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Das Leben einer „Truckerlady“

Von Von Roswitha Fitzinger   30.August 2014

Regina Lidlgruber
Als eine von ganz wenigen Frauen hat sich Regina Lidlgruber aus Steyr als Fernfahrerin in ganz Europa durchgeschlagen.  

Die Haare kupferrot, das Gesicht blass, die Statur schmal, fast zerbrechlich wirkt Regina Lidlgruber. Man kann es sich nur schwer vorstellen, dass diese Frau ein 40 Tonnen schweres, 18 Meter langes Gefährt gebändigt hat, Tag für Tag. Gerade mal 60 Kilo bringt die Steyrerin auf die Waage, bei einer Körpergröße von 1,68 Metern. Sieben Millionen Kilometer hat sie in den 20 Jahren als Fernfahrerin zurückgelegt, war mehr unterwegs als zuhause. Truckerlady und Truckerlilly haben sie die Kollegen genannt. Vor zwei Jahren ist Lidlgruber aus gesundheitlichen Gründen aus dem Lkw gestiegen. Für immer. Aber Entzugserscheinungen hat sie noch immer, sagt sie. Mit ein Grund, warum sie über ihre Zeit als Fernfahrerin nun ein Buch geschrieben hat.

Sie standen privat vor dem Nichts, als Sie mit dem Fernfahren angefangen haben. War das auch so eine Art Flucht?

Regina Lidlgruber: Eigentlich nicht. Es war eher mein einziger Ausweg. Ich hab auf einen Schlag alles verloren, Wohnung, Job, hatte 500.000 Schilling Schulden. Dann war da das Fernweh, das ich immer schon hatte. Also hab ich mir Geld von einem Bekannten geliehen und den Führerschein gemacht. Das war damals 1994 für eine Frau noch gar nicht so leicht.

Auch die Begeisterung der Firmenchefs hielt sich in Grenzen?

Einer in Salzburg hat mich zwei Stunden vor der Tür warten lassen, um mir dann zu sagen, dass sie eine Frau sowieso nicht nehmen. Ich bekam zu hören, dass Frauen in der Branche nichts verloren haben. Das war noch das Harmloseste. Frauen, die nicht folgen, gehören in den Keller gesperrt, und so Sachen sind da gefallen. Aber das hat mich nicht abgehalten. Mit dem letzten Spritgeld bin ich in ganz Österreich herumgefahren, um mich zu bewerben. Ich wollte das unbedingt machen. Einer von 120 hat mich dann genommen, und der hat meine Lage noch ausgenützt.

Rückwirkend, was war am härtesten?

Die Anfangszeit. Die Kollegen waren der Ansicht, eine Frau, die Lkw fahren will, muss auch alles können. Da gab es keine Kollegialität. Die ließen mich eiskalt anrennen. Aber Reifen wechseln, abplanen, abbauen, das musst du erst lernen. Es gibt ganz, ganz wenige, die dir gleich am Anfang helfen. Ich wurde absichtlich auf den falschen Weg geschickt, dann hat mir mal einer ein Kilo Zucker in den Tank geschüttet, einfach weil ich kein Interesse an ihm hatte. Als Frau bist du natürlich auch Freiwild. Aber ich hatte auch andere Kollegen.

Wann hat sich das alles geändert, wann wurden Sie akzeptiert?

Ein halbes, dreiviertel Jahr hat es gedauert, bis sie gemerkt haben, ich kann das – auch alleine. Dann war ich komplett angenommen. Die Herumfahrerei, das hat mir total getaugt. Du sitzt im Lkw, spürst die PS, wenn du anfährst. Puhaa – da muss ich aufhören. Dieses einmalige Gefühl ist sofort wieder da.

Muss man als Fernfahrerin besser sein als ein Mann?

Ich bin genauso gefahren wie ein Mann – mit etwas mehr Abstand vielleicht, aber sieben Millionen Kilometer unfallfrei, also ohne Personenschäden. Blechschäden gab es schon. Grundsätzlich musst du als Frau besser sein als ein Mann, beim Rückwärtsfahren, beim Abplanen, sonst wirst du nicht anerkannt.

Fernfahren ist ja nicht ungefährlich. Gab es Übergriffe?

Es gab Überfälle. Der erste, da war ich dumm, ein Anfängerfehler. Ich habe mir einen Parkplatz gesucht und bin bis auf einen Meter an den vorderen Lkw rangefahren, hinter mir und neben mir standen sie auch ganz nah. Weil ich keine Toilette gefunden hab, bin ich in die Büsche, und da spür ich, wie mich von hinten jemand packt. Ich hatte Todesangst, hab wild um mich geschlagen, hab ihm in die Hand gebissen, dabei zwei Zähne verloren. Ich wurde zu Boden gerissen und mit den Schuhen ins Gesicht getreten. Ich dachte nur noch: Ich muss kämpfen, sonst sterbe ich, der vergewaltigt mich. Irgendwie konnte ich in den Lkw flüchten. Gott sei Dank hat mir ein Kollege einen Trick verraten, was man machen muss, damit die Türschnallen nicht aufgebrochen werden.

Hat denn niemand geholfen?

Keiner hat geholfen, obwohl der Parkplatz gestopft voll war. Damals gab es keine Handys. Sie standen dann zu dritt oder viert vor der Fahrertür, haben daran gerissen und geschrien, ich soll rauskommen, sonst passiert etwas. Irgendwann haben sie aufgehört. Das vergisst du nie wieder. Ich bin auch nicht zum Doktor gegangen, ich musste weiterfahren. Ich brauchte schließlich das Geld, um meine Schulden zurückzuzahlen. Das war mein Ziel, und wenn ich ein Ziel hab, dann drück’ ich das durch, aber das war eine harte Partie.

Wann hat das mit dem Schreiben begonnen?

Nach dem ersten Überfall. Ich hatte niemanden zum Reden. Das belastet dich natürlich, du musst mit der Angst fertig werden. Also hab ich begonnen, Tagebuch zu schreiben. Acht Jahre nach dem ersten Überfall hat mich dann die Russenmafia erwischt. Die sind eingestiegen und haben mich mit K.o.-Tropfen betäubt und ausgeraubt. Ich hab mich nicht untersuchen lassen, wollte gar nicht mehr wissen, das hätte ich einfach nicht durchgedrückt. Das Tagebuch war meine Rettung.

Apropos: Ihr Ziel war es, die Schulden zu reduzieren und das Fernweh auszuleben. Was ist daraus geworden?

Ich bin fast schuldenfrei, und ich bin stolz, das geschafft zu haben. Auch das Fernweh ist fast weg. Aber ich liebe diesen Job immer noch und vermisse ihn jeden Tag.

Ein Sattelschlepper schiebt sich langsam durch die schmale Straße vor dem Café, in dem das Interview stattfindet. Keine zwei Sekunden, und Regina Lidlgruber steht auf. „Servas, sprichst du Deutsch?“, fragt sie den Lkw-Fahrer. Ceske Budejovice ist auf der Seitentür zu lesen. Sie erklärt ihm, wie er aus der schmalen Straße wieder rauskommt.

Das ist auch ein Grund, warum ich das Buch geschrieben hab. Damit die Leute ein bisserl mehr Verständnis, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft zeigen, nicht jeder gleich hupt oder schimpft. Die Leute wissen gar nicht, was Chauffeure leisten, wie hart es oft ist. Im Sommer hat es in der „Hüttn“ (Führerhaus, Anm.) 40 bis 50 Grad. Die meisten Lkw haben keine Standklima, das Fenster darfst nicht mehr als drei Zentimeter offen lassen, weil es zu gefährlich ist. Wenn im Winter die Standheizung ausfällt, ist es eiskalt. Das Ganze für einen Stundenlohn von acht Euro brutto, Strafen musst selber zahlen, dann die Verantwortung.

Ihre hochgesteckten Ziele von einst sind quasi erfüllt, gibt es bereits neue?

Ich möchte einmal Urlaub in Kanada machen und vorher einen Englisch-Kurs. Ich hatte seit 30 Jahren keinen Urlaub. Ich wohn noch immer in einer 27-Quadratmeter-Wohnung. Ich würde gern einen Raum mehr haben und einen Balkon. Aber das schaff ich noch. Was auch schön wäre, wieder mal eine Beziehung. Als Fernfahrerin ist das sehr schwer.

 

Regina Lidlgruber: Die Frau im Truck. Autobiografie einer Fernfahrerin. Malandro Verlag, 300 Seiten: ISBN 978-3-902973-14-6

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23. Oktober 2019