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Muttersprache

Ab wann ist ein Idiot ein Idiot?

Von Julia Evers 12. Juni 2019 00:04 Uhr

Ab wann ist das blasierte G’schau das eigene und nicht nur das von der Mutter vererbte?

Babys gibt es in den verschiedensten Ausführungen, die meisten entzückend, manche von der Natur offensichtlich eher als lustig geplant, aber immer alle unglaublich süß. Das ist einfach so und wurde nicht nur von meinen Hormonen immer wieder bestätigt. Und auch die kleinen Kinder, in die sich die Babys dann irgendwann verwandeln, sind lieb, meinen es eigentlich gut, sie können ja nichts dafür.

Egal, wie hoch sie die Nase tragen, egal, welch unglaublich blöde Sachen sie sagen – ein Blick oder gar eine kurze Unterhaltung mit den Eltern liefert meist zuverlässig die Erklärung für ihr Verhalten. Ab wann gilt diese Entschuldigung nicht mehr? Ab wann ist das blasierte G’schau das eigene und nicht nur das von der Mutter vererbte? Ab wann sind völlig arrogante und alle anderen abwertenden Sätze ein eigener unsympathischer Zug und nicht nur das Nachgeplapperte der väterlichen Angebereien?

Ich beobachte einen Fünfjährigen, der einen Zweijährigen am Spielplatz fertigmacht, weil der noch Windeln anhat. Die Mutter des Aggro-Kindes ist wie ihr Spross in Designer-Mode gewandet und wunderschön frisiert. Sie schweigt, während ihr Sohn immer kräftiger austeilt. Weil immerhin könne der Zweijährige nicht so gut klettern wie er, und überhaupt sei das doch ein ziemlicher Versager, dieser Windelträger. Der Angesprochene quittiert das mit freundlichem Lächeln. Denn: Er ist zwei. Das bedeutet nicht nur minimale Kletterfähigkeiten, sondern auch maximale Toleranz gegenüber abwertendem Geschwätz.

So ein Gegner, der sich nicht provozieren lässt, ist offensichtlich fad. Also wendet sich das schicke Kind mir zu. "Ich wohne in einem viel größeren Haus als du", beginnt es die Konversation. "Da hast du sicher recht", pflichte ich ihm bei, während seine Mutter noch immer schön schaut und schweigt.

Was soll ich sagen? Die Konversation ging in dieser Tonart weiter. Und ich habe eine Antwort auf meine Frage gefunden: Mit fünf Jahren, da können Kinder schon selbstständig unsympathisch sein. Provozieren hab ich mich aber auch nicht lassen. Ich möchte lediglich anmerken, dass ich sicher besser klettern kann als er.

Artikel von

Julia Evers

Redakteurin Kultur

Julia Evers
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