Lade Inhalte...

Spezial

"Dann ist es jetzt also passiert"

Von Thomas Haslwanter   27. April 2019 00:05 Uhr

"Dann ist es jetzt also passiert"

Gedanken zum Tod der Kletterer David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley.

Drei Spitzenbergsteiger sind tot: David Lama und Hansjörg Auer, die das Klettern in Sphären gehoben haben, die ich in meiner kletternden Jugend nicht für möglich gehalten hätte; und ihr amerikanischer Partner Jess Roskelley. So bestürzend das ist, so wenig kann es überraschen.

"Mit dem Risiko ist es wie mit einer Salami: Man kann sich immer wieder einmal eine Scheibe abschneiden. Aber irgendwann ist die Salami fertig." So hat es mein Freund Jan, ein Schweizer Bergführer, formuliert, nachdem bei einer von ihm geführten Skitour der dritte (!) Mann in seiner Tourengruppe in einem Hang eine Lawine ausgelöst hatte. Damals ging alles gut aus. Aber oft eben nicht.

Vierzehn meiner Freunde und Kletterpartner sind beim Klettern ums Leben gekommen. Ich selber hatte "Glück" und bin bei einem Unfall mit einer partiellen Querschnittsverletzung davongekommen, die mein Leben aber von Grund auf verändert hat. In meiner aktiven Zeit hatte ich manchmal schon Angst, wenn das Telefon klingelte. "Hoffentlich nicht schon wieder...", ist es mir dann mehr als einmal durch den Kopf geschossen.

Mein erster Gedanke, als ich letzte Woche vom Unfall von David und Hansjörg las, war: "Dann ist es jetzt also passiert." Jemand, der sich immer wieder in so gefährliche Umgebungen begibt, kann dabei tödlich verunglücken. Zu meiner eigenen Überraschung war mein zweiter Gedanke, nachdem ich durch die Webseite von David Lama gesurft bin – trotz meines eigenen schweren Unfalls: "Wow, was hat der in seinen kurzen 28 Jahren für ein tolles Leben gehabt!". Und auch wenn es für viele auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbar ist, warum jemand etwas macht, bei dem die Chance so groß ist, dass man sich schwer verletzt oder tödlich verunglückt – bei genauerer Überlegung ist es gar nicht so ungewöhnlich.

"Dann ist es jetzt also passiert"
Thomas Haslwanter (54) ist Professor für Signalverarbeitung und Rehabilitationstechnik an der FH Oberösterreich, Studiengang Medizintechnik. Bis zu seinem Unfall 2001 war er aktiver Bergsteiger und Kletterer.

Es gibt sicher nicht nur einen Grund, warum jemand extrem klettert. Genauso wenig wie es nur einen Grund gibt, warum man jemanden liebt, oder warum man einen bestimmten Job ergriffen hat. Aber es gibt im menschlichen Leben ein paar wenige Grundströmungen, mit denen man extreme Tätigkeiten recht gut erklären kann.

Zum einen ist der Mensch von Natur aus unruhig, man könnte auch den Ausdruck "getrieben" verwenden. Der französische Philosoph Blaise Pascal hat schon im frühen 17. Jahrhundert gemeint: "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen."

Unruhe und Erfolg

Extreme Kletterer sind oft besonders Getriebene. "Wir turnten über dem Abgrund, weil es keinen Boden gab, der uns trug", sagte der Schweizer Schriftsteller Roland Heer einmal in der Neuen Zürcher Zeitung über seine Kletterjugend. Aber vielleicht ist es gerade diese Unruhe, welche die Menschheit als Ganzes so unglaublich erfolgreich gemacht hat. Wohingegen andere Spezies wie die Neandertaler bei großen Hürden wie dem Mittelmeer stehen geblieben sind, ist der Homo sapiens immer einen Schritt weiter hinausgegangen – ob es sinnvoll war oder nicht: Christoph Kolumbus ist auf den offenen Atlantik hinausgesegelt, die Polynesier auf den Pazifik. Und David Lama und Hansjörg Auer haben sich eben in Wände und auf Berge hinaufbegeben, die vielen als unnahbar erschienen sind, die aber für sie die Welt waren, in der sie sich wohlfühlten.

Den Versuch, dieser Unruhe zu entkommen, hat Jess Roskelley auf seiner Homepage beschrieben: "Scramble to reach higher ground, order and sanity, something to comfort me." (Versuche nach oben zu kommen, Übersicht und Klarheit zu erreichen, etwas, um Geborgenheit zu finden.) Die vielleicht wirksamste Methode, dieser Unruhe zu entkommen, ist das, was in der Psychologie als "Flow" bezeichnet wird: Wenn man eine sehr herausfordernde Aufgabe elegant löst, wobei man sich voll konzentrieren muss, und wofür man sein ganzes Wissen und Können benötigt.

In einer spätabendlichen Diskussion mit einem befreundeten HNO-Chirurgen hat dieser angemerkt, dass das beim Operieren für ihn genauso ist wie bei mir beim Bergsteigen: Beim Bergsteigen ist es das effiziente, elegante Erklettern einer schwierigen Wand, das alles Können und alle Aufmerksamkeit erfordert; und beim Chirurgen die erfolgreiche Durchführung einer schwierigen Operation. In beiden Fällen ist man Herr über Leben und Tod. Im einen Fall über sein eigenes, im anderen Fall über das des Patienten.

Um Leben und Tod

Beim Klettern weiß ich, dass sich dieses Leben an der Grenze zur Sucht bewegt, dass der Alltag enorm trivial wirken kann im Vergleich zu Situationen, in denen es um Leben und Tod geht. Um nochmals Roland Heer zu zitieren: "Unter Lebensgefahr explodierten wir in eine Vitalität, die wir im Alltag selten erreichten."

Diese Suche nach der Intensität ist nichts Neues: Achilles, dem Sohn der Göttin Thetis, war vorausgesagt, dass er entweder ein langes, langweiliges Leben haben werde oder ein kurzes, dafür aber heldenhaftes. Bekannterweise zog es Achilles trotzdem nach Troja. Sucht oder Heldentum? Einer meiner Freunde hat einmal gesagt: "Warum klammern wir uns eigentlich dort droben mit aller Kraft ans Leben, wenn wir herunten nicht wissen, was wir damit anfangen sollen?".

Man kann hier auch die These in den Raum stellen, dass die Flucht ins Klettern bei den einen die gleiche Flucht ist wie der "Workaholismus", die Flucht in die Arbeit, bei vielen anderen. Oder die Flucht in die Kunst bei Pablo Picasso oder Kurt Cobain, die wie viele andere Künstler vermutlich an bipolarer Störung litten.

Faszinierende Natur

Der dritte Aspekt, der Kletterer in die Berge ziehen bzw. fliehen lässt, ist die Faszination der Natur. Wenn man sich in extreme Umgebungen begibt, erhält man faszinierende, eindrucksvolle Blicke in eine unglaubliche Welt, die einem sonst verborgen bleibt. Beim Eisklettern hatte ich manchmal das Gefühl, in das glitzernde Reich einer Schneekönigin einzutauchen.

Bedingt durch die Gefahr konzentriert man sich in diesen Momenten zu 100 Prozent auf den Augenblick. Kombiniert man das mit dem intensiven Gefühl von Freundschaft und Partnerschaft, das sich unweigerlich ergibt, wenn man intensive Momente gemeinsam durchlebt, dann wird es vielleicht klar, warum sich Menschen für extreme Tätigkeiten wie das alpine Klettern entscheiden.

Es gibt also durchaus eine Reihe von Gründen, die extremes Klettern erklären können. Als ich nach meinem Unfall meinen Freund Ingo Knapp, der in den Alpen eine der ersten bohrhakenfreien Routen im 10. Grad begangen hat, fragte, wie er es denn schaffe, NICHT mehr zu klettern, war seine Antwort: "Klettern ist vielleicht das Tollste, was ich in meinem Leben gemacht habe. Aber alles im Leben hat seine Zeit. Und wenn man das übersieht, dann bleibt man im Leben unnötig auf einer Stufe stehen."

Reinhard Karl, der erste Deutsche auf dem Mount Everest, und einer der ersten, die den El Capitan im Yosemite geklettert sind, hat dazu gemeint:

"Ich ahne, wie Leistungsbergsteigen auch nur eine Phase im Leben sein kann. Vielleicht die letzte Stufe vor dem wirklichen Erwachsenwerden. Aber die Berge gaben mir viel." Reinhard Karl ist wie Hansjörg Auer im Alter von 35 Jahren im Eisschlag am Berg ums Leben gekommen...

 

„Kein Gipfel ist es wert, den Tod einzukalkulieren“

Peter Habeler im Gespräch über David Lama, erhöhte Risikobereitschaft und das Erlebnis Berg.

Unvernünftig waren sie nie. Weder David Lama, noch Hansjörg Auer. Sie wollten viel, manchmal zu viel, konnten aber umdrehen, wenn es sein musste. Und trotzdem muss Peter Habeler nun um zwei seiner Freunde trauern. David Lama kannte er schon, da zog dieser noch die Kinderkletterschuhe an. Für den 76-Jährigen, der vor 41 Jahren mit Reinhold Messner das schier Unmögliche möglich machte und den Gipfel des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff erreichte, hat das Unglück in Kanada mehr mit Pech als mit zu viel Risiko zu tun.

OÖNachrichten: David Lama war ein guter Freund von Ihnen. Wie werden Sie ihn in Erinnerung behalten?

Peter Habeler: Der David war so etwas wie mein alpiner Ziehsohn, ein richtiges Juwel. Mit fünf Jahren war er bei mir im Zillertal klettern. Da wusste ich: Der kann was, der wird was. Er wurde später Junioren-Weltmeister im Vorstieg in der Halle, hat seine Cleverness schnell an den Fels gebracht. Trotz seiner unglaublichen Fähigkeiten ist er nie abgehoben. Er ist immer der freundliche Bursch geblieben, den ich so geschätzt habe. Noch vor zwei Jahren bin ich mit ihm durch die Eiger-Nordwand geklettert. Die gemeinsame Zeit, den Spaß und das Lachen, das werde ich in Erinnerung behalten.

Müssen Profi-Alpinisten immer mehr riskieren, um aufzufallen?

Das ist so. Auf den Everest müsstest du jetzt nackt gehen, um noch etwas Besonderes zu sein. Es ist verdammt schwierig, das richtige Maß zu finden. Aber versteh’ mich nicht falsch. Das Unglück in Kanada, das war Pech. Die Burschen wussten genau, was sie tun, haben immer alle Risiken ausbaldowert. Sie gehörten zur Weltspitze, hatten den Gipfel über diese schwierige Route schon erreicht, bevor das passiert ist. Es ist schwer verständlich, dass so gute Leute umkommen. Aber es passiert immer wieder. Du brauchst in diesem extremen Bereich halt auch viel Glück. Darum ist es oft ratsam, nicht immer bis zum Letzten zu gehen.

"Kein Gipfel ist es wert, den Tod einzukalkulieren"
Das letzte Foto von Roskelley, Auer und Lama (v.l.n.r)

Wie meinen Sie das?

Ich hab’ auch extreme Sachen gemacht, mache sie noch immer. Aber mit dem Alter wirst du schon auch weiser. Das Erlebnis Berg ist auch schön, wenn es einfach ist. Eine leichte Kletterroute, ein schöner Dreitausender. Das Free-Solo-Klettern (Anm. Verzicht auf jegliche Sicherungsmittel) zum Beispiel, das ist, und das muss man so hart sagen, ein Spiel mit dem Tod. Ich bin kein Fan davon. Da kann einer noch so gut sein, aber für einen winzigen Fehler ist jeder anfällig und dann ist es vorbei. So bärig das Bergsteigen und Klettern auch ist, das oberste Ziel muss sein, wieder gesund ins Tal zu kommen.

Haben Extrembergsteiger den Tod im Hinterkopf?

Im Hinterkopf vielleicht. Man setzt sich damit auseinander. Aber der Tod darf niemals Teil des Bergsteigens sein. Kein Gipfel auf dieser Welt ist es wert, den Tod einzukalkulieren. Ich rede da vor allem von jungen Leuten, die sich von diesen Extremleistungen anspornen lassen. Sichert euch richtig! Das ist meine Botschaft. Auch der David hat sich immer gesichert, wenn er allein unterwegs war. Das ist vielleicht kompliziert, aber es rettet dich. Schicksalhafte Sachen, wie in Kanada, die gibt es natürlich trotzdem. Der Sicherheitsgedanke muss aber immer an erster Stelle stehen.

Wie war das mit der Sicherheit bei Ihrer Everest-Besteigung im Jahr 1978?

Ja, das war auch eine extreme Sache. Ich hab’ vorher gesagt: Ich will auf den Everest, aber nicht um jeden Preis. Wenn’s zu heikel wird, dreh’ ich um. Das Wichtigste ist das Heimkommen. (geg)

 

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Spezial

5  Kommentare expand_more 5  Kommentare expand_less