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Haiden am Donnerstag

Kein Zug zum Flug

Von Christine Haiden   25. April 2019 00:04 Uhr

Vielleicht war die junge Frau am Schalter nach einem langen Dienst nur etwas genervt?

Ich hatte sie gerade gefragt, wie das mit den Zugverbindungen von Linz nach London sei, und sie begann spontan zu lachen: "Mit dem Zug wollen Sie fahren? Das wird teuer. Da sollten Sie lieber fliegen, das ist doch viel billiger!" Ich war einigermaßen perplex und ersuchte fast entschuldigend, mir trotzdem die Verbindungen herauszusuchen.

Bis Brüssel war das möglich, den "Eurostar" nach London könne sie allerdings nicht buchen. Ich könne mir ihn ja im Internet anschauen, aber der koste einiges. Ich hörte noch etwas von zweihundert bis fünfhundert Euro, nahm meine Ausdrucke und verzog mich an meinen Computer daheim. Mein Ehrgeiz war angestachelt. Klar, Fliegen ist billig. Eine Kollegin war schon um 36 Euro von Linz nach London geflogen, eine andere legte – mit schlechtem Umweltgewissen – auch nicht mehr als 100 aus. Ja, und wenn die Bahnmitarbeiterin selbst schon der Meinung ist, ihr Verkehrsmittel sei unattraktiv, wie sollten dann potenzielle Kunden daran glauben? Doch meine Nichten, die mit uns im Sommer auf London-Reise gehen werden, hatten von Greta Thunberg gesprochen, und dass es doch in Zeiten des Klimawandels besser sei, mit dem Zug zu fahren. Nach ungefähr zwei Stunden Recherche und Buchungen hatte ich die Rechnung schwarz auf weiß.

Mit einem Sparticket der ÖBB kommen wir, zwei Erwachsene, eine Jugendliche und ein Kind, um 256 Euro bis Brüssel hin und retour, für weitere 548 Euro mit dem Eurostar mitten in das Herz Londons. Gesamt also 804 Euro. Beim Flug wählte ich den nächstgelegenen Flughafen Salzburg und das billigste Angebot zu unserem Reisezeitpunkt. Mit einem Stück Handgepäck je Person schlägt diese Reiseform mit 705 Euro zu Buche. Dazu kommen die jeweils günstigsten Zug- und Bustickets bis zum Flughafen Salzburg und von den jeweiligen Londoner Flughäfen in die Stadt, grob gerechnet mit 80 Euro für vier Personen. Rechnet man die CO2-Kompensation von rund 10 Euro dazu, halten wir bei 785 Euro für das Flugarrangement. Der Unterschied zwischen Zug und Flug schmilzt auf rund zwanzig Euro.

Die Zeitersparnis beim Flug ist überschaubar, weil einer der Flüge mit Zwischenstopp angeboten wird. In zwölf Stunden ist man auch mit dem Zug von Linz in London, sieht dabei die Landschaften Europas an einem vorbeiziehen und hat obendrein Raum und Zeit zum Lesen, Plaudern und Spielen. Einmal davon ausgehend, dass die Züge pünktlich fahren und sich kein anderer Stress breitmacht, sollten es entspannte Reisetage werden. Und unsere Bahnmitarbeiter? Brauchen dringend mehr Selbstwertgefühl. Oder neue Taschenrechner.

 

Christine Haiden ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Welt der Frauen". christine.haiden@welt-der-frauen.at

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