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Flucht nach vorne

Zlatko Junuzovic im Teamdress ... Bild: GEPA pictures/ Christian Ort

Flucht nach vorne

Zlatko Junuzovic kam als Flüchtlingskind nach Österreich. Jetzt ist er ein hochbezahlter Fußball-Profi und verkörpert den Prototyp gelungener Integration.

Von Christoph Zöpfl (Text) und Michael Djukic (Fotos), 18. März 2016 - 11:30 Uhr

Seine Vergangenheit in Ex-Jugoslawien ist kein Thema mehr. Er hat mit seiner Familie die Flucht nach vorne angetreten und schaut nicht mehr zurück. Wir haben uns trotzdem in seinem serbischen Geburtsort Loznica und im bosnischen Zvornik, wo er aufgewachsen ist, auf Spurensuche begeben.

1. Grenzen, Grenzen, Grenzen

Unterwegs auf der Balkanroute. Fahrtrichtung: Gegen den Strom. Von Österreich nach Slowenien. Von Slowenien nach Kroatien. Von Kroatien nach Serbien. Von Serbien nach Bosnien-Herzegowina. Und schließlich von Bosnien-Herzegowina wieder zurück nach Serbien. Knapp 800 Kilometer auf dem Tacho und vier Stempelabdrücke mehr im Reisepass – und „schon“ sind wir in Loznica, der Geburtsstadt von Zlatko Junuzovic, 28, Berufsfußballer, ÖFB-Teamspieler, Vorzeigeprofi.

2. Das Trauma

Als der aktuelle Kapitän des deutschen Bundesligisten Werder Bremen und Stammspieler der österreichischen Nationalmannschaft noch keine fünf Jahre alt war, musste er mit seinem Vater Vahid, seiner Mutter Marica und seiner um sieben Jahre älteren Schwester Elsa im April 1992 aus seiner Heimat flüchten. Es ging um Leben oder Tod. Sein Vater, ein Bosniake, seine Mutter, eine Kroatin – das war damals eine lebensgefährliche Konstellation in einer zunehmend von Serben kontrollierten Region. Vahid Junuzovic war noch dazu als Richter und Präsident des örtlichen Fußballklubs ein potenzielles Feindbild der serbischen Angreifer, die Zvorniks Zivilbevölkerung mit einem schrecklichen Massaker traumatisieren sollten. Erst viele Jahre später wurden einige der damaligen Rädelsführer vom Menschenrechtsgerichtshof in Den Haag zu langen Haftstrafen verurteilt.

Kein Wunder, dass die alten Wunden noch offen sind. Kein Wunder, dass die Familie Junuzovic zwar gern vom Fußball redet, aber über ihre Flucht aus der Heimat schweigt. Das macht die Sache zwar nicht unbedingt leichter, wenn man bei einer Spurensuche Anhaltspunkte braucht – ist aber verständlich.

 

Auf den Spuren von Zlatko Junuzovic
Das Stadion in Zvornik hat auch schon bessere Zeiten erlebt.    
Bild: Michael Djukic

3. MA 2412

Erstaunlich kooperativ verhält sich ein Beamter im nicht gerade repräsentativen Magistratsgebäude von Loznica, als wir ihn höflich um Hinweise auf den großen Sohn der Stadt namens Zlatko Junuzovic bitten. Der Mann mit dem roten Pullover und dem freundlichen Lächeln erweist sich als Fußball-Fan. Er bittet ins Hinterzimmer, hypnotisiert den Bildschirm eines nicht mehr ganz neuen Computers. Letztendlich verlassen wir völlig baff mit unverlangten Geburtsurkunden von Zlatko Junuzovic, seiner Mutter Marcia und seiner Schwester Elsa das Amtsgebäude. Der zuvorkommende Beamte ließ sich vorher sogar bereitwillig mit den Dokumenten fotografieren.

Immerhin wissen wir jetzt exklusiv: Zlatko Junuzovic erblickte am 26. September 1987 um 16.45 Uhr das Licht der Welt. Was wir nicht wissen: Was tun mit den Dokumenten, die uns der Zufall in die Hände gespielt hat?

4. Kreisssaal mit Aussicht

Fast zeitgleich mit dem Licht der Welt könnte das Junuzovic-Baby am 26. September 1987 auch schon einen Fußball-Platz vor seinen Augen gehabt haben. Denn aus dem Kreißsaal der Klinik in Loznica hat man einen tollen Blick auf das Stadion des FC Loznica, das gleich gegenüber liegt.

Der Sportplatz am Stadtrand ist ziemlich ramponiert, die Klinik ist es auch. Sie wurde zwar – wie eine Ärztin erzählt – vor gut zehn Jahren renoviert, verglichen mit den Standards in österreichischen Spitälern ist dieses Krankenhaus aber eher ein Fall für die Abrissbirne. Eine kleine Hausführung stimmt letztendlich sehr nachdenklich. Die dritte Welt ist gar nicht so weit von Österreich entfernt wie wir auf unserer Insel der Seligen glauben.

Auf den Spuren von Zlatko Junuzovic
Ju-nu-zo-wer? Für Marko und Zoran ist Junuzovic ein Unbekannter.    
Bild: Michael Djukic

5. Ju-nu-zo-wer?

Auch wenn Junuzovic auf „Wikipedia“ im Steckbrief von Loznica unter der Rubrik „Söhne und Töchter der Stadt“ aufscheint und damit einen Promi-Status haben sollte, kennt ihn auf den Straßen seines Geburtsortes so gut wie niemand. Marko und Zoran, die vor der frisch herausgeputzten serbisch orthodoxen Kirche kicken, schwärmen von Roter Stern Belgrad und Paris Saint Germain, von David Luiz und Real-Stürmer Isco. J-u-n-u-z-o-v-i-c? Die Schultern zucken – und weiter geht der trickreiche Kick der beiden 13-Jährigen. Auch Vukasin Buguljic, ein Fußball-Fan der älteren Generation, schüttelt den Kopf. Ju-nu-zo-wer? Er schwärmt von Ivica Osim und Ex-Sturm-Graz-Kicker Michael Petrovic, der auch aus Loznica stammt. Dann erklärt er eines der vielen Graffitis auf den Wänden seiner Heimatstadt. Die „Süd-Front Loznica“ hat hier ihre Leidenschaft für Partizan Belgrad auf den rissigen Putz gesprayt. Links neben einer großen Faust befindet sich ein Grabstein, und der finstere Typ rechts auf dem Bild beerdigt die Gegner von Partizan, erklärt Bujugvil strahlend und zeigt grinsend sein nicht mehr ganz vollständiges Gebiss. Eine makabre Symbolik in einer Stadt, in deren Umland in den 1990er-Jahren Tausende Menschen ermordet und in Massengräbern verscharrt worden sind.

6. Das andere Ufer

Die 25-Kilometer-Fahrt vom Junuzovic-Geburtsort Loznica zu seinem späteren Wohnort Zvornik führt nicht nur an das andere Ufer des Flusses Drina, sondern auch in ein anderes Land, nämlich nach Bosnien-Herzegowina. Zumindest im Friedensvertrag von Dayton wurden die Grenzen so gezogen. In der Realität heißt die Region, in der sich Zvornik befindet, Srpska Republik, serbische Republik. Du kommst also von der Republik Serbien in die serbische Republik und trotzdem ist alles irgendwie anders. In Zvornik bestimmen aus der Ferne betrachtet die Minarette der Moscheen das Stadtbild.

Aus der Nähe fallen einem die unzähligen Wettbüros auf. „Die armen Leute suchen hier ihr Glück und werden dadurch noch ärmer“, sagt Djordje Djuric, ein schauspielender Kaffeehaus-Besitzer oder Kaffeehaus besitzender Schauspieler, so genau kann er seinen Job nicht erklären. Dafür redet er viel von Völkerverständigung und seiner Zukunftsvision. „Die Frage ist nicht, was dein Land für dich macht, sondern was du für dein Land machen kannst.“

Sein Freund Igor Golubovic, ein Lokal-Journalist, ist vorsichtiger Optimist und fühlt sich in Zvornik zuhause, auch wenn die Stadt mit ernsten und unübersehbaren wirtschaftlichen Problemen kämpft. Außerdem hat ein terroristischer Anschlag eines Islamisten auf die Polizeistation vor einem Jahr wieder alte Befürchtungen geschürt. Golubovic: „Ein bisschen Angst hat hier jeder.“

Was die beiden außerdem verbindet: Keiner kann mit dem Namen Junuzovic etwas anfangen. Hilfsbereit, wie fast alle Menschen, denen man hier – egal auf welcher Seite des Grenzflusses – begegnet, begleiten uns die beiden zum Stadion des FK Drina Zvornik, den letzten Schauplatz unserer Spurensuche.

Auf den Spuren von Zlatko Junuzovic
Klubsekretär Vukic blättert in alten Erinnerungen.    
Bild: Michael Djukic

7. Der alte Sekretär

Bei der Corner-Fahne toben sich fünf Hunde-Welpen aus, sonst ist auf dem Spielfeld des Oberhaus-Klubs nichts los. Die abstiegsgefährdete Bundesliga-Mannschaft bestreitet auswärts ein Testspiel gegen Sarajevo, erklärt Klub-Sekretär Bojan Cirkovic – endlich jemand, der weiß, wer Zlatko Junuzovic ist. Über dessen Vater, der früher den damaligen jugoslawischen Drittligisten als Präsident geführt hat, findet er im Archiv jedoch keine Hinweise. Telefonisch fragt er den ehemaligen Klubsekretär Rade Vukic um Rat. Der alte Herr macht sich sofort auf die Socken, als er hört, dass jemand etwas über Vahid Junuzovic wissen möchte.

Keine fünf Minuten später steht er da. Aus verstaubten Regalen werden alte, abgegriffene Foto-Alben hervorgeholt und im Anschluss Erinnerungen aufgewärmt. Vukic war mit Zlatkos Vater sehr eng befreundet, dessen Sohn hat er als Baby in seinen Armen gehalten. Bevor Junuzovic Senior-Präsident des FK Drina Zvornik wurde, sei er selbst ein großartiger Fußballer mit einer besonders feinen Technik gewesen, sagt Vukic. Über die Flucht der Familie im April 1992 erzählt der alte Sekretär wenig. Nicht, weil sich Vukic nicht mehr daran erinnern könnte, sondern, weil er sich nicht mehr daran erinnern will. Privatsache.

Die Wunden, sie sind noch nicht verheilt. Das erkennt man an den vielen desolaten Gebäuden, egal auf welcher Seite des Grenzflusses sie gerade in Zeitlupe zerbröseln. Das sieht man aber auch vielen Menschen an, egal ob Bosniake, Serbe, Kroate, egal ob sie noch zu irgendeinem Gott beten oder ihren Glauben an eine höhere Macht längst verloren haben. Ob er hoffe, seinen alten Freund und Ex-Nachbarn Vahid Junuzovic und dessen prominenten Sohn einmal wiederzutreffen, fragen wir den alten Sekretär zum Abschluss. Er hebt seine Hände, streckt sie aus und schaut uns sprachlos lange an. „Natürlich, was für eine Frage?“, steht in seinen Augen geschrieben, die sich langsam mit Wasser füllen.

 



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Wo Junuzovic seine Wurzeln hat

Zvornik: Die Stadt, in der Zlatko Junuzovic aufgewachsen ist, war 1992 Schauplatz des zweitgrößten Massakers in der Drina-Region nach Srebrenica. Rund 750 Bosniaken wurden zwischen April und Juli von bosnisch-serbischen Truppen getötet. Insgesamt flüchteten 40.000 Bosniaken und andere nicht-serbische Zivilisten aus der Region.

Loznica: Sein Geburtsort war zu Beginn des Ersten Weltkrieges Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen den serbischen und den österreichischen Truppen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Oktober 1941 unweit der Stadt 2960 Menschen als Racheaktion von Truppen der Wehrmacht ermordet.

 

Zwei weitere Leistungsträger des ÖFB-Teams sind im ehemaligen Jugoslawien familiär verwurzelt. Beide wurden jedoch in Österreich geboren:

Grocka: Die Eltern von Aleksandar Dragovic sind in Grocka aufgewachsen, einem kleinen Ort direkt an der Donau.

Sabac: Der Vater von Marko Arnautovic stammt aus der serbischen Stadt Sabac, rund 90 Kilometer von Belgrad entfernt.

 

 

 

Kommentare

„die DREI sind nicht die einzigen die sich integriert haben .. “ pepone die DREI sind nicht die einzigen die sic...

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