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19. August 2022, 12:18 Uhr
Sommergewitter, Lesergeschichte
Bild: freepik

"Blitze, dachte das Mädchen, Blitze wären bösartig. Blitze könnten nämlich so viel zerstören." Tiffany erzählt in ihrer Kurzgeschichte von einem Naturschauspiel, dass ganz schön Angst machen kann...

Im Sekundentakt erhellten Blitze das Zimmer. Gestalten wurden scheinbar sichtbar. Angsteinflößendes Donnergrollen erstreckte sich kilometerweit über die Landschaft. Starkregen klopfte wie wild gewordene Tiere gegen die Fensterscheiben und das Prasseln des Regens vermischte sich mit dem Donnergrollen.

Im Bett eingekuschelt schlief ein Mädchen friedlich. Plötzlich wurde sie von einem Mark und Bein erschütternden Donnerschlag geweckt. Aufgewühlt und verwirrt blickte sie im Zimmer umher. Gestalten lauerten ihr scheinbar im Zimmer auf. Das Zimmer wurde hell erleuchtet. Erneut Donnergrollen. Blitz. Donnergrollen. Blitz. Lange ging es so dahin. Das Mädchen hatte Angst. Sie hatte generell Angst vor jeder Art von Gewittern. So schlimm war es doch wohl noch nie gewesen, dachte sie sich im Stillen. Im Türspion sah sie Licht im Wohnzimmer brennen. Da hatten wohl die Eltern vergessen, dass Licht auszuschalten, oder sie mussten beim Fernsehen eingeschlafen sein.

Voller Adrenalin sprang sie vom Bett auf und rief nach ihren Eltern. Wahrscheinlich hatten sie aus Sorglosigkeit nur das Licht vergessen und waren schon in ihren Betten eingekuschelt. Ein spontaner Gedanke beschlich ihren Kopf: Ob sie sich zu ihren Eltern ins Bett kuscheln könnte und das Gewitter vorbeiziehen lassen sollte? Denn dieses Gewitter hatte es wirklich in sich. Dennoch entschied sich das Mädchen dagegen. Ob sie wohl ihre jüngere Schwester wecken und mit ihr ihre Ängste teilen sollte? Nein, auch das wagte sie nicht. Ihre Schwester hatte das große Glück, dass sie das Gewitter verschlief. Ihre ruhige, ausgeglichene Atmung ließ auch das Mädchen ruhiger werden. Ruhe senkte sich schließlich auch auf den Brustkorb des Mädchens. Sie war nun schon etwas älter, und doch bereiteten ihr Gewitter noch eine höllische Angst.

Aber erneut ertönte Donnergrollen. Weitere Blitze in Sekundenbruchteilen erhellten die Welt. Wann würde dieser Wahnsinn endlich enden? Sorgenvoll erinnerte sie sich an die Tiere, die draußen lebten. Wie erging es wohl den Waldtieren, ihren Katzen, den Pferden, dem Fohlen, dem Hund oder den Kälbern? Waren sie auch so voller Angst? Und schon wieder Donnergrollen. Diesmal ging es durch Mark und Bein. Bis in den Zehenspitzen fuhr ihre Angst. Reglos wartete das Mädchen auf das Ende. Doch Blitze, Donnergrollen, Blitze folgten schon wieder.

Blitze, dachte das Mädchen, Blitze wären bösartig. Blitze könnten nämlich so viel zerstören. Die könnten in einen Baum einschlagen und ihn zersplittern oder diesen in Brand setzen. Sie könnten sogar Häuser zerstören, in Menschen einschlagen.

Schließlich entschied sie sich für das, was sie oft versuchte, wenn sie Angst hatte. Sie betete: „Lieber Vater im Himmel! Bitte lass alles so wie es war. Lasse alles heil und pass auf Mensch und Tier auf. Lass die Blitze keine Häuser zerstören. Lass alles Gut werden.“

Das verängstigte Ding hoffte inständig, dass ihre Gebete erhört wurden und alle Geschöpfe der Erde verschonte.

Doch erneutes Donnergrollen! Ihre Fingernägel gruben sich in die Bettdecke. Die Füße zog sie weiter zu sich und kuschelte sich noch tiefer in die warme, schützende Decke. Heiße Tränen rollten über die Wangen des Mädchens. Wann würde das endlich enden?

Dass Donnergrollen wurde schließlich leiser. Der Starkregen ließ nach, die Sturmböen flauten ab. Die Blitze waren nicht mehr so hell und die Intervalle wurden immer länger.

Doch plötzlich BUMM! Donner. Regen. Blitz - es begann vom Neuem. Regen prasselte hart gegen die Fensterscheiben. Neue Angstwellen überrollten das Mädchen, das sehnsüchtig auf das wohl nie eintreffende Ende hoffte. Immer noch reglos lag sie im Bett. Lampenlicht hätte wahrscheinlich die Wirkung der grellen Blitze gemildert, doch sie wagte nicht das Licht einzuschalten. Womöglich fand dann ein Blitz seinen Weg zu ihrem Zimmer. Nein, diesen Gedanken unterdrückte sie lieber ganz.

Doch schleichend zog sich die Angst des Mädchens zurück. Ihre Zehenspitzen kribbelten zwar immer noch, doch konnte sie sich nun aufsetzen und zwang sich zu ruhiger Atmung. Sie beobachtete nun das Naturschauspiel. Weite Teile des Firmaments verfärbten sich rosa von dem Starkregen und den Blitzen. Währenddessen schliefen die übrigen Hausbewohner friedlich, als wäre die Angst des Mädchens vor dem nackten Grauen, das da draußen tobe, bloß ein Albtraum…


Diese Geschichte stammt von Tiffany Walchshofer aus der HLW Freistadt

 

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