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Spezial

Marx wäre heute hin- und hergerissen

Von Klaus Buttinger   05. Mai 2018 00:05 Uhr

Biografie des einflussreichsten Denkers der Welt
Karl Marx

Eine Marxismusdebatte anlässlich des 200. Geburtstags des deutschen Denkers.

Wie würde Philosoph Karl Marx, der vor 200 Jahren zur Welt kam, dieselbige heute sehen? Über die geforderten Mutmaßungen trauten sich die Professoren Brigitte Aulenbacher und Roland Atzmüller drüber, beide von der Abteilung für Gesellschaftstheorie und Sozialanalysen am Institut für Soziologie an der Johannes Kepler Universität.

 

OÖNachrichten: Was würde Marx denken angesichts der herrschenden Umstände heute?

Atzmüller: Marx würde beschäftigen, dass 1989 das "Ende der Geschichte" ausgerufen wurde – und damit der Kapitalismus und die liberale Demokratie als alternativlose Gesellschaftsordnung. Es zeigt sich aber, dass die Probleme, die der Kapitalismus mit sich bringt, nicht verschwunden sind. 80 Familien besitzen gleich viel wie die untere Hälfte der Weltbevölkerung.

Aulenbacher: Marx wäre hin- und hergerissen. Er wäre erstens überrascht, dass es überhaupt eine Zeit der Prosperität gegeben hat – in der Nachkriegszeit; zweitens, dass wir in der Verteilung wieder dort sind wie im Frühkapitalismus.

Was würde Marx zur Macht der Großkonzerne sagen?

Atzmüller: Das würde ihn nicht überraschen. Er ging davon aus, dass es zu einer Konzentration der Unternehmen kommt als Folge der Konkurrenz. Überraschen würde ihn vielleicht, dass sich dieser Prozess immer wieder erneuert.

Marx postulierte, dass die Arbeiterklasse so lange ausgebeutet wird, bis sie sich in einer Revolution erhebt. Hat der Kapitalismus insofern dazugelernt, als er Werktätige soweit mitverdienen lässt, sie allenfalls alimentiert, dass sie Ruhe geben?

Aulenbach: Wir haben auch in Europa eine Rückkehr von sozialen Fragen wie der Prekarität. Bei weiten Teilen der Bevölkerung kann man nicht mehr von einem ungebrochenen Wohlstandsmodell sprechen. Im globalen Süden haben wir ungebrochen eklatante Versorgungsnotstände, Menschen ohne existenzsicherndes Einkommen. Ich weiß nicht, ob das Marx in dieser Dramatik gesehen hat.

Atzmüller: Sehen muss man, dass das allgemeine Mitlebenlassen unter vielen Opfern – bis zum Bürgerkrieg in Österreich, bis zum Weltkrieg – erkämpft werden musste, damit es so etwas wie einen sozialen Kapitalismus überhaupt gibt.

Ist die Arbeiterklasse so revolutionsmüde, weil sie – wie Marx sagte – vom "Fetischcharakter der Waren" geblendet ist? Wird das Sein vom Haben erdrückt in den Wohlstandsländern?

Aulenbach: Ich glaube nicht. Es gab einen Klassenkompromiss, ein stabiles Arrangement bis in die 1970er-Jahre hinein. Seither ist der am Aufbrechen, ich sehe durchaus Protest, aber der organisiert sich anders, als Marx das gesehen hat. Die Prekarisierungsbewegung ist vielfältig, da sind die Gewerkschaften drin und neue, weltweit auftretende soziale Bewegungen, etwa Occupy.

Atzmüller: Oder wenn man sich politische Prozesse um die Wasserprivatisierung und die Willkommenskultur ansieht, die Bewegung um Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn in England oder um Syriza in Griechenland.

Der Austromarxismus hatte seine Erfolge in der Zwischenkriegszeit. Würde Marx noch Erben der Bewegung ausmachen?

Atzmüller: Im Vergleich zu Deutschland gab es in Österreich nach der Zäsur durch Austrofaschismus und Nationalsozialismus keine Installierung von kritischen Intellektuellen wie die Frankfurter Schule. Die SPÖ hat das Erbe ritualisiert verwaltet …

… und dann kamen Blair, Schröder und Klima …

Aulenbacher: Diese Ära war ein ganz dramatischer Einbruch in der Sozialdemokratie. Durch ihre neoliberale Reformpolitik kamen viele zur Einschätzung, sie sei nicht mehr die Lösung, sondern ein Teil des Problems. Der Austromarxismus hat sich immer zwischen Sozialismus und Sozialdemokratie bewegt. Dieser dritte Weg ist mit der Ära Blair/Schröder hinfällig geworden. Momentan sähe Marx keine Erben. Wenn, dann müsste man an diese Tradition neu herangehen.

Würde Marx heute den Weg der Revolution gehen, oder würde er Reformen das Wort reden?

Atzmüller: Die Vorstellung, dass man Privat- und Produktionseigentum per Revolution abschafft, und dann werden alle Brüder und Schwestern; das hat schon Marx thematisiert mit der "Tradition, die wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden lastet". Ein Umgestaltungsprozess dauert lange. Die Frage ist eher: Zu welchem Zweck dienen Reformen? Dienen sie der Stabilisierung eines Systems, das auf Ausbeutung und Umweltzerstörung beruht? Oder dienen sie dazu, in der Gesellschaft demokratische, soziale und solidarische Handlungsspielräume zu vergrößern?

Aulenbacher: Ich halte diese Gesellschaft für reformbedürftig und -fähig. Andererseits halte ich die Idee des Sozialismus nach der historischen Erfahrung der staatssozialistischen Regime für so diskreditiert, dass er aus guten Gründen an Attraktivität eingebüßt hat.

Welche politische Idee hätte sonst noch Zugpferd-Charakter?

Atzmüller: Als Beispiel gegen das Austeritätsregime, das die wohlhabenden EU-Staaten den peripheren oktroyieren, gilt Portugal. Zudem haben wir ein Jahrzehnt hinter uns, in dem Sozialismus eine attraktive Option in Lateinamerika war – mit allen Problemen.

Aulenbacher: Ich möchte die Frage nach Zugkraft auf einen Begriff bringen, der wieder an Attraktivität gewonnen hat: Solidarität. Die homogene Arbeiterschaft gibt es nicht mehr; sie ist vielfältig – ethnisch, in den Beschäftigungs- und Geschlechterverhältnissen. Deshalb greifen vielfältige Konzepte einer solidarischen Gesellschaft, die sind momentan attraktiv.

Biografie des einflussreichsten Denkers der Welt

Karl Heinrich Marx, am 5. Mai 1818 in Trier geboren, war deutscher Philosoph, Sozialökonom, sozialistischer Theoretiker und damit einflussreichster Denker der Geschichte. Er stammte aus einer jüdischen, zum Protestantismus übergetretenen Familie. Zunächst studierte Marx Jura in Bonn, dann Philosophie in Berlin. Während dieser Zeit setzte er sich kritisch mit der Philosophie Hegels auseinander. 1841 promovierte er an der Universität Jena.

Ab 1842 arbeitete Marx als Redakteur für die „Rheinische Zeitung“ in Köln. Nach deren Verbot (1843) und seiner Heirat mit Jenny von Westphalen ging er nach Paris und war für die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ tätig. In Paris schloss er Freundschaft mit Friedrich Engels (1820– 1895). Auf Betreiben der preußischen Regierung wurde Marx 1845 aus Paris ausgewiesen. In Brüssel verfassten Marx und Engels 1847/1848 das „Manifest“ für den „Bund der Kommunisten“.

Ab 1849 lebte Marx, finanziell unterstützt von Engels, vorwiegend in London. Hier entstand „Das Kapital“, die erste kritische Analyse des Kapitalismus. 1864 war Marx an der Gründung der „Internationalen Arbeiterassoziation“ beteiligt. Er starb 1883 in London, wo er auch begraben liegt.

 

Der goldige Karl kommt nach Linz

Eine riesige Karl-Marx-Luftskulptur hat der Linzer Künstler Hannes Langeder geschaffen. Das „öffentliche Diskussionsobjekt“ steht derzeit noch vor dem Museum der Arbeit Hamburg. Nach dem heutigen 200. Marx-Geburtstag kommt es nach Linz.

Der goldige Karl kommt nach Linz
Die aufblasbare Marx-Skulptur vom Linzer Künstler Hannes Langeder.

Langeder, der überlegt, den aufblasbaren Marx auf der Wall Street aufzustellen, erklärt: „Die Marx-Originalskulptur in Chemnitz wiegt 40 Tonnen. Ich wollte Marx auf 100 Kilo erleichtern. So lässt er sich einfacher transportieren und heben – ich hab’s halt auch schon ein bisserl im Kreuz.“ www.han-lan.com

 

 

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