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Kurz verteidigt Lockerungen: "Lockdown hat wenig Sinn, wenn keiner mitmacht"

Von nachrichten.at/apa   25.Februar 2021

CORONA: PK NACH TREFFEN DER BUNDESREGIERUNG MIT DEN LANDESHAUPTLEUTEN: KURZ
Bundeskanzler Sebastian Kurz

"Ein Lockdown, wo keiner mitmacht, hat wenig Sinn", sagte Kurz der "Bild" (Donnerstag). Österreich setze aufs Testen. Die Betrachtung der Corona-Infektionszahlen allein sei daher nicht ausreichend. Gleichzeitig schloss er einen weiteren Lockdown nicht aus. Eine dritte Welle lasse sich nicht verhindern. "Ich finde es wichtig, dass man auf die Ansteckungszahlen schaut. Ich glaube, die Inzidenz alleine ist in der Betrachtung ein bisschen zu wenig", erklärte Kurz im Interview mit der "Bild" (Donnerstagsausgabe) und "Bild TV". "Es kommt auch immer drauf an, wie viel getestet wird. Wenn man wenig testet und man hat wenig Ansteckungsfälle, heißt das noch nicht, dass alles gut ist. Wenn man sehr, sehr viel testet, dann erwischt man natürlich auch viel mehr Asymptomatische, die Dunkelziffer wird kleiner, die Inzidenz steigt."

Die Regierung habe vor den Öffnung daher auf die Fallzahlen und die "objektive Situation" geschaut. "Und die objektive Situation war in Österreich schlicht und ergreifend, dass nach sechs Wochen der Lockdown seine Wirkung verloren hat. Die Menschen haben sich immer weniger dran gehalten, es hat immer mehr Verlagerungen in den privaten Bereich gegeben und ein Lockdown, wo keiner mitmacht, der hat natürlich auch wenig Sinn."

"Natürlich kommt die dritte Welle auf uns zu"

Nun würden die Infektionszahlen erwartungsgemäß steigen. "Wir haben natürlich durch die Öffnungen wieder einen Trend nach oben, aber dieser Trend ist etwas abgeflacht. Er ist langsamer als zum Beispiel in Irland oder Portugal, wo die Zahlen ja explosionsartig gestiegen sind." Ein neuerlicher Lockdown könne "niemand ausschließen". Denn die Pandemie verlaufe in Wellen. "Natürlich kommt jetzt die dritte Welle auf uns zu. Das ist so und das lässt sich auch nicht verhindern."

Die Frage sei, wie hoch und wie schnell die Zahlen steigen. "Wenn es gelingt, dass die Zahlen zwar steigen, aber nicht explosionsartig steigen, dann kann es gelingen, dass wir Schritt für Schritt in Richtung wärmere Jahreszeit, in Richtung mehr Impfungen und in Richtung Normalität kommen", sagte Kurz, der auch seine Idee eines "Grünen Passes" für Geimpfte, Genesene und Getestete propagierte.

Inzidenz in Deutschland halb so hoch

In Deutschland sind die Inzidenzzahlen der Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner mit 61,7 weniger als halb so hoch wie in Österreich. Dennoch sind dort die Maßnahmen schärfer und eine Inzidenz von 35 wird für Lockdown-Öffnungsschritte angepeilt. Aus Sorge vor der Verbreitung von ansteckenderen Corona-Varianten hat Deutschland außerdem seine Grenze zu Tirol und Tschechien bis auf einige Ausnahmen geschlossen. Dies wurde von österreichischer Seite scharf kritisiert.

Der deutsche Botschafter in Österreich Ralf Beste wünscht sich unterdessen Verständnis für die deutschen Maßnahmen, wie er im Interview mit den "Oberösterreichischen Nachrichten" (Donnerstag) sagte. "In Deutschland sinken die Zahlen trotz fortgesetzter Beschränkungen nicht weiter, in Österreich steigen sie wieder. Keiner hat das Patentrezept, deswegen sollten wir schauen, was wir von anderen lernen können und einander nicht beschimpfen, wenn einer einen anderen Weg einschlägt."

Der Botschafter glaubt nicht, dass Virusverbreitung in Ischgl und die Südafrika-Mutation in Tirol langfristig etwas daran ändere, dass Österreich für viele Deutsche ein beliebtes Urlaubsland sei. Derzeit sei aber "Reisen aus epidemiologischer Sicht nicht ungefährlich. Deswegen geht es beim Thema Ischgl auch nicht um individuelle Schuld, sondern vielmehr um das Vertrauen, dass aus Fehlern gelernt wurde." Beste: "Dass Deutsche eher früher als später wieder gerne Urlaub in Österreich machen werden und andersrum, das bezweifle ich nicht."

Das "Bild"-Interview mit Kurz:

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17. Mai 2021