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Die Bühne der Macht: Kurz zwischen Vorurteil und Selbstinszenierung

WIEN/LINZ. Die Politik sei zu 95 Prozent Show, meinte der Vorgänger von Sebastian Kurz. Dieser entwickelte in seinem ersten Kanzlerjahr eine eigene politische Ästhetik. Sie ist erfolgreich - und problematisch.

Die Bühne der Macht: Kurz zwischen Vorurteil und Selbstinszenierung

Das Bild ist König: Kurz mit Fans bei einer Bergtour Bild: APA

Volker Weihbold hat sie alle fotografiert, Präsidenten, Bundeskanzler, Minister, Landeshauptleute, Bürgermeister.

Wie bewertet der OÖN-Fotograf Sebastian Kurz? "Er ist eitler als sein Vorgänger Kern", sagt Weihbold. "Er macht wenig spontan, schaut immer, wo die Kamera ist, und stellt sich entsprechend hin." Kurz gehe in seiner Rolle auf, "ihm ist total bewusst, was er ist".

Der ÖVP-Kanzler sieht das anders. Er sagt, die mediale Begleitmusik sei ihm egal. "Tu das, was du für richtig hältst, und schau nicht, was in der Zeitung steht", zitierte er diese Woche bei einer Pressekonferenz den Rat eines ungenannten Freundes. Ein Politiker, der auf die mediale Berichterstattung und Meinungsumfragen schiele, sei auf dem falschen Weg.

Wort und Tun passen in diesem Fall aber nicht zueinander. "Sebastian Kurz weiß sich zu inszenieren. Die Koalition beschäftigt Heerscharen von Pressesprechern, Social-Media-Experten und PR-Beratern", staunte unlängst der Österreich-Korrespondent des "Handelsblatts", das in Düsseldorf erscheint. "Noch nie hat eine Regierung so sehr auf ihre Eigeninszenierung geachtet."

Düstere Assoziationen

Manche ausländische Medien haben allerdings ein eigenwilliges Bild von Kurz entwickelt. US-Magazine widmeten dem "Rockstar" aus Meidling in ihren internationalen Ausgaben Titelgeschichten, deren Bildsprache die finstersten Assoziationen weckte.

Die Leser von "Newsweek" oder "Time" konnten Kurz beinahe für eine Mischung aus Adolf Hitler und Marcel Hirscher halten.

Präsentiert wurde ihnen ein rechter Populist, machtbewusst, bedenkenlos bei der Partnerwahl, smart, sportlich, unheimlich erfolgreich – ein "Wunderkind", das sich an politischen und moralischen Abgründen herumtreibt.

"Österreich erhebt sich. Kurz knüpft mit seiner Vorstellung von der Zukunft an die dunkelsten Kapitel von Europas Vergangenheit an", hieß es in "Newsweek".

Nun ist die Darstellung, aus Österreich erwachse eine Bedrohung für Europa ("Austria rising"), ebenso unsinnig wie das Vorurteil, Kurz wolle "die parlamentarische Demokratie zerstören".

Der Kanzler nimmt die üble Nachrede cool ("Wir lassen uns vom Weg nicht abbringen"), räumt aber ein: " Ich verstehe, dass der Blick auf Österreich stark von unserer Geschichte geprägt ist."

Zutreffend sind freilich die Befunde, die dem ÖVP-Chef einen ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung attestieren. Der 32-Jährige steuert geschickt die öffentliche Wahrnehmung seiner Person und jene der Regierungspolitik.

Selfie-Staatsmeister

Seine Leute organisieren unermüdlich die Sichtbarkeit des Kanzlers. Ein Hausfotograf ist immer dabei, die sozialen Medien und der nimmersatte Boulevard werden schnellstmöglich bedient. Die Wurstblätter lieben Kurz, denn er hält sich an die Einsicht seines Vorgängers Kern: Die Politik sei zu 95 Prozent Inszenierung, sagte der Sozialdemokrat, als er noch in Amt und Würden war.

Kern scheiterte im Kanzleramt, weil er mit seinem Manager-Gerede und -Gehabe die Menschen nicht erreichte. Doch Kurz, der Selfie-Staatsmeister, schafft Sehnsuchtsbilder. Wie stark sie wirken, kann man bei jeder beliebigen ÖVP-Veranstaltung beobachten.

Viele Jahre lang waren schwarze Ereignisse trostlose Begebenheiten, reizlos, stimmungsarm, überlagert vom tristen Gefühl, der ewige Zweite zu sein. Seit einem Jahr ist es anders – als wäre der ÖVP endlich ihr Erlöser erschienen.

Kurz ist immer von Menschentrauben umringt, freundlich zu jedermann, stets für ein Foto zu haben. Aufgeregte Bürger bringen ihr Anliegen vor, ein Mitarbeiter notiert es in Stichworten, "wir kümmern uns darum".

Polierte Oberfläche

Die straffe Top-down-Organisation hat sich Kurz von Erwin Pröll abgeschaut. Die Volksnähe des Bühnenspiels erinnert an Haider.

Dass sich Politiker bestmöglich darstellen, ist normal; auch Angela Merkel, Emmanuel Macron oder Viktor Orban polieren die Oberfläche ihrer Politik. Problematisch wird es, wenn das Produkt nicht passt. Kurz ist bereits einiges gelungen, an Eigenlob wird daher nicht gespart. Aber in wichtigen Punkten hinkt er seiner Regierungserklärung hinterher.

Die große Staatsreform kam über Ankündigungen noch nicht hinaus, die Finanzierung der Pflege ist ungeklärt, die Reform der Pensionssysteme oder eine einheitliche Krankenversicherung nicht in Sicht. In der Außenpolitik wird vom "Brückenbauen" geredet, doch die türkis-blaue Bundesregierung erntet Misstrauen.

Die internationalen Bedenken gegen die rechtspopulistische FPÖ kann die beste Inszenierung nicht entkräften. Jens Spahn, Kandidat für den CDU-Vorsitz, sagt, was im Westen viele denken: "Österreich ist Mahnung, nicht Vorbild."

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Artikel 07. Dezember 2018 - 00:04 Uhr
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