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Haiden am Donnerstag

Wie wir das Leben lieben lernen

Von Christine Haiden   27. Dezember 2012 00:04 Uhr

„Das Leben ist so, wie wir darauf reagieren.“

Der glücklichste Mensch, den ich je kennen gelernt habe, ist eine Holocaust-Überlebende. Das klingt paradox. Aber Alice Herz Sommer sagt von sich selbst: „Ich glaube, dass kaum jemand ein schöneres Leben hatte als ich. Mit dem Temperament immer das Positive zu sehen. Wenn es nicht so ist, wird es so sein.“

Mit ihren mittlerweile 109 Jahren hat sie Jopie Heesters getoppt. Doch darauf bildet sie sich nichts ein. Sie interessiert vielmehr, wie eine Digitalkamera funktioniert oder ein iPhone. Und sie spielt mit den acht Fingern, die noch halbwegs tun, was sie will, täglich Klavier. Am liebsten Beethoven. Alice Herz Sommer wurde mit ihrem fünfjährigen Sohn in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Sie schaffte es, das Kind inmitten des Grauens so abzulenken und zu fördern, dass dieses später erzählte, nur gute Erinnerungen an diese Zeit zu haben.

Von der Begegnung mit Alice Herz Sommer hat sich ein Satz von ihr in mir festgesetzt: „Das Leben ist so, wie wir darauf reagieren.“ Wir könnten es vom dunkelsten oder vom hellsten Punkt aus betrachten. Die Abgründe der Menschen und die eigene Verletzlichkeit hat sie nüchtern gesehen und damit umgehen gelernt. Um die Depressionen nach der Deportation ihrer Mutter zu überwinden, übte sie die schwersten Etüden von Chopin. Nach dem frühen Tod ihres Sohnes ging sie stundenlang alleine spazieren, um ihre Trauer zu bewältigen. Sie unterrichtete bis weit in ihre 80er hinein und wollte als Pianistin nicht imponieren, sondern dem Komponisten gerecht werden. Bis heute ist sie, obwohl fast blind und taub, aufgeschlossen gegenüber allen, die zu ihr kommen. Warum? „Das Leben ist herrlich, phänomenal! Alles ist ein Wunder! Wir selbst sind ein Wunder!“

Am Ende eines Jahres, in dem so oft von Burnout die Rede war, fiel mir die kleine, alte Dame wieder ein. Warum ist sie, trotz schwerem Schicksal, dagegen gefeit? Sie hatte nicht von Selbstoptimierung geredet und war nicht ehrgeizig, aber voll Begeisterung, beispielsweise für ihre arabischen Schüler, die sie in Israel hatte. Sie verschwendete keinen Gedanken an gesunde Ernährung, sondern aß jahrelang vor allem Hühnersuppe, weil das schnell ging und sie nicht vom Klavierspiel abhielt. Sie hat etwas, das ihre Seele und ihren Alltag erfüllt: die Musik und ihren Sohn. Vielleicht ermöglicht ihr das, in sich zu ruhen? Alice Herz Sommer lässt sich, so scheint mir, auf andere neugierig ein, will ihnen das Beste und erreicht durch ihre immense Fähigkeit zu staunen, dass man sich gerne in ihrer Nähe aufhält. Die Krisen ihres Lebens bewältigt sie mit großer Disziplin. Diese sei, sagte sie, essentiell, besonders auch den eigenen Stimmungen gegenüber. „Das Leben ist so, wie wir darauf reagieren.“ Der Satz gilt für mich, auch 2013.

Dr. Christine Haiden ist Chefredakteurin der Zeitschrift Welt der Frau. christine.haiden@welt-der-frau.at

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