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Wie Architekturstudenten aus Indien Linz erleben

Von Peter Pohn   24.Juli 2019

Wie Architekturstudenten aus Indien Linz erleben
Architekturstudenten des Rizvi College in Mumbai waren zu Forschungszwecken in Linz unterwegs.

Ein Picknick auf der Donaulände: Für Linzer ist das etwas Alltägliches. Nicht aber für jene 26 Architekturstudenten aus der indischen Millionenstadt Mumbai, die zu Forschern in der Landeshauptstadt wurden. Vor ihrem Stadtrundgang stärkten sie sich in der Nähe des Brucknerhauses. "In Mumbai ist es nur für wenige Stunden am Abend gegen Eintrittsgeld erlaubt, einen Park zu betreten", sagt Martina Spies.

Die Österreicherin unterrichtet Stadt- und Architekturdesign am Rizvi College of Architecture in Mumbai und leitet dort ein Forschungsprojekt, das die unterschiedlichen Entwicklungen indischer Städte und mitteleuropäischer Donaustädte untersucht. Neben Linz sind Krems, Bratislava und Budapest Forschungsziele.

Zu Beginn wurden die Studierenden durch Linzer Stadtviertel geführt. "Danach mussten sie Gebäude finden, diese nachzeichnen, fotografieren und beschreiben", sagt Ursula Stoff vom Gymnasium Traun, die bei der Organisation mitgeholfen hat. Delegationsleiterin Spies freut sich auf die Ergebnisse, die in rund sechs Monaten veröffentlicht werden: "Die Studenten sehen Linz durch den indischen Filter."

Ein wichtiger Punkt ist der Einfluss der Donau auf die Stadtentwicklung. Der Fluss ist für die indischen Studenten besonders attraktiv – nicht zuletzt, da Wasser in der hinduistischen Religion als heilig gilt. Zudem ist das kühle Nass in Indien teuer und nicht überall zugänglich. "Deshalb bleiben die Studenten vor jedem Brunnen, den sie in der Stadt sehen, begeistert stehen."

"Wie ein Freilichtmuseum"

Mumbai gelte als Stadt der Träume und Hoffnungen, sagt Spies. Die Stadt ziehe Menschen aus ganz Indien an. Ältere Häuser werden abgerissen, um Platz für Hochhäuser zu schaffen, sagt die indische Professorin Tania Shah. Denkmalschutz sei weitgehend unbekannt. Die historischen Linzer Bauten stehen bei den indischen Studenten hoch im Kurs, auch "wenn Europas Städte einem Freilichtmuseum gleichen", wie Student Burhan Patel sagt.

Indische Städte wachsen rasant, daher sei die Wohnproblematik kaum unter Kontrolle zu bringen, sagt Spies: "60 Prozent der Bevölkerung leben in Slums. Genossenschafts- oder Sozialwohnungen wie in Österreich gibt es in Bombay nicht." Im Vergleich zu Mumbai wirke das Leben hier langsamer, sagt Professor Rafatullah Siddiqui: "Daher genießen es unsere Studenten sehr, in Linz stressfrei gehen zu können." Auch die Möglichkeit, sich auf eine Bank zu setzen und einfach nur die Leute zu beobachten, sei in Mumbai weitgehend unbekannt.

Sanat Yogesh Shahir dokumentiert mit seiner Kamera die Lebensqualität in Linz. Ihm haben es die vielen Straßencafés angetan. "In Indien fahren die Leute nach der Arbeit gleich nach Hause", sagt der Student. Auch Spielplätze seien in Indien kaum vorhanden. "In Mumbai ist es leichter, einen Wolkenkratzer zu bauen, als Freizeitmöglichkeiten für Kinder zu schaffen", sagt Spies. "Ich kämpfe für eine Änderung. Gerade wurde der erste Spielplatz für ein Frauengefängnis in Mumbai gebaut."

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