Damals/Vor 100 Jahren

Menü
Facebook Twitter Google+ E-Mail
Damals Titelbild

Saccharinschmuggel galt vor dem Krieg als Weg zum schnellen Geld

Spätestens seit der Jahrhundertwende war in Österreich-Ungarn der Schmuggel des Zuckerersatzstoffes Saccharin ein öffentliches Problem wie heutzutage asiatische Produktfälschungen.

Von Josef Achleitner, 19. Mai 2014 - 00:04 Uhr
Damals/ Vor 100 Jahren
OÖNachrichten-Redakteur Josef Achleitner lässt in dieser Serie die Geschichte aus dem Blickwinkel der OÖNachrichten Revue passieren.

Josef Achleitner, Politikressort

Ja, der Soziologe Roland Girtler vergleicht die "Schwärzer" (wegen der geschwärzten Gesichter traditioneller Schmuggler) sogar mit Rauschgift-Netzwerken. Die Linzer "Tagespost" berichtete 1914 regelmäßig über einschlägige Polizeiaktionen und Prozesse.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts hatten praktisch alle europäischen Staaten Produktion und Handel des Süßstoffes verboten. Dahinter standen vor allem die Zuckerindustrie und die Rübenbauern, die seit den 1840er Jahren zu einer der Säulen der industriellen Entwicklung geworden waren. Durch die Produktion war Zucker nicht mehr nur den Edlen und Reichen vorbehalten, auch der Mittelstand konnte sich das Leben versüßen. Massenproduktion ließ die Preise kontinuierlich sinken.

Als dann der deutsche Chemiker Constantin Fahlberg gemeinsam mit einem US-Kollegen an der Johns Hopkins University durch einen Zufall (eigentlich eine schiefgegangene Reaktion) das Saccharin entdeckte, das Patent darauf bekam und eine Fabrik eröffnete, sahen die Zuckerbarone Feuer am Dach. Der Süßstoff war um zwei Drittel billiger als Zucker – eine Existenzgefahr für ihre Industrie.

 

Saccharin
Saccharin  
Bild: Wikipedia
Saccharin - eigentlich eine schiefgegangene chemische Reaktion (Bild: Wikipedia)

 

Mit dem, was man heute Lobbying nennt, gelang es den damals in den Parlamenten stark vertretenen Grundbesitzern und Fabrikanten, ein Verbot zu erwirken: 1898 in Österreich-Ungarn, 1902 im deutschen Kaiserreich. Argumentiert wurde wie heute mit der Gesundheit: Saccharin sei, da auf der Basis von Steinkohleteer synthetisiert, ein verfälschtes Lebensmittel, kurz "Teerzucker".

Nur die Schweiz negierte das Verbot und profitierte massiv davon. Chemiefabriken wie Ciba und Sandoz stiegen massiv in die Fabrikation ein. Über Händler, die wie heute Kokainbanden mit professionellen Schmugglern, aber auch mit Menschen in Geldnot arbeiteten, ging die Ware auf alten Pfaden, in Zügen, über falsch deklarierte Postlieferungen oder sogar in ausgehöhlten Heiligenfiguren ins Ausland. Im Tiroler Paznauntal gibt es noch heute eine Saccharinsiedlung – schöne Häuser und Hotels, die dem illegalen Handel ihre Entstehung verdanken. In Deutschland und Österreich gab es für Saccharin ein Vielfaches des Schweizer Preises.

1914 war eine internationale Konvention beschlussreif, der nach massivem Druck auch die Schweiz beitrat und die eine Art Interpol zur Einhaltung der Handels- und Produktionsregeln vorsah. Doch der Ausbruch des Weltkriegs verhinderte die Ratifizierung, und dann war man froh, Ersatz für Zucker zu haben.

 

Originalseiten der "Tagespost", Vorgängerzeitung der OÖNachrichten, sehen Sie hier:



PDF Datei (1.71 MBytes.)




PDF Datei (1.80 MBytes.)




PDF Datei (3.84 MBytes.)

»zurück zu Damals/Vor 100 Jahren«

Kommentare

Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden.
Was sagen Sie zum Thema? Jetzt kommentieren

Haben Sie bereits einen Benutzernamen? Dann melden Sie sich bitte hier an.
Um sich registrieren zu können müssen Sie uns mindestens einen Benutzernamen, ein Passwort, Ihre E-Mail-Adresse und Ihre Handynummer mitteilen.
Gewünschter Benutzername
Gewünschtes Passwort
Wiederholung Passwort
E-Mail
Anrede
  Frau    Herr 
Vorname
Nachname
OÖNcard / Kundennummer (optional)
Handynummer
/

Sicherheitsfrage
Wie viel ist 24 - 4?