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Alltagsdinge

Stegreifpolitiker und Steigbügelhalter

Von Roman Sandgruber 19. Oktober 2019 00:04 Uhr

Stegreifpolitiker und Steigbügelhalter

Ob und wie der Kaiser dem Papst die Steigbügel zu halten habe, wurde zu einem viel erörterten Anlass von Rangstreitigkeiten.

Der Steigbügel oder Stegreif gilt als eine der wichtigsten reit- und militärtechnischen Innovationen des Frühmittelalters. Dieses neue, an sich recht billige und einfache Gerät erleichterte nicht nur das Auf- und Absitzen am Pferde, sondern verlieh dem Reiter auch einen besseren Halt. Dieser konnte damit längere und schwerere Waffen wie Stoßlanze, Schwert und Plattenpanzerung viel effektiver und mit größerer Wucht nutzen.

Die Römer kannten noch keine Steigbügel. Erst in den Gräbern der Völkerwanderungszeit sind sie mit Sicherheit nachweisbar, allerdings sogleich in so vollendeter Form, dass eine schon längere Vorgeschichte anderswo vorauszusetzen ist. Erfunden wurden die Steigbügel wohl in den ersten Jahrhunderten n. Chr. in Ostasien. Durch die asiatischen Reitervölker, die Hunnen, Awaren und Ungarn, wurden sie nach Europa gebracht. Sie haben nicht nur die europäische Kriegsführung und Reitkultur revolutioniert, sondern sind auch als Rechts- und Sozialsymbole bedeutsam geworden.

Ob und wie der Kaiser dem Papst bei einem Zusammentreffen die Steigbügel zu halten habe, wurde zu einem viel erörterten Anlass von Rangstreitigkeiten zwischen Papst und Kaiser und zwischen Kirche und Staat. Der Steigbügeldienst wurde einerseits als Geste der Ehrenbezeugung gegenüber einer gleichrangigen Person verstanden, andererseits im lehensrechtlichen Sinn als Zeichen der Untertänigkeit und Unterwerfung interpretiert.

Das deutsche Wort "Steigbügel" ist erst ab dem 17. Jahrhundert belegt. Es ist an die Stelle des älteren Ausdrucks "Stegreif" getreten, das aus dem Begriff "steg" oder "steigen" und dem "reif", dem alten Wort für Seil beziehungsweise "rope" oder "reep" zusammengesetzt ist, an dem die Steighilfe hängt. Unter einem "Ritter vom Stegreif" war einst ein Berittener gemeint, der sich "aus dem Sattel" ernährte, und das war häufig ein Straßenräuber und Wegelagerer. Und wer aus dem Stegreif etwas vortragen oder entscheiden kann, tut dies ohne große Vorbereitungen, quasi im Sattel sitzend, ohne abzusteigen und ohne viel zu überlegen.

Zwar ist das Reiten auf Pferden längst keine Angelegenheit der Kriegsführung mehr und längst auch nicht mehr so elitär wie früher. Aber Steigbügel und Stegreif haben ihre symbolische Bedeutung beibehalten. Eine Stegreifunterhaltung wie jüngst auf Ibiza kann zwar recht überraschend ausfallen, beweist aber, dass weder Stegreifexperten noch deren Steigbügelhalter im wirtschaftlichen und politischen Geschäft etwas verloren haben. Und wieder einmal gilt: Wer nicht reiten kann, fällt vom Pferd. Und jene, die sich als Steigbügelhalter betätigt haben, haben nicht nur die Verantwortung der Mithilfe, sondern kommen meist ebenfalls zu Schaden.

 

Roman Sandgruber ist emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. 

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