Lade Inhalte...

Kotankos Corner

Österreichs First Lady: Eine wichtige Nebenrolle, für die es kein Skript gibt

Von Christoph Kotanko   08. März 2019

Österreichs First Lady: Eine wichtige Nebenrolle, für die es kein Skript gibt
Staatsbesuch in Israel: Van der Bellen, Schmidauer pflanzen einen Olivenbaum.

WIEN. Protokoll und Neigung. Die Verfassung ordnet der Ehefrau des Bundespräsidenten keinerlei Aufgaben zu, doch die Öffentlichkeit hat bestimmte Erwartungen an sie. Das macht den Job schwierig.

Luise Stoisits war ein Stubenmädchen aus Güssing, Karl Renner ein Jus-Student. Jahrelang lebten die zwei zusammen, bis er in der Parlamentsbibliothek einen Job fand – und die Vorgesetzten ihn zwangen, das "sittenwidrige Konkubinat" zu beenden.

Nach der Heirat machte der Sozialdemokrat Karriere, Luise war seine diskrete Stütze. Er nannte sie nicht nur im Scherz "Kanzlerin". Ab 1946 amtierte er als Bundespräsident, seine Ehefrau gründete die Volkshilfe. Nach seinem Tod 1950 erhielt sie eine Parterrewohnung im Schloss Schönbrunn, wo sie 1963 im 92. Lebensjahr starb.

Karl Renner war der erste von bisher neun Bundespräsidenten der Zweiten Republik. Während dessen Aufgaben genau festgeschrieben sind, kommt die Ehefrau im Gesetz nicht vor. Das bedeutet nicht, dass an sie keine Erwartungen gestellt würden.

"Mir war immer klar, dass ich in dieser Position ein ,Role model’ bin", sagt Margit Fischer, "First Lady" 2004–2016. "Ich wollte immer zeigen, dass ich die bleibe, die ich bin. Dass ich nicht Prinzessin oder Königin bin, sondern genauso wie andere im Leben stehe" (Fischer im Ö3-"Frühstück bei mir").

Im Lauf der Jahrzehnte hat sich die Nebenrolle, für die es kein Skript gibt, stark verändert.

Homosexueller in der Hofburg?

Nach Luise und Karl Renner kam der erste vom Volk gewählte Bundespräsident – Theodor Körner, ein roter Generalstabsoffizier, der alle Konventionen verabscheute (als Bundespräsident sprang er oft aus dem noch fahrenden Zug, um den roten Teppich auf dem Bahnsteig zu vermeiden). Körner blieb Junggeselle, was zu Gerüchten führte, er sei homosexuell. Nach seinem Tod tauchten Liebesbriefe an eine Frau auf, die er in der Hofburg geschrieben hatte.

Adolf Schärf war mit der Postlerin Hilda verheiratet. Sie war in der Sozialdemokratie aktiv und die erste Vorsitzende der Wiener Volkshilfe. 1956 starb sie – ein Jahr, bevor er Präsident wurde. Die Protokollbeamten fragten Schärfs Tochter Martha Kyrle, ob sie die First Lady spielen wolle. "Das war keine leichte Entscheidung", sagte sie später. Sie musste ihren Beruf als Ärztin aufgeben.

Ein Höhepunkt ihrer Tätigkeit war der Gipfel von Kennedy und Chruschtschow 1961 in Wien, bei dem die Damen mehr beachtet wurden als die Männer. Kyrle in ihren Erinnerungen: "Das lag daran, dass die Männer hinter verschlossenen Türen verhandelten und kaum etwas nach außen drang."

Margarete Jonas (der gelernte Schriftsetzer Franz Jonas war 1965 bis 1974 Bundespräsident) führte ein zurückgezogenes Leben. Ebenso hielt es Herma Kirchschläger, eine Waldviertler Wirtstochter, die 1940 den Juristen Rudolf Kirchschläger heiratete.

Sie wirkte, während er Karriere machte, im Verborgenen: Im Prager Frühling sorgte sie für die Versorgung von Flüchtlingen in der Botschaft in Prag. Sie besorgte zwei große Kühltruhen für Essensvorräte und füllte Trinkwasser ab.

Elisabeth Waldheim, die aus einer deutschnationalen Offiziersfamilie stammte, war nach außen hin "nur" die perfekte Hausfrau. Sie organisierte auch Weihnachtsbasare der Caritas und war Präsidentin des Philharmonikerballs.

Doch der Eindruck der Unterordnung unter Kurt Waldheim täuschte: Sie besaß laut Zeitzeugen deutlich mehr Willenskraft und Festigkeit als ihr Ehemann.

Zur Amtszeit von Thomas Klestil war die First-Lady-Rolle eine Maskerade: zuerst die Farce einer scheinbar perfekten Ehe mit Edith Klestil, dann Scheidung und Heirat mit seiner Wahlkampfleiterin Margot Löffler. Heute arbeitet die Witwe als Russland-Beauftragte von Kanzler Sebastian Kurz.

"Man darf sich nicht verbiegen"

Margit Fischer war eine First Lady auf der Höhe der Zeit, klug, geschichtsbewusst (fast die ganze Familie wurde im Holocaust ermordet), distanziert-herzlich, selbstironisch ("Mir liegt es einfach nicht, aufgedonnert zu gehen"). Ihrer Nachfolgerin im Amt riet die Ehefrau von Heinz Fischer, sie möge "die Person bleiben, die man ist, und sich nicht verbiegen".

Seit Ende 2016 ist die Oberösterreicherin Doris Schmidauer die First Lady. Sie kennt die Ansprüche der Öffentlichkeit und erfüllt sie mit zunehmender Freude.

Bis vor einem Jahr war sie im Grünen Klub tätig und nur bei wenigen ausgewählten Terminen dabei. Jetzt unterstützt sie ihren Ehemann Alexander Van der Bellen, setzt aber auch eigene thematische Schwerpunkte.

Bei Auslandsreisen legt sie Wert auf ein "Damenprogramm", das über die protokollarischen Pflichtübungen hinausgeht. Im Libanon besuchte sie Flüchtlingslager, in Palästina Krankenhäuser. Im Inland treibt sie Spendenaktionen voran, etwa für Frauen in Not.

Die Präsidentschaft sieht das Ehepaar als ein gemeinsames Projekt, das vom Klimaschutz bis zum Opernball reicht: ein Amtsverständnis, wie es für Luise und Karl Renner noch undenkbar war.

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Kotankos Corner

19  Kommentare expand_more 19  Kommentare expand_less