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Wirtschaft verstehen

Brexit: Cool bleiben!

Von Teodoro Cocca   03. April 2019 00:04 Uhr

Mehr Chaos und Unsicherheit über das weitere Vorgehen in Sachen Brexit kann man sich kaum vorstellen. Äußerst erstaunlich ist aber die Ruhe an den Finanzmärkten.

Die Kurse britischer Aktien sowie Zinsen britischer Staatsanleihen haben sich seit der Brexit-Abstimmung am 23. Juni 2016 nicht wesentlich anders entwickelt als anderswo.

Einzig das britische Pfund erlitt nach der Wahlentscheidung einen heftigen Kurssturz. In der Zwischenzeit bewegt sich aber auch die britische Währung kaum mehr, unabhängig davon, was die Politik in London gerade entscheidet. Für einmal ist die Marktreaktion – zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt – besonnener als das hysterische politische Spektakel.

Natürlich kann auch der Markt nicht vorhersagen, ob, wie und wann der Brexit stattfinden wird. Normalerweise würde es aber reichen, dass sich die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines sehr negativen Ereignisses in den Marktpreisen widerspiegelt.

Obwohl also der mögliche harte Brexit weiterhin am 12. April passieren könnte, lässt dieses Szenario die Märkte mehr oder weniger kalt. Wie lässt sich diese erstaunliche Coolness erklären? Es sind einerseits die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Teilen des Finanzmarktes zu beachten. Ein schwaches Pfund ist für britische Firmen, welche im Ausland Erträge generieren, von Vorteil, denn die im Ausland verdienten Dollar oder Euro erhöhen den in Pfund berechneten Gewinn.

Zudem werden britische Produkte durch das schwache Pfund im Ausland attraktiver. Die Aktienkurse dieser Unternehmen fallen deshalb nicht. Andererseits zeigt das schwache Pfund, dass weniger Direktinvestitionen nach Großbritannien fließen und damit zukünftiges Wachstum und Immobilienpreise fallen.

Die Schätzungen gehen davon aus, dass ein harter Brexit vier bis acht Prozent der Wirtschaftsleistung Großbritanniens auf lange Sicht kosten würde. Das klingt im ersten Moment nach viel, gestreckt auf zum Beispiel zehn Jahre wäre das aber "nur" 0,4 bis 0,8 Prozent weniger Wachstum pro Jahr. Zurzeit liegt die Wachstumsrate bei unterdurchschnittlichen 1,5 Prozent.

Gut ist all dies sicherlich nicht, aber dramatisch klingt anders. So zeigen die unverändert geringen Risikoaufschläge britischer Staatsanleihen, dass der Brexit nicht als existenzielles Ereignis wie etwa damals der Grexit (Austritt Griechenlands aus dem Euro) zu betrachten ist. An der zukünftigen Zahlungsfähigkeit des britischen Staates wird nicht gezweifelt.

Diese relative Gelassenheit der Märkte stellt einen beachtenswerten Kontrapunkt zur allgegenwärtigen Brexit-Hysterie dar. Zumindest die Märkte scheinen die gewohnte britische Coolness zu wahren.

Teodoro D. Cocca ist Professor für Asset Management an der JKU

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