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Die Sicht der Anderen

Matura: Die Prüfungsformate sind das Problem

Von Christian Schacherreiter   29. Mai 2018 00:04 Uhr

Matura: Die Prüfungsformate sind das Problem

Ein Gastkommentar von Christian Schacherreiter, Lehrbeauftragter für Literaturwissenschaft an der PH der Diözese Linz und Kulturkritiker.

Die Ergebnisse der Mathematik-Matura fügen sich diesmal nicht der vorberechneten Wunschnorm, und schon explodiert der öffentliche Diskurs. Allzu spontane Reaktionen mehr oder weniger Berufener und ein überzogenes Alarmklima stehen einer sachlichen Klärung und konstruktiven Problemlösung eher im Weg, als diese zu ermöglichen.

Da ich einige Jahre lang selbst in diversen Gremien zum Thema Reifeprüfung als kritisches Korrektiv tätig war (mit geringem Erfolg!), wage ich folgende These: Die kompetenten und alles in allem sehr bemühten Fachleute, die für die Erstellung der Maturaaufgaben zuständig sind, trifft der geringste Teil der Schuld.

Das Hauptproblem sind die vorgegebenen Prüfungsformate, die weder der Eigengesetzlichkeit der Fachbereiche (Mathematik, Philologie etc.) noch der fachdidaktischen und pädagogischen Klugheit folgen, sondern den Vorgaben der Psychometrie. Ihr bestimmendes Prinzip ist die Gesamtvermessung der globalen Bildungswelt. Man nennt das dann "faktenbasierte Bildungsforschung" und dünkt sich nach Vorliegen der Messergebnisse im Besitz der objektiven Wahrheit. Rührend!

Tatsächlich muss man, um solche Zahlen zu bekommen, sowohl die Unterrichtsinhalte als auch die pädagogischen Prozesse erst einmal messbar machen, also verbiegen und zurechtstutzen. In Mathematik zeigt sich dies zum Beispiel daran, dass es zwischen "richtig" und "falsch" keine Nuancen mehr gibt. Das erleichtert natürlich die angeblich "objektive" Messung.

Ob diese Vorgangsweise zu einer gerechten Beurteilung der Schülerkompetenzen führt, ziehe ich stark in Zweifel. Im Fach Deutsch müssen die Aufgabenstellungen zur Matura einem starren Schematismus folgen, der die eigenständige sprachliche Entfaltung dermaßen einbremst, dass mittlerweile fast nur mehr fade, standardisierte Texte zu Allerweltthemen geschrieben werden. Gerade schreibbegabte Maturantinnen und Maturanten können ihr kreatives Potenzial in diesem Käfig aus Regeln und Richtlinien nicht entfalten. Man muss nicht die zentralisierte Reifeprüfung grundsätzlich in Frage stellen. Aber man soll die Prüfungsformate, in denen sie realisiert wird, gründlich revidieren. Ich würde mutig die Reset-Taste drücken, die Psychometrie und ihren Vermessungsunfug ganz weit weg schicken und dann noch einmal von vorne beginnen – diesmal mit fachdidaktischem Augenmaß.

Ein Kinderspiel ist das nicht, da man ja mittlerweile auch die Schulbücher in einem schulpolitischen Gewaltakt in das enge Korsett der neuen Anti-Didaktik gepresst hat. Diesmal wäre es aber – im Gegensatz zur letzten Maturareform – eine Anstrengung, die sich lohnt. Im Interesse der Schülerinnen und Schüler, und im Interesse einer Bildung, die diesen Namen verdient.

 

Christian Schacherreiter ist Lehrbeauftragter für Literaturwissenschaft an der PH der Diözese Linz und Kulturkritiker.

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