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Kotankos Corner

Herzblätter: Steuergeld-Millionen für den Boulevard

Von Christoph Kotanko   23. September 2014

Herzblätter der öffentlichen Hand
Gratis, aber nicht umsonst: Speziell die hochverschuldete Stadt Wien steckt Millionen in Wegwerfzeitungen

Österreich heute. Statt die Qualität zu fördern, stopft die Politik viel Steuergeld in Boulevardmedien. Die Inserate machen dort den Ton.

Sechs junge Journalisten sind Eva Dichands Nervensägen. Sie betreiben die Rechercheplattform Dossier.at und veröffentlichten jüngst Inseratenzahlen sowie SP-Verbindungen zu Dichands Gratisgazette "Heute".

Als das Dossier-Team in der Vorwoche den Medien-Zukunftspreis bekam, grollte Dichand: "Eine Schande für die Medienlandschaft." Ihr Anwalt drohte mit Klagen gegen die Darstellung, zwischen Dichand und der SPÖ "gebe es Geldflüsse bzw. es würden Inhalte von ‘Heute’ von der SPÖ beeinflusst oder gar mitgestaltet".

Dossier-Sprecher Florian Skrabal bleibt gelassen: "Alles, was wir berichten, ist mit Dokumenten belegt. Wir können jederzeit den Wahrheitsbeweis antreten."

Klage wurde bisher keine eingebracht, möglicherweise mit gutem Grund: Im Verfahren können unliebsame Fakten hervorkommen.

Dass "Heute" von der öffentlichen Hand mit Inseraten reichlich bedacht wird, ist nachweisbar.

Im 2. Quartal 2014 gaben öffentliche Stellen laut Statistik nach dem Medientransparenzgesetz in Summe 52,9 Millionen Euro für Werbeaufträge aus.

Am aktivsten war die Stadt Wien – trotz ihres riesigen Schuldenbergs von 4,6 Milliarden Euro.

Zwischen April und Juni 2014 flossen aus dem Wiener Rathaus 7,3 Millionen Euro; rechnet man die Beteiligungen der Stadt hinzu, waren es sogar elf Millionen.

Den größten Anteil bekam "Heute" (1,62 Millionen), gefolgt von der "Krone" (1,36 Millionen) und dem Druckwerk namens "Österreich" (1,34 Millionen).

Dass sich die SP-dominierte Stadtregierung damit eine zarte Berichterstattung kaufen möchte, ist der oft gehörte Vorwurf.

Alimentierte Berichterstattung

Der Zusammenhang zwischen Inseratenvolumen und positiver Polit-Berichterstattung wurde schon in einer Studie der Uni Innsbruck 2012 nachgewiesen: In "Heute" und "Österreich" inserierten SP und FP im Wahlkampf 2008 am meisten, und über ihre Spitzenkandidaten wurde überdurchschnittlich gut berichtet (Studie "Erfolgreich wahlkämpfen" von Günther Lengauer, Lore Hayek).

Auch der Medienwissenschaftler Matthias Karmasin sagt: "In bestimmten Medien kann man den Verdacht haben, dass eine bestimmte Form der Berichterstattung alimentiert wird."

Österreichweit ist die "Krone" (mit "Kronehit") an erster Stelle der Werbemedien. Sie erhielt 5,72 Millionen von der öffentlichen Hand. Es folgt der ORF (4,75 Millionen), "Heute" (3,7), "Österreich" (3,69 Millionen) sowie der "Kurier" inklusive Online (2,36 Millionen).

Die "Kleine Zeitung" erhielt Aufträge im Wert von 1,79 Millionen, in den Ausgaben der OÖNachrichten wurde für 1,098 Millionen geworben. Auf den "Standard" entfielen 1,5 Millionen, auf die "Presse" 1,4 Millionen.

Karmasin hat nichts gegen Inserate der öffentlichen Hand, "aber ich bin gegen eine Vergabe, die einer öffentlichen Debatte und Prüfung nicht zugänglich ist". Die Steuerzahler hätten das Recht auf ordentliche Kriterien. "Zum Beispiel könnte man nur in Medien inserieren, die den Ehrenkodex der Presse anerkennen." Das wäre ein wichtiger "Lenkungseffekt".

Eines dürfe nicht bleiben, sagt Karmasin: "Der aktuelle Eindruck, dass die Medienpolitik vor allem Inseratenpolitik ist."

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