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Außenpolitik

Libyen: Gaddafi bat vergeblich um Gnade

Von Michael Wrase   21. Oktober 2011 00:04 Uhr

The body of slain Libyan leader Muammar Gaddafi is seen inside a storage freezer in Misrata

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Bild 1/14 Bildergalerie: Gaddafi ist tot

In seiner letzten Audiobotschaft war Gaddafi – zur Überraschung vieler Beobachter – einmal ehrlich gewesen. „Ich bin unter meinem Volk und rechne damit, als Märtyrer zu sterben“, hatte der libysche Ex-Diktator am 29. September in einer von einem Lokalradio in Bani Walid ausgestrahlten Ansprache verkündet. Behauptungen, er halte sich in Algerien auf, was noch kürzlich vom Übergangsrat suggeriert wurde, seien „gemeine Lügen“.

Wie Saddam Hussein, der nach seinem Sturz aus einem Erdloch unweit seiner Heimatstadt Tikrit geholt wurde, zog es auch Muammar al-Gaddafi in seinen Geburtsort zurück. Zum allerletzten Gefecht verschanzte sich der gestürzte Machthaber mit seinen Getreuen in der Mittelmeerstadt Sirte, wo er sich mehr als fünf Wochen lang gegen die von NATO-Kampfjets unterstützten Kämpferbrigaden der libyschen Revolution behaupten konnte.

Gescheiterter Fluchtversuch

Erst als die islamistischen Zintan-Brigaden gestern früh mit der Erstürmung des von Hochhäusern dominierten Stadtviertels „Nummer 1“ von Sirte begannen, entschied sich der Gaddafi-Clan zur Flucht: Mehr als 100 Geländefahrzeuge versuchten den Belagerungsring um die Mittelmeerstadt entlang der Küstenstadt in westlicher Richtung zu durchbrechen. Es kam zu schweren Gefechten, in die auch Kampfjets der NATO eingriffen. Sie bombardierten den Konvoi. Ob dabei auch Gaddafis Fahrzeug getroffen wurde, ist unklar.

Glaubt man den Kämpfern der libyschen Revolution, dann soll Gaddafi bei seiner Festnahme noch gelebt und „in einem Loch“ verzweifelt um Gnade gefleht haben. Vorstellbar ist auch, dass der Ex-Diktator von den Revolutionstruppen sofort erschossen wurde. Seine Leiche, das suggerieren zumindest unscharfe Videoclips, wurde anschließend durch die Straßen von Sirte geschleift.

Der Hass auf den Ex-Diktator, der angeblich einen goldenen Revolver bei sich getragen hat, war vermutlich gewaltig. Allein in den vergangenen fünf Wochen waren in Sirte mehr als 150 Kämpfer der libyschen Revolutionstruppen ums Leben gekommen.

Der Durst nach Rache unter den euphorisierten Kämpfern, berichten Beobachter aus Sirte, sei daher größer gewesen als die Einsicht, Gaddafi möglichst schonend zu behandeln. Kaum jemand habe sich daran erinnert, dass Gaddafi lebend gefasst und vor ein Tribunal gestellt werden müsse.

Es ist vielleicht bezeichnend, dass das Foto des toten Gaddafi vom islamistischen Militärrat in Tripolis verbreitet wurde. „Dies ist der Platz der verfluchten Gaddafi-Ratte – Allah der Barmherzige ist groß“, hatten Kämpfer auf eine Betonwand hinter dem Fundort gesprüht.

Der Vorsitzende des Militärrates, Abdel Hakim Belhadsch, war es auch, der gestern Nachmittag den Tod Gaddafis als – bis zu diesem Zeitpunkt – ranghöchster libyscher Offizieller „definitiv“ bestätigte und damit das Ende Gaddafis auf die Fahne seiner Organisation zu heften versuchte.

„Feigheit vor dem Feind“

„Wir haben gekämpft, Opfer gebracht und wollen in der nun anbrechenden neuen Ära für unseren Einsatz auch belohnt werden“, lautet die Botschaft der Islamisten. Sie hatten bereits während der fünfwöchigen Kämpfe in Sirte den überwiegend aus Benghasi stammenden Kämpfern des Nationalen Übergangsrates „Feigheit vor dem Feind“ vorgeworfen.

Die Spannungen zwischen den säkularen und islamistischen Kräften in der neuen libyschen Führung waren gestern kaum zu spüren. Im ganzen Land wurde ausgelassen gefeiert. Das millionenfache Feuerwerk der Freudenschüsse soll mindestens drei Menschen das Leben gekostet haben, Dutzende wurden verletzt.

Nach dem Tod Gaddafis und der am späten Abend proklamierten „endgültigen Befreiung Libyens“ endet auch die Amtszeit der libyschen Übergangsregierung. Bereits am Dienstag hatte Libyens umstrittener Premier Mahmoud Jibril in Anwesenheit von US-Außenministerin Hillary Clinton erklärt, er stünde für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung.

 

 

Zeittafel

15. – 19. Februar 2011: Dutzende Menschen werden in Benghasi verletzt, als die Polizei eine Sitzblockade auflöst. Es folgen Proteste von bisher ungekanntem Ausmaß. Der Auftakt zur Revolte.

 

1. März: Die Opposition übernimmt die Kontrolle über den ölreichen Osten. Auch einige Küstenstädte im Westen sind in der Hand von Rebellen; Gaddafis Truppen schlagen zurück.

 

17. März: Der UNO-Sicherheitsrat billigt eine Flugverbotszone.

 

19. März: Internationale Luftangriffe gegen Libyen starten.

 

April: Den ganzen Monat lang wird um die Stadt Misurata gekämpft.

 

20. August: Die Rebellen nehmen Brega und wichtige Raffinerieanlagen ein, der Kampf um Tripolis beginnt.

 

21. August: Gaddafi ruft in mehreren Audio-Botschaften zum Kampf bis zum letzten Blutstropfen auf. Nach heftigen Kämpfen stehen die Rebellen im Zentrum von Tripolis. Hunderte feiern am Grünen Platz bereits den Sturz des Regimes. Das Regime Gaddafis hat die Macht endgültig verloren.

 

20. Oktober: Die Übergangsregierung gibt zunächst bekannt, dass Muammar al-Gaddafi bei Kämpfen um seine letzte Bastion Sirte schwer verwundet und gefangen genommen wurde. Kurze Zeit später wurde mitgeteilt, dass der entmachtete Diktator tot ist.

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