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Chronik

Mit den Mülltauchern Lebensmittel retten

Von Klaus Buttinger   07. Dezember 2012 00:04 Uhr

Viele Lebensmittel landen samt Verpackung in den Restmülltonnen der Supermärkte.

Auf der Kehrseite des vorweihnachtlichen Konsumrummels stehen überbordende Müllcontainer. Da steigen jene hinein, die sich „Dumpsterer“ nennen und „nach Lebensmitteln tauchen“, um sie zu „retten“.

Mit jugendlichem Elan schiebt Klaus – Mitte zwanzig, selbstständiger Computertechniker – den Restmüllcontainer auf und schwingt sich hinein. In einem dunklen Winkel neben dem Supermarkt reihen sich Biotonnen und Restmüllbehälter aneinander. Klaus trägt alte Schuhe und eine angejahrte Hose, eine leicht abwaschbare Regenjacke und Einweghandschuhe, zwischen den Zähnen klemmt eine Taschenlampe. Rasch wirft er Müllsäcke aus dem Container. Lukas reißt sie auf, wühlt sie durch.

Heute Abend wird gedumpstert, containert, im Müll getaucht, werden Lebensmittel gerettet, die der Einzelhandel schon aufgegeben hat. Schon beim ersten Supermarkt ihrer Tour werden Klaus und Lukas fündig: Paprika, Tomaten, Pfefferoni, Trauben, Melanzani, Äpfel und Bananen. „Grad recht für Bananenshakes“, sagt Klaus. Lukas zieht einige Vollkorn-Brotlaibe aus dem Müllsack und Yoghurts. Ablaufdatum gestern. „Wer kennt sich mit Avocados aus?“, fragt er. Klaus prüft mit Fingerdruck und meint: „Genau richtig weich“.

Dumpstern ist nicht gleich Müllstierln. Es ist eine Einstellung. Wenn man weiß, dass in den Industrieländern die Hälfte der Lebensmittel auf dem Müll wandern, nicht die schlechteste. Fünf Prozent des Lebensmittelmülls stammen aus dem Einzelhandel, aus den Supermärkten und Diskontern. „Als gelernter Verkäufer weiß ich, dass viel weggeworfen werden muss, damit die Regale voll aussehen.“ sagt Klaus. „Den Menschen ist nicht bewusst, wie viel weggeworfen wird. Aber dass nur etwas Neues, Frisches gut ist, hat sich dank der allgegenwärtigen Werbung voll verankert.“ In Volksküchen oder bei Aktionen wie „Waste Cooking“ üben immer mehr zumeist Junge Kritik an der Wegwerfgesellschaft.

„Volle Regale und eine große Warenvielfalt sind an einer Überproduktion beziehungsweise einem Überangebot von Lebensmittel mit verantwortlich“, heißt es in einer Studie für die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Gleich darunter wird darauf hingewiesen, dass volle Regale von den Kunden erwartet werden. Dies zwinge den Einzelhandel dazu, mehr Waren zu bestellen, als tatsächlich verkauft werden.

Gemüse aus Afrika

Supermarkt zwei der Dumpster-Tour: Während die Burschen nach Verwertbarem suchen, fährt ein Streifenwagen vorbei. Haben die Polzisten nichts gesehen, oder wissen sie, dass Dumpstern straffrei ist? Egal. Ein großgewachsener Anrainer aus der Nachbarschaft hat noch Erklärungsbedarf und fragt, was hier geschieht. Die Auskunft, man suche nach Lebensmitteln, beruhigt ihn. Im Gespräch meint auch der Hühne, es ärgere ihn, wie viel durchaus noch Genießbares im Mülllande. „Jede Gesellschaftklasse ärgert sich darüber, was alles und wie viel weggeworfen wird“, sagt Klaus und fischt Salat, Gurken, Champignons, Zwiebel, Litschi, Cocktailtomaten, Trauben (aus Griechenland), Kürbis, rote Rüben, Fisolen (aus Kenia), einen Radiccio, Jungzwiebel und Mandarinen aus den Tonnen. „Die Mandarinen sind teilweise schimmelig“, bemerkt Lukas, der Neue in der geschätzt gut 100 Leute zählenden Gemeinde von Gelegenheitsdumsterern in Linz. „Hände weg vom Schimmel!“, sagt Klaus, der Erfahrene, bestimmt und wedelt mit drei Rosensträußen. Die nimmt man gerne mit, zumal sie aus fairem Handel stammen.

Nicht Armut treibt die meisten Dumpsterer zu ihrem Tun. Wie Klaus und Lukas wollen viele Zeichen setzen gegen die Auswirkungen eines falsch tickenden Wohlstands und gleichzeitig ihre Fixkosten niedrig halten. Freiheit von Fixkosten hat viel mit genereller Freiheit zu tun. Im weltweiten Kontext heißt das: Jenes Essen, das allein in Europa weggeworfen wird, würde zwei Mal reichen, um alle Hungernden auf der Welt (925 Millionen) zu ernähren. Jährlich gehen etwa 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verloren oder werden entsorgt, was etwa einem Drittel der gesamten Weltjahresproduktion entspricht, besagt die „Global Food Losses and Food Waste“-Studie der FAO.

„Das Schlimmste, was ich bisher beim Dumpstern erlebt habe, war voriges Jahr in Leonding“, berichtet Klaus. Da habe ich so viel Brot aus Containern gezogen, dass der Kofferraum voll war. Teilweise waren die Brote noch warm vom Backen.“ Was tun mit so viel Brot? Verteilen. Über soziale Plattformen, Mundpropaganda und Wirte bringen Dumpster ihre Beute unter die Leute. Häufig findet sich viel von einer Ware im Müll, die alleine nicht zu verzehren ist. Lifestyle-Yoghurts zum Beispiel. Oder man dumpstert auf ein Ziel hin. „Zum „Waste Cooking“ in Wien haben wir innerhalb kurzer Zeit Essen für 200 Leute zusammengebracht“, erzählt Klaus. Er, Lukas und Daniela Waser von der Lebensmittel-Verwertungsgruppe „Die z’quetscht’n Zwetschk’n“ sind wie viele andere Linzer lose über den „Frühling 2012“ organisiert, eine umtriebige Vernetzungs- und Transformationsplattform. Sie versteht sich als Graswurzel-Initiative mit dem Ziel, vom Jammern zum Tun zu gelangen.

Lebensmittelreste fallen nicht erst beim Handel an. Schon kurz nach der Ernte in landwirtschaftlichen Betrieben wird weggeworfen, was vor dem Auge der Einkäufer aus Verarbeitungsindustrie und Handel nicht besteht: untergroße Erdäpfel, schief gewachsene Karotten, fleckige Äpfel. Normen schaffen Abfall. Nicht zuletzt deshalb wurde die mittlerweile abgeschaffte Gurkenkrümmungsrichtline der EU zum Beispiel für Absurdität. Für Mülltaucher Klaus liegt dahinter eine Logik: „Wenn man weiß, wie viel ein Bauer für ein Kilo Erdäpfel bekommt, ist es kein Wunder, dass die Agrarindustrie entstanden ist und die Produkte nichts mehr wert sind“.

Seit zwei Jahren dumpstert Klaus. „Wir Konsumenten müssen unsere Sehgewohnheiten ändern“, sagt er. „Auch wenn Obst im Supermarktregal einen Depscher hat, ist es noch gut. Es muss nicht immer alles aussehen wie aus der Reklame.“ Zudem halten viele Produkte weitaus länger über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus. „Schlagobers, zum Beispiel“, sagt Lukas, und fischt Milchpackungen aus einem Restmüllcontainer. Zehn Liter, Ablaufdatum heute. Ein Kilo Nudeln kommt auch zum Vorschein. An der Ecke ist der Sack eingerissen. „Wer weiß, was da schon drübergeronnen ist“, grübelt Lukas. „Egal“, scherzt Klaus, „Nudeln werden ohnehin abgekocht“. Bei aller Sympathie für die Verwertung von Resten müsse man schon aufpassen, dass man nicht abgleite und beginne, tatsächlichen Müll zu essen, meint Lukas.

Der Abfall und das Klima

Wenn im Laufe von Produktion, Verkauf und Konsum 50 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen werden, wie der deutsche Journalist Valentin Thurn für seinen Dokumentarfilm „Taste the Waste“ recherchiert hat, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Müllhalden. Allein die Landwirtschaft ist für ein Drittel der Treibhausgase verantwortlich. Verrotten Lebensmittel, entsteht Methangas, das 25-mal negativer auf das Klima wirkt wie die gleiche Menge Kohlendioxid. Thurns Rechnung kommt zum erstaunlichen Schluss: „Wenn wir unsere Lebensmittelverschwendung nur um die Hälfte reduzierten, würde sich das auf das Weltklima genauso auswirken, als ob wir auf jedes zweite Auto verzichteten“.

Es geht um Werte. Warum, fragen sich viele, sind Produzenten und Handel zu wenig bereit, Lebensmittel abseits der Verkaufsfähigkeit billiger abzugeben oder zu verschenken? Ein anonym bleiben wollender Filialleiter einer oberösterreichischen Großbäckerei gibt eine mögliche Erklärung: „Wir haben übrig gebliebenes Brot an unsere Mitarbeiter verschenkt. Einige horteten die Sachen in ihrem Spind, bis sie schimmelig waren. Seither verkaufen wir die Sachen für wenige Cent das Stück. Das funktioniert besser“. Was nichts kostet, ist offenbar nichts wert.

Aus reiner Neugier schaut die Dumpsterer-Partie bei großen Supermärkten und Diskontern vorbei. Zumeist wird der Müll in riesigen Containern gehäckselt, unbrauchbar gemacht. Die Müllräume sind gut versperrt. „Ich finde das arg“, sagt Klaus. In Wien hätten es Dumpsterer geschafft, an Schlüssel von Supermarkt-Müllräumen zu kommen und sie dupliziert. „Supermärkte könnten sich ein gutes Image machen, indem sie Dinge, die weggeworfen werden, billig abverkaufen oder zum Dumpstern freigeben.“

Der dritte Supermarkt heute Nacht liegt nahe einem Linzer Nobelviertel. Aus der Biotonne klaubt Lukas Kaktusfrüchte, Romanesko, Honigmelone und einen Sack mit zwanzig Wurst- und Käseweckerl. Der Kofferraum ist voll. Klaus und Lukas fahren heim und waschen die geretteten Lebensmittel. Viel ist zusammengekommen, sehr viel, zu viel.

Die z'qetscht'n Zwetschk'n kochen ein

Wenn Obst und Gemüse wo übrig bleiben, können „Die z’quetscht’n Zwetschk’n“ nicht zusehen. Hinter dem zungenbrecherischen Gruppennamen steht vornehmlich die Linzer Grafikerin und Designerin Daniela Waser. Mit ihren Mitaktivistinnen, den Studentinnen Felicitas Egger und Birgit Mikulaschek verkochen sie, was nicht bei drei im Mülleimer ist. „Nach einer Veranstaltung mit der Volksküche Strauß sind Kisten voller Äpfel übrig geblieben. Einen ganzen Nachmittag lang haben wir Apfelkompott gekocht“, erzählt Daniela vom prägenden Erlebnis. „Kurz darauf waren wir auf dem Linzer Südbahnhofmarkt unterwegs und haben gesehen, dass viel weggeworfen wird. Da haben wir einfach einmal gefragt, ob wir die Sachen haben dürfen.“ Die durchaus noch guten Lebensmittel veredelten „Die z’quetscht’n Zwetschk’n“ zu Kompotten, Marmeladen, eingelegtem Gemüse oder Bruscetta. „Wir improvisieren“, sagt Waser, „zum Beispiel haben wir aus Äpfeln und Zitrusfrüchten ,Apelmusen‘-Kompott gemacht.“

Das Eingemachte landet zum Teil wieder auf dem Südbahnhofmarkt, wo sich die „Z’wetschk’n“ bei Bedarf einen Stand mieten. „Jeder zahlt für unsere Gläser oder Kuchen, was er will“, sagt Waser. „Das ist einträglicher als erwartet.“ Auf dem Markt wird viel kommuniziert. „Wir nehmen Sessel mit, tauschen uns aus, es entsteht so etwas wie ein sozialer Wärmeraum.“

Ist Dumpstern verboten?

In Österreich gilt Müll als herrenlose Sache, weshalb eine Aneignung keine Straftat darstellt. Anders sieht die Sache aus, wenn Schlösser zu Müllräumen aufgebrochen werden. Dann liegt Sachbeschädigung vor. Vorsicht: Beim Betreten eingefriedeter Grundstücke droht eine Klage wegen Hausfriedensbruchs.

Wenn zu viele dumpstern

Kommen sich Dumpsterer in die Quere? In Linz nicht. In Wien hat sich das „Gemüse- und Obstkollektiv“ Straßenzüge aufgeteilt. Nach dem Dumpstern treffen sich die einzelnen Gruppen und tauschen ihre Waren aus.

Zahlen und Fakten

100 Euro beträgt ungefähr der Wert von vermeidbaren Lebensmittelabfällen pro Kopf und Jahr. Ein durchschnittlicher Haushalt könnte sich 350 Euro pro Jahr ersparen, wenn Lebensmittel besser geplant eingekauft und vorausschauender verabreitet würden.

240.000 Lastwägen könnte man mit den pro Jahr weggeworfenen Lebensmitteln füllen. Hintereinandergereiht würden diese Fahrzeuge von Wien bis Budapest reichen.

5 % des Gesamtabfalls bei Lebensmitteln verursacht der Handel. Der meiste Abfall entsteht in den Haushalten.

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