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Weltspiegel

Dubai: Paradies für Influencer, goldener Käfig für Prinzessin Latifa

Von nachrichten.at/apa   22. Februar 2021 20:13 Uhr

FILE PHOTO: Prime Minister and Vice-President of the United Arab Emirates and ruler of Dubai Sheikh Mohammed bin Rashid al-Maktoum attends the Global Women's Forum in Dubai
Der emiratische Ministerpräsident und Emir von Dubai, Mohammed bin Raschid al-Maktum

DUBAI. Das Schicksal von Prinzessin Latifa, Tochter des Emirs von Dubai, ist das prominenteste Beispiel für die Schattenseiten der Emirate. Warum es dennoch immer mehr Influencer in die Wüstenstadt zieht und womit sie dafür bezahlen, deckte Jan Böhmermann kürzlich auf.

Exklusive Strandclubs, luxuriöse Malls und eine Skyline aus Wolkenkratzern - Dubai präsentiert sich gerne als moderne und weltoffene Stadt. Doch in der vergangenen Woche kratzten neuerliche Berichte über die entführte Prinzessin Latifa, Tochter des Emirs von Dubai, am goldenen Image der größten Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Und sie haben dem Fall der jungen Frau, die aus dem glitzernden Käfig fliehen wollte, neue Dringlichkeit verliehen.

Der britische Sender BBC zeigte ein bisher unveröffentlichtes Video der verschwundenen Frau. "Ich bin eine Geisel, und diese Villa ist in ein Gefängnis verwandelt worden", sagt die Tochter von Mohammed bin Rashid al-Maktum, der zugleich als Ministerpräsident der Emirate dient. Das UNO-Menschenrechtsbüro verlangte daraufhin ein Lebenszeichen der Frau. Latifa werde von ihrer Familie und medizinischem Personal zu Hause betreut, ließ die Herrscherfamilie wissen. Videos oder Fotos lieferte sie jedoch nicht als Beweis dafür, dass Latifa am Leben ist.

Prinzessin Latifa: Hilferuf aus Gefangenschaft
BBC veröffentlichte Latifas Hilferuf

Scheich hat Töchter entführen lassen

Die heute 35-Jährige ist das wohl prominenteste Beispiel für die Schattenseiten der Emirate. Ein Londoner Gericht hatte ihren Vater im vergangenen Jahr für die Entführungen Latifas und ihrer älteren Schwester Shamsa sowie die Einschüchterung einer seiner Ehefrauen verantwortlich gemacht. In einem Fall stellte das Gericht sogar Folter fest. Auch Shamsa soll nach wie vor festgehalten werden.

Böhmermann deckt Influencer-Zensur auf

Drei Jahre ist es her, dass die Prinzessin versucht hat, aus Dubai zu fliehen. Per Schlauchboot und Yacht hatte sie versucht, das Land zu verlassen, bis sie schließlich von einem Sonderkommando vor der indischen Küste gestoppt und gewaltsam zurückgebracht worden sein soll, wie Unterstützer Latifas behaupten. In Videos berichtete Latifa seitdem, wie sie ohne frische Luft, Zugang zur Außenwelt oder medizinischer Versorgung festgehalten und bedroht werde.

Das Land tut dennoch viel dafür, seinen Ruf zu polieren: In hohem Tempo treibt Latifas Vater etwa das Raumfahrtprogramm voran. Kürzlich erreichte die erste Raumsonde der Emirate - und damit die erste aus einem arabischen Land - den Mars. Bei der Imagepflege bekommen die VAE inzwischen auch Hilfe aus Deutschland. Immer mehr Influencer zieht es in den schwerreichen Golfstaat, vor allem nach Dubai, wie Jan Böhmermann kürzlich im "ZDF Magazin Royale" berichtete. Dort müssten sie eine staatliche Lizenz beantragen, laut der sie verpflichtet seien, ausschließlich positiv über das Land zu berichten. Böhmermanns neueste Enthüllung wurde in den vergangenen zehn Tagen auf Youtube bereits 2,2 Millionen Mal geklickt.

Eigenständiges Leben für Frauen "ungewöhnlich"

"Dubai hat diese glitzernde, moderne Fassade, aber das Personenstandsrecht ist noch stark von traditioneller islamischer Rechtsprechung geprägt", sagt der Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien in Hamburg, Eckart Woertz, der Deutschen Presse-Agentur. Die sozialen Rollen, Rechte und Pflichten von Männern und Frauen unterschieden sich erheblich - wenngleich nicht so extrem wie vor wenigen Jahren noch im Nachbarland Saudi-Arabien. Dort durften Frauen bis vor einiger Zeit weder alleine Auto fahren, noch das Land ohne die Erlaubnis eines männlichen Vormunds verlassen.

Dass Frauen ein eigenständiges Leben außerhalb des Landes führen, wie Latifa es offenbar wollte, sei in den VAE ungewöhnlich, sagt Woertz. Und das, obwohl sie im Berufsleben präsent und häufig besser gebildet seien als Männer. Der Druck zu heiraten sei groß, unverheiratete Frauen über 25 entsprächen nicht der gängigen Rollenerwartung. Vom Verhalten der Frauen hänge zudem die Ehre der Familie ab. Auch unverheiratete oder homosexuelle Urlauber riskierten Haftstrafen und seien aus diesen Gründen bereits festgenommen worden.

Wer sich einmischt, riskiert Gefängnisstrafe

Familien wiederum sind nach Angaben des Wissenschafters ein sehr abgegrenzter Bereich für die emiratische Bevölkerung. "Die generelle Einstellung ist: Da mischt man sich nicht ein - schon gar nicht bei einem Scheich." Im Falle der Prinzessin wäre eine offene Diskussion etwa in sozialen Medien auch gefährlich. "Da weiß jeder, dass ihm, wenn er jetzt anfangen würde, auf Twitter Solidaritätsbotschaften loszuschicken, eine Gefängnisstrafe drohen kann."

"Die Behörden der VAE verfolgen eine Politik der systematischen Unterdrückung jeglicher Form von Dissens oder Kritik", sagte kürzlich auch die stellvertretende Direktorin für den Nahen Osten und den Norden Afrikas bei Amnesty International, Lynn Maalouf. Aktivisten, Richter und Journalisten würden willkürlich inhaftiert, misshandelt und gefoltert. "Der Fall von Sheikha Latifa ist einfach das öffentlichste Beispiel für dieses alarmierend bedrückende Klima."

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