

Es kommen immer wieder Überraschungen und das ist auch das Spannende dabei. Interessant ist beispielsweise, dass viele bereit sind, jemanden zu bestrafen, wenn dieser einen Vertrag nicht einhält. Strafen ist ja ein Aufwand. Man ist bereit, Kosten zu tragen, um jemanden zu bestrafen, der Verträge nicht einhält. Das ist auch eine Fairness-Präferenz. Das hat Konsequenzen für die Funktionsweise einer Marktwirtschaft. Diese beruht darauf, dass Verträge eingehalten werden. Die klassischen Theorien der Ökonomie setzen das voraus. Das stimmt aber nicht immer. Es muss auch Institutionen geben, um Vertragsverletzungen zu sanktionieren. In Entwicklungsländern ist diese fehlende Möglichkeit zur Rechtsdurchsetzung eines der größten Entwicklungshindernisse.

Sie haben in einem Interview gesagt, der Euro kann nicht funktionieren. Warum?

Der Euro verursacht deshalb derartige Spannungen zwischen den verschiedenen Ländern , weil man damit den Staaten die Möglichkeit genommen hat, die Löhne über eine Abwertung zu senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist in der Vergangenheit etwa in Griechenland ständig passiert. Das war ja ein laufender Prozess, und es war der Markt, der die Löhne gekürzt hat und nicht böse Politiker. Und wer macht das jetzt, wenn das mit dem Euro nicht mehr möglich ist? Wir haben unser Gespräch damit begonnen, dass es fast unmöglich ist, Löhne zu senken. Die Leute empfinden das als ungerecht. Wir haben damit keinen Mechanismus mehr, der die Wettbewerbsfähigkeit herstellt.

Wie muss man dann die EU oder die Eurozone umbauen?

Die kann nur als föderales Staatsgebilde funktionieren, das einen starken Finanzausgleich macht, bei dem stärkere Regionen schwächeren helfen. Den gibt es überall auf staatlicher Ebene – den gibt es in Österreich oder auch in der Schweiz. Wenn der implementiert ist, muss man aber auch zulassen, dass Staaten bankrott gehen können. Nur so wird die Politik diszipliniert. Der große Sündenfall ist ja passiert, dass die EZB und die Euro-Staaten die Schulden der Griechen übernommen haben, und die privaten Gläubiger nicht geblutet haben. Und wir kommen auch nicht um einen gemeinsame Finanzpolitik herum. Das heißt auch, dass wir Euro-Bonds brauchen, wenn es die entsprechenden Institutionen gibt. Das heißt dann, dass der europäische Zentralstaat die Schulden aufnimmt. Das muss nicht unbedingt heißen, dass damit Länder wie etwa Griechenland damit finanziert werden.

 

Ernst Fehr hielt Rothschild-Vorlesung an der JKU

Der 1956 in Vorarlberg geborene Verhaltensökonom Ernst Fehr hielt am Donnerstagabend die 18. Kurt W. Rothschild-Vorlesung am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Linz. Fehr ist seit 1994 Professor für Mikroökonomik und experimentelle Wirtschaftforschung an der Universität Zürich. Fehr gilt als einer der erfolgreichsten europäischen Wissenschaftler und gilt als Pionier in den interdisziplinären Bereichen „Ökonomie und Psychologie“, „Neuro-Economics“ und „Experimentelle Wirtschaftsforschung“ auf der FAZ-Rangliste der einflussreichsten Ökonomen im deutschsprachigen Raum. Er wird auch immer wieder als Kandidat für den Wirtschafts-Nobelpreis gehandelt. Begrüßt wurde der Züricher Ökonom von der JKU-Vizerektorin für Personal, Dorothea Greiling, und dem Vorstand des Instituts für Volkswirtschaftslehre, Rudolf Winter-Ebner.

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