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Karl Odorizzi: "Garstige Eingriffe"

WELS. Mit Schrecken beobachtet der Architekt, wie mit den von ihm geplanten Bauten umgegangen wird. Architektur werde ausgelöscht, sagt er.

Vor gut zehn Jahren hat Karl Odorizzi sein Gesamtwerk publiziert. Das Buch "Architektur: denken bauen erleben" liegt vor ihm ausgebreitet auf dem Tisch, darin eingelegt Notizen und Fotos, die dokumentieren, wie sich der Zustand der Gebäude seit Bestehen verändert hat – oft zum Schlechteren, wie er im Gespräch mit OÖN-Architekturkritiker Tobias Hagleitner bedauert.

 

OÖNachrichten: In Anlehnung an Thomas Bernhard sprechen Sie von "Auslöschung". In dem Roman geht es um die Tilgung von Herkunft und Erinnerung. Was hat das mit Ihren Bauten zu tun?

Odorizzi: Das könnte ich anhand vieler Objekte erklären. Nur ein Beispiel: In den 60er und 70er Jahren habe ich viele Wettbewerbe für Schulen gewonnen, die auch gebaut wurden. Eine davon war die Schule in Molln. Vor einigen Jahren war ich wieder dort und habe das Gebäude nicht gefunden. Warum? Schlicht, weil es nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Gerade bei Schulen ist es doch verständlich, dass Anpassungen nötig sind. Auch bautechnisch ändern sich die Ansprüche…

Ja, die Möglichkeit der Veränderung ist für mich geradezu Kernelement des Bauens. Ich nenne das die Raum-Zeit-Architektur. Ein Gebäude soll sich entwickeln und weiterwachsen können. Aber man muss eben überlegen, wie man das richtig macht, dass man das Wesentliche erkennt und sinnvoll erweitert oder repariert. Ein anderes krasses Beispiel für das Unvermögen, das zu tun, ist die Schule in Niederthalheim. "Eine der schönsten Landschulen aus den 1960er Jahren", wie Architekturkritiker Friedrich Achleitner schrieb, "ein von innen nach außen und von außen nach innen lebendiges und eindrucksvolles Ganzes." Die hätte lediglich vergrößert werden müssen. Stattdessen wurde sie kaputtgemacht.

Karl Odorizzi: "Garstige Eingriffe"

Einst und heute: Niederthalheim war beispielhaft für den epochemachenden Typus der Hallenschule, den Odorizzi für Oberösterreich mitgeprägt hat (links). Von der Idee ist nicht viel übrig.

 

Auf die architektonische Idee wird also zu wenig Rücksicht genommen. Von welchen Ideen sind Ihre Bauten denn bestimmt?

Meine Haltung wurde in den 1960ern geprägt. Einige Kollegen und ich haben die damals vorhandene Orientierungskrise überwunden und sinnvoll neu gestaltet. Auch einsichtige Politiker, Beamte und Behörden waren an dem Aufbruch beteiligt. Wir haben versucht, einfache und elementare Architektur zu machen, unter Berücksichtigung der technischen Möglichkeiten, aus dem Material heraus und eingebunden in die Topografie.

Warum geschehen die "Auslöschungen"? Ist das Ignoranz, Dummheit oder mangelnder Respekt?

Wer etwas ignoriert, macht das bewusst, weil er in etwas anderem mehr Sinn sieht. Das könnte ja sogar besser sein als das, was da ist. Die Ignoranz der Macht ist das Problem. Dummheit, als Trägheit des Herzens verstanden, ist es auch, ja, und mangelnder Respekt. Aber nicht das Gebäude braucht eigentlich Respekt, sondern das Tun, dass man sich vorsichtig herantastet und dass nicht Laien an die Sache herangehen. Verantwortlich ist manchmal noch etwas anderes, und das ärgert mich besonders: die Gier. Jemand verspricht sich einen Gewinn, bekommt eine Provision oder eine Gegenleistung, wenn er etwas so macht, wie er es macht, mit diesem oder jenem Produkt, mit dieser oder jener Firma.

Was müsste sich insgesamt ändern, damit Architektur den Stellenwert bekommt, den sie verdient, damit auch das jüngere baukulturelle Erbe geschätzt würde?

In der Gesellschaft fehlt das Bewusstsein, was ein guter architektonischer Entwurf für einen geistigen und zeitlichen Aufwand bedeutet und welchen Mehrwert das bringt. Das müsste mehr vermittelt werden, schon im Schulalter. Es liegt auch an den Architekten. Sie dürfen nicht umfallen und ihre Ideale aufgeben. Auf die Umsicht der Bauherren kommt es genauso an, damit diese garstigen Eingriffe nicht passieren. Und solange der Architekt eines Bauwerks noch lebt, soll er im Fall einer Erweiterung zumindest konsultiert werden. Das würde ich mir erwarten.

 

Zur Person

Zur Person

Karl Odorizzi (87) gründete vor 60 Jahren sein Architekturbüro in Wels. Er realisierte zahlreiche Schulen, Wohnbauten und Geschäftshäuser. Der langjährige Präsident der Zentralvereinigung OÖ, Träger des Landeskulturpreises und der Welser Kulturmedaille in Gold war auch in der Lehre und Forschung aktiv, u. a. an der Uni Innsbruck. Heute widmet er sich bevorzugt der abstrakten Malerei.

 

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Artikel Tobias Hagleitner 11. August 2018 - 00:04 Uhr
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