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Köstinger für "Grünen Pass" für Geimpfte, Anschober will europäische Lösung

Von nachrichten.at/apa   25.Februar 2021

ISRAEL-HEALTH-VIRUS
In Israel können Bürger, die zwei Impfdosen gegen das Coronavirus erhalten haben, einen "Grünen Pass" ausgestellt bekommen.

Wie die Tourismusministerin, begrüßt auch Staatssekretär Magnus Brunner (ÖVP) einen europäischen "Grünen Pass" für Corona-Geimpfte, Genesene und Getestete. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) forderte eine europäische Lösung und die Klärung offener Fragen. Die Opposition und EU-Abgeordnete zeigten sich zurückhaltend. Die Tourismusbranche hofft unterdessen auf den "Grünen Pass".

Wie berichtet, will Bundeskanzler Sebastian Kurz (VP) den "Grünen Pass" nach dem Vorbild Israels beim Donnerstagnachmittag beginnenden EU-Gipfel vorschlagen. Digital soll damit ersichtlich sein, wer bereits gegen Corona geimpft ist, eine Infektion durchgemacht hat oder kürzlich getestet wurde. Verknüpft damit wären gewisse Freiheiten. Kurz strebt eine europäische Lösung an. Wenn das aber nicht gelingt, werde Österreich "dieses Projekt national angehen", hatte Kurz am Mittwoch erklärt.

Mit einer Entscheidung der EU-Staats- und Regierungschefs wird am Donnerstag noch nicht gerechnet. Deutschland, Frankreich und andere Länder haben Vorbehalte, weil unklar sei, ob Geimpfte das Virus weitergeben. Die Gegner befürchten zudem eine Impfpflicht durch die Hintertür. Bulgarien und Griechenland stellen sich nach den Worten des bulgarischen Ministerpräsident Boiko Borissow hinter die Forderung von Kurz.

Video: Falls es keine europäische Lösung gibt, will Kurz das Projekt national angehen.

Anschober für europäische Lösung

Anschober erklärte in einer Aussendung, "wir brauchen eine gemeinsame Umsetzung auf europäischer Ebene." Das "Ziel ist es, digitale Lösungen zu finden, wobei einerseits der Datenschutz gewährleistet sein muss und andererseits gesellschaftspolitische und ethische Fragen im Vorfeld geklärt werden müssen". Eine politische Entscheidung über die Anwendungsbereiche des "Grünen Passes" sei wichtig. Dies umfasse Fragestellungen wie Regelungen für Menschen, die sich aus Gesundheitsgründen nicht impfen lassen können oder keinen Zugang zu den erforderlichen digitalen Anwendungen haben, etc. Zu klären seien auch Fragen, etwa zur Wirkung der Impfung gegen Transmission oder zum Grad der Immunisierung in der Bevölkerung. "Diese Fragen müssen geklärt sein, bis wir mit unserer Impfkampagne in die Breite kommen."

Mehr Freiheiten mit Pass

In Israel können Bürger, die zwei Impfdosen gegen das Coronavirus erhalten haben, einen "Grünen Pass" ausgestellt bekommen. Dieser ermöglicht ihnen unter anderem, wieder Fitnessstudios, Schwimmbäder, Theater oder Hotels zu besuchen. Zudem hat Israel bereits mit den EU-Ländern Griechenland und Zypern Abkommen geschlossen, welche die Einreise von Menschen mit Impfnachweis ab April ermöglichen soll.

"Ein europaweit einheitlicher und anerkannter 'Grüner Pass' ist der richtige Ansatz, um trotz Coronakrise größtmögliche Freiheit wiederzuerlangen", sagte Köstinger laut einer Aussendung. Sie kündigte eine Diskussion beim Treffen der EU-Tourismusminister am Montag über das Thema an. "Eine einheitliche und rasche digitale Lösung muss im Interesse aller EU-Mitgliedsstaaten liegen." Ein digitaler Pass würde den Tourismusstandort attraktiver machen und könnte auch für Gastronomie und Veranstaltungen zum Einsatz kommen. "Ein Europäischer Impfpass, wie ihn Bundeskanzler Kurz vorgeschlagen hat, ist nötig, um die Mobilität von Personen, Waren und Dienstleistungen im Binnenmarkt rasch wieder zu erleichtern. Das ist die Basis für die Rückkehr zur Normalität, wie wir sie vor der Corona-Krise kannten“, sagte auch Angelika Winzig, Delegationsleiterin der ÖVP im Europaparlament.

SP skeptisch: "Viel weniger Impfungen"

Die SPÖ reagierte skeptisch. In Israel hätten bereits 88,7 Prozent die erste Impfung erhalten, in Österreich aber erst 4,5 Prozent. "Obwohl gerade einmal 4,5 Prozent der österreichischen Bevölkerung bisher eine Impfung erhalten haben, beginnt Kurz jetzt eine Diskussion über Privilegien für geimpfte Personen", zeigte SPÖ-Gesundheitssprecher Philip Kucher kein Verständnis für den Vorstoß. "Zu Ende gedacht bedeutet das, der Bundeskanzler will 95,5 Prozent der ÖsterreicherInnen dafür diskriminieren, dass sie noch keine Chance hatten, sich impfen zu lassen", so Kucher in einer Aussendung.

FP lehnt Vorschlag ab

Die FPÖ erneuerte ihre Kritik. Der Vorschlag von Kurz "stößt auf klare Ablehnung der FPÖ", betonte FPÖ-Parteiobmann Norbert Hofer in einer Aussendung. Denn er wolle "nicht geimpfte, nicht getestete oder zuvor nicht infizierte Menschen dauerhaft ihrer Freiheit berauben", sah Hofer "den Höhepunkt einer gefährlichen und inhumanen Entwicklung". Hofer vermutete außerdem ein Ablenkungsmanöver. Um von den "Problemen rund um den Finanzminister und das Impfdebakel abzulenken", präsentiere Kurz einfach ein neues Thema.

"Diskussion verfrüht"

Auch die Vizepräsidentin des Europaparlaments und frühere deutsche Justizministerin Katarina Barley (SPD) äußerte sich zurückhaltend. "Wenn sicher ist, dass man nicht angesteckt wird und dass man nicht mehr ansteckt, dann wird sich rein rechtlich die Frage stellen, ob man dann noch die Grundrechte in der Weise einschränken darf", sagte sie laut Nachrichtenagentur dpa dem Südwestrundfunk. Doch sei "diese Diskussion noch etwas verfrüht".

Kritik daran, den "Grünen Pass" notfalls auch im Alleingang umzusetzen, übte der FPÖ-Delegationsleiter im EU-Parlament, Harald Vilimsky. "Welch 'Drohung' von Kurz: Den 'Impfpass' zur internationalen Reisefreiheit für Geimpfte bei EU-Nein für 'innerösterreichische Staatsgrenzen' im Alleingang einführen", fragte Vilimsky auf Twitter. "Nimmt sich die Regierung eigentlich selbst noch ernst oder testen die aus, was bei Medien unhinterfragt durchgeht?"

Brunner sieht "große Chance" für Flugverkehr

Die ÖVP-Delegationsleiterin Angelika Winzig betonte indes: "Ein Europäischer Impfpass, wie ihn Bundeskanzler Kurz vorgeschlagen hat, ist nötig, um die Mobilität von Personen, Waren und Dienstleistungen im Binnenmarkt rasch wieder zu erleichtern." Das sei die Basis für "die Rückkehr zur Normalität, wie wir sie vor der Corona-Krise kannten", sagt Winzig.

Die FDP-Politikerin Nicola Beer ebenfalls Vizepräsidentin des EU-Parlaments, forderte jetzt schon "eine zielgerichtete Debatte über Konzept und Funktion des europäischen Impfzertifikats", wie sie der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Staatssekretär Brunner sah im Vorschlag zu einem EU-weiten "Grünen Pass" "eine große Chance für einen geregelten und stabilen Flugverkehr im Sommer". Die Luftfahrt habe "ein hartes Jahr hinter sich", 2020 erreichte nur ein Viertel der Passagiere, im Vergleich zum Vorjahr, Österreichs Flughäfen, so der Staatssekretär im Klimaministerium. Er appellierte an die Staats- und Regierungschefs, den Vorschlag von Kurz zu unterstützen.

Flughafen Wien fordert rasche Entscheidung

Auch der Flughafen Wien unterstützt den Vorstoß als "wichtige Initiative". Die Entscheidung müsse jetzt fallen, bis April zuzuwarten, sei zu spät "dann geht sich das bis zum Sommer nicht mehr aus", erklärte Flughafen Wien-Vorstand Günther Ofner. "Millionen Menschen wünschen sich wieder, ihren Urlaub genießen zu können. Europaweit hängen auch Millionen Arbeitsplätze davon ab, ob im heurigen Sommer coronasicherer Tourismus und Kulturbetrieb mit Publikum möglich sind".

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte - wie berichtet - erklärt, eine Entscheidung über Erleichterungen für Geimpfte - wie etwa in Israel - werde in Österreich nicht vor April fallen. Er sei für einen europäischen Impfpass, so Anschober am Mittwochabend auf "Puls24". Die Frage - der Pass als "Türöffner für eine Ungleichbehandlung in der Gesellschaft, so wie es in Israel der Fall ist" -, sei eine "hochpolitische, ethische Frage" und eine "spannende Diskussion", die zu führen sei. "Ob wir das wollen, hängt auch davon ab, wie groß der Anteil der Geimpften tatsächlich ist", sagte Anschober.

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07. Mai 2021