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Leitartikel

Ein "Masterplan Provinz"

Von Gerald Mandlbauer 20. April 2019 00:04 Uhr

Stadt und Land müssen ihre Rollen neu definieren, wenn wir nicht wollen, dass die Provinz verödet.

In einigen Wochen wird Oberösterreichs Landespolitik die jüngste Prognose zur Bevölkerungsentwicklung auf den Tisch bekommen, heruntergebrochen auf Gemeindeebene. Die Statistik wird den bekannten Trend zeigen, der sich verstetigt und damit zunehmend an Bedrohlichkeit gewinnt: Das Land rinnt in die Städte aus. Auf einer Landkarte, die Landesstatistiker Lenzlbauer auf Basis der bisher verfügbaren Daten erstellen ließ, sind ganze Landstriche tiefrot markiert. Das obere und untere Mühlviertel, Teile des Bezirkes Schärding und das innere Ennstal weisen Gemeinden aus, die bis 2040 nochmals bis zu einem Sechstel der Bevölkerung verlieren werden. Dazu sind es die Jüngeren, Flexibleren, besser Ausgebildeten, die ihren Heimatorten den Rücken kehren.

Wenn man den Worten des deutschen Ökonomen Reint Gropp folgt, ist dieses flache Land eh nicht zu retten. Er hat, umgelegt auf den Osten Deutschlands, einen Vorschlag unterbreitet, der heftige Empörung zur Folge hatte. Gropp schlägt vor, ländliche Räume aufzugeben, weil dort das Fördergeld verloren sei. Stattdessen will er die Städte unterstützen.

Das funktioniert in Oberösterreich allein deswegen schon nicht, weil der Stadtbegriff bei uns nicht klar definiert ist. Ist Schärding (mit 5000 Bewohnern) nun eher Stadt, oder doch, gemessen am Umfeld, Land? Oder Kirchdorf?

Jedenfalls wäre es hochgefährlich, die oberösterreichische Peripherie sich selbst zu überlassen, zählt doch die zunehmende Kluft zwischen urbaner und ländlicher Bevölkerung als einer der soziologischen Konfliktherde. Trump hat in den USA eine Wahl gewonnen, weil die USA das Land sich selbst und damit dem Niedergang überlassen haben.

Wenn Ballungsräume kollabieren, die Wohnungspreise ins Unendliche steigen, der Verkehrsfluss erstickt, so ist dies Ausdruck dieser Wanderung. Zurück auf dem Land bleiben ältere, tendenziell weniger mobile und flexible Bewohner sowie Leute, die aus der Stadt hinausziehen, weil sie die Romantik des Ländlichen suchen. Auch dies kann auf Ortsebene eine brisante Mischung ergeben.

Der Linzer Architekt und Raumplaner Roland Gnaiger hält diese Frage der Sicherung des ländlichen Raumes für die Existenzfrage schlechthin, weil auf dem Land die Bevölkerung noch weniger arbeitsteilig eingestellt ist, während in den Städten die Arbeitsteilung auf die Spitze getrieben wird.

Wollen wir abhängige Bürger? Dann auf in die Städte.

Wollen wir Selbstbestimmung, Teilhabe, Nachbarschaftshilfe, Kleinteiligkeit, dann muss sich das Land mit Hilfe der Politik neu erfinden. Dabei dürfen das Land und seine Zentren (in unserem Fall die Bezirksstädte) nicht klassisch urbanisiert werden (also die Fehler der Großstadt begehen).

Es macht depressiv, Orte zu erleben, aus denen das Leben gewichen ist. Zugleich gibt es Orte, die sich frisches Leben eingehaucht haben. Das geschieht in der Regel nicht von oben herab beeinflusst (so wichtig Breitband- und Ansiedlungsoffensiven sind), sondern von unten nach oben. Ein Beispiel, oftmals in Österreich bei Tagungen zitiert, ist die Vorarlberger Gemeinde Krumbach. 1000 Einwohner, fünf Gasthäuser, gebaut wird nur noch auf Freiflächen im Zentrum. Die Landwirtschaft versteht sich als Kreislaufwirtschaft, versorgt die Bürger direkt und hat den Zwischenhandel ausgeschaltet. Der Bürgermeister hat die Gemeinderatsausschüsse abgeschafft. Stattdessen gibt es Beiräte, in denen alle Bürger aktiv werden können. Auch der Gemeinderat wird aus dem Volk gewählt, ganz ohne Parteien. Die heutige Einfamilienhaus-Struktur kommt mit dem Ende der Großfamilie unter Druck. Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Partner gestorben ist, sitzt die Witwe allein im Haus mit Garten und ist überfordert. Krumbach hat einen kleinteiligen Generationenwohnbau geschaffen, die Bürger wurden über Wohnbauselbsthilfe beteiligt und danken es mit hoher Akzeptanz.

All diese Überlegungen wird es brauchen und dazu im Rahmen eines "Masterplans Provinz" Überlegungen, wie das Land seine Dienststellen nach draußen übersiedeln kann. Niederösterreich zeigt es vor, 500 Posten werden wandern. Auch um eine solche Neuverteilung von Perspektiven und Rollen wird Oberösterreich nicht herumkommen, wenn wir dabei schon nicht Schrittmacher sind.

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