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Oberösterreich

Wie „tödlich“ sind die Schulen in Österreich?

LINZ. Andreas Salcher ist einer der bekanntesten Kritiker des österreichischen Schulsystems. Die Thesen in seinem neuen Buch „Nie mehr Schule / Immer mehr Freude“ sind provokant: In Österreich sei die „tödliche Schule“ vorherrschend, sie sei von einem Virus befallen, der die natürliche Neugierde bei Kindern im Keim erstickt.

Wie „tödlich“ sind die Schulen in Österreich?

Salcher (r.): »Das Schulsystem trägt einen tödlichen Virus in sich.« - Asanger: »Gibt auch positive Entwicklungen.« Bild: Wakolbinger

Lehrer, die Neues wagen, stünden unter Rechtfertigungszwang. Die Lerninhalte seien seit Jahrzehnten unverändert. Diese Kritik will Franz Asanger, Direktor des Linzer Petrinums, nicht unkommentiert stehen lassen. In der Direktion trafen sie sich zur Diskussion.

OÖNachrichten: Herr Direktor, wie tödlich ist denn das Petrinum?
Asanger: Das Petrinum ist sicher keine tödliche Schule, sonst würden nicht so viele Eltern ihre Kinder hierher schicken und noch dazu Schulgeld zahlen. Dass es da und dort Verbesserungspotenzial gibt, ist klar. Eine Schule, die nicht offen ist für Veränderung, könnte zu einer tödlichen Schule werden.

Herr Salcher, was meinen Sie mit der „tödlichen Schule“?
Salcher: Meine Kritik richtet sich gegen ein System, das im Vergleich zu anderen veraltet ist und das diesen Virus in sich trägt, so dass sich Eltern, Schüler und Lehrer eine bessere Schule gar nicht mehr vorstellen können. Es gibt Schulen, in denen Kindern jede Freude am Lernen genommen wird. Und obwohl man weiß, wie gute Schule funktioniert, müssen viele Kinder in tödliche Schulen gehen.

Warum herrscht diese Schule Ihrer Ansicht nach immer noch vor?
Salcher: In Deutschland und Österreich wurde die Schule eingeführt, weil man draufgekommen ist, dass die Soldaten besser kämpfen, wenn sie gebildet sind. Ich kann nachweisen, dass sich in der Schulstruktur seit Maria Theresia in Österreich nicht viel geändert hat. Nehmen wir als Beispiel die Medizin. Der wissenschaftliche Fortschritt kommt den Menschen zugute. Und auch wenn es ein schlechtes Spital ist: Zur Ader gelassen wird niemand mehr. Im Schulsystem gibt es Mindeststandards nicht.

Herr Asanger, sehen Sie die Schule ähnlich pessimistisch?
Asanger: Ganz und gar nicht. Von einem tödlichen Virus zu reden, ist Eltern, Schülern und Lehrern gegenüber ungerecht. Es gibt auch positive Entwicklungen. Herr Salcher, Sie vergleichen im Buch die Schule mit einer Autowerkstatt, die Lehrer sollten sich einem TÜV unterziehen. Ich käme nie auf den Gedanken, in der Schule in einer Autowerkstatt zu sein. In der Art, wie wir über Schule reden, spiegelt sich auch das Bildungsverständnis wider. Der Schüler ist kein Werkstück, sondern ein Mensch, dessen Talente zu entfalten sind. Schule wird immer mehr unter wirtschaftlichen Kriterien gesehen. Meine Frage ist, wie können wir das System weiterentwickeln. Salcher: Es gibt im Schulsystem zwei Welten. Die guten und schlechten Schulen klaffen weit auseinander. Das System hat aber keine Möglichkeit, einzugreifen. Geben wir den 20 Prozent der Schulen, die gut sind, ein Budget, sie sollen sich die Lehrer aussuchen und ganz schlechte entlassen. Asanger: In der pädagogischen Autonomie gibt es schon jetzt viel Spielraum. Ein Problem ist, dass wir zuwenig Leute haben, die Direktoren werden wollen. Und die Möglichkeit, Lehrer auszusuchen, habe ich nicht, weil es zu wenige gibt. Unter diesen Vorzeichen ist Autonomie nie fair.

Herr Salcher, Sie kritisieren, dass es im heimischen Schulsystem zuwenig Standards gibt.
Salcher: Ich kritisiere ein System, das die Mindeststandards nicht erfüllt. Das würde bedeuten, dass jeder, der die Schule verlässt, Lesen, Schreiben und die Grundrechnungsarten beherrscht. Das ist aber nicht der Fall. Jeder Fünfte ist funktionaler Analphabet. Asanger: Die Frage ist, wie geht man damit um. Wenn es ein Problem gibt, muss man es ansprechen. Wenn es um die Leseschwäche geht, muss man das Lesen trainieren. Ich kann Ihnen zeigen, was an unserer Schule dazu passiert. Salcher: Ich bleibe dabei. Ich habe vor fünf Jahren als erster öffentlich gemacht, dass jeder Fünfte in Österreich nicht lesen kann. Was hat sich geändert? Nichts!

Was bräuchte die Schule am dringendsten, um sich weiterentwickeln zu können?
Asanger: Zwei Dinge: zum einen Offenheit und Ehrlichkeit. Dass man das Gute und das, was offen ist, ehrlich angeht. Zum anderen vermisse ich schmerzlich eine Diskussion über die Bildungsinhalte. Wir reden viel über das System, über Testungen und so weiter. Was wir den Kindern mitgeben wollen, darüber wird zuwenig diskutiert. Salcher: Der Schlüssel für jedes Bildungssystem sind die Lehrer. Da haben wir ein paar Geburtsfehler. Jeder Maturant kann AHS-Lehrer und mit niederschwelliger Auswahl Pflichtschullehrer werden. Das muss man ändern. Etwa indem die Rahmenbedingungen verbessert werden. Konkret: Schulen, die so weit sind, Autonomie geben und Eingriffsmöglichkeiten für ungeeignete Schulen schaffen. Jedes Kind hat das Recht, dass es an eine gute Schule gehen kann.

 

Die Personen

Andreas Salcher (51) übt seit Jahren in seinen Büchern Kritik am österreichischen Schulsystem. In seinem neuen Werk „Nie mehr Schule / Immer mehr Freude“, das von vorne und hinten gelesen werden kann, zeigt er im ersten Teil Schwachstellen des heimischen Bildungssystems auf und schildert im zweiten Teil, wie gute Schulen funktionieren. Seine Kritik: Das Schulsystem wird laufend teurer und trotzdem schlechter. Obwohl man wisse, wie gute Schulen funktionieren, würden Reformbemühungen vereitelt. Das Buch ist im Ecowin-Verlag erschienen und kostet 14,90 Euro.

Franz Asanger ist seit zwölf Jahren Direktor des bischöflichen Gymnasiums Petrinum in Linz. Die 115 Jahre alte Schule wird derzeit von 520 Schülern in 24 Klassen besucht. Der 54-Jährige ist Professor für Deutsch und Religion.

 

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Artikel Herbert Schorn 12. September 2012 - 00:04 Uhr
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