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Brauchen wir staatliches Stupsen?

Der letztjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ging an Richard Thaler für seine Arbeiten über Behavioral Economics.

In dieser Subdisziplin der Ökonomie wird unter anderem versucht, beobachtetes Verhalten gegenüber menschlichen Schwächen (bei mir: gerne und öfter zu viel zu essen und zu wenig Sport zu betreiben) zu analysieren und Maßnahmen dagegen zu entwickeln

Die bestehen nicht nur darin, "du sollst oder du darfst nicht das oder jenes tun", was in vielen Fällen (so auch bei mir) nicht wirkt. Thaler erfand zur effektiveren Bekämpfung dieser Schwächen das "stubbing" oder auf Deutsch das Stupsen.

Thaler hat in seinen wissenschaftlichen Arbeiten gezeigt, wie wichtig freiwillig auferlegte Selbstbeschränkungen sind, um eigene kleine Schwächen, die jeder von uns hat, nachhaltig zu überwinden. Ein Konzert-Abonnement für ein Jahr ist ein freiwilliger starker Anreiz, regelmäßig ein Konzert zu besuchen und damit die eigene Faulheit oder Trägheit zu überwinden.

Wir kennen alle diese Situation und setzen uns selbst Regeln und Selbstbeschränkungen, um gegen unsere Schwächen anzukämpfen. Wie erfolgreich das ist, muss jeder selbst bewerten. Mir hat eine Uhr, die meine Schrittanzahl misst, sehr geholfen, mein selbst gesetztes Ziel von 10.000 Schritten fast jeden Tag zu erreichen.

Meine Uhr hat mich daran erinnert, bzw. mein Gewissen wurde mobilisiert, wenn ich am Spätnachmittag "erst" 7000 oder 8000 Schritte hatte und ich dann noch aktiv wurde.

Thaler geht noch einen Schritt weiter und fordert auch ein staatlich verordnetes Stupsen. Brauchen wir das? In vielen Bereichen ist der Ratschlag oder Zwang des großen Bruders Staat sehr sinnvoll, wie zum Beispiel bei der Schulpflicht oder der Krankenversicherung. In vielen anderen Lebensbereichen müssen wir vom Staat angestupst werden, sonst machen wir es nicht.

Allerdings prallen diese staatlichen Beschränkungen oder Vorschriften auf den individuellen Freiheitsraum, und es kommt zu Konflikten. Ein Beispiel: Jeder Erwachsene kann ganz legal so viel Alkohol trinken, wie er will. Aber andere Drogen sind staatlich verboten und werden bei Konsumtion bestraft. Warum ist Alkohol staatlich erlaubt, aber andere Drogen sind es nicht? Entweder ich gebe von staatlicher Sicht die meisten Drogen frei oder ich verbiete alle. Die individuelle Freiheit und Wahlmöglichkeit sollte nur da vom Staat eingeschränkt werden, wo Schaden von der Gesellschaft abgewendet wird, fordert Thaler zu Recht. Dem kann ich mich nur anschließen. In vielen Bereichen sollten wir bei uns Freiheit und Selbstverantwortung stärken und fördern und könnten dann auf so manches staatliche Stupsen verzichten.

 

Friedrich Schneider ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der JKU

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Artikel Friedrich Schneider 10. Oktober 2018 - 00:04 Uhr
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