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Von der Meisterschaft des allerletzten Satzes, der alles verändert

Von Helmut Atteneder   23.Mai 2019

Von der Meisterschaft des allerletzten Satzes, der alles verändert

Fukase Kazuhisa führt ein belangloses Leben zwischen Arbeitsfrust und freizeitlicher Langeweile. Mit dem Selbstvertrauen des Mittzwanzigers ist es auch nicht weit her, deshalb: Frauen? Fehlanzeige. Seine einzige Leidenschaft gilt der Kunst der hochwertigen Kaffeezubereitung samt anschließendem Genuss. Dann verliebt er sich in Mihoko, die diese Liebe langsam, aber sicher zu teilen scheint.

58 Seiten lang treibt der Roman der japanischen Bestsellerautorin Kanae Minato gefällig geschrieben vor sich hin. Eine willkommene Gewöhnungsphase an Namen, Sprache und Lebensgefühl im Land der aufgehenden Sonne.

Dann steht da auf Seite 59 eine Botschaft, die Mihoko auf einem kleinen weißen Zettel zugespielt worden ist: "Fukase Kazuhisa ist ein Mörder." Fukase, der sich als farblosen Luftmenschen bezeichnet, beginnt, ihr eine Geschichte zu erzählen, die drei Jahre zuvor mit einer spontanen Reise von fünf Studenten in ein Chalet in den japanischen Bergen begonnen hatte.

Ein allerletzter Kaffee

Bei dieser Reise fließt Alkohol, aber als ein nachreisender Student, dessen Onkel das Chalet gehört, anruft, er sei am Bahnhof tief unten im Tal abzuholen, stellt sich die Frage "Wer fährt"? Es kommen nur zwei Studenten in Frage: Asami und Hirosawa. Doch beide haben viel getrunken. Schließlich fährt der Führerschein-Neuling Hirosawa. Fukase bereitet ihm noch köstlichen Buchweizen-Kaffee, dann fährt der junge Mann los. Er kommt nie wieder zurück, sein Auto wird später völlig zerstört in einer Schlucht gefunden. Ein Unfall.

Die vier Freunde beschließen, nichts von der Alkoholisierung zu sagen. Schwere Schuldgefühle nagen in ihnen, aber langsam wächst Gras über die Sache.

Reise in die Vergangenheit

Drei Jahre später hat nicht nur Fukase ein "Mörderschreiben", bekommen, sondern auch zwei seiner ehemaligen Kommilitonen. Doch wer ist der Absender? Fukase beginnt eine Recherchereise in die Vergangenheit. Eine Reise, die ihn seinem einst besten Freund so nahe wie nie zu Lebzeiten bringt. In 100 Sätzen über den körperlich robusten, seelisch aber höchst sensiblen Hirosawa entsteht ein spannendes Psychogramm, das sich zum Seelenstriptease ausweitet. Zum Schluss gibt es doch noch einen Mörder, wenn auch einen ohne böse Absicht.

Dabei beweist die japanische Autorin Kanae Minato ihre Meisterschaft, einem Roman erst mit dem allerletzten Satz die entscheidende Wendung zu geben.

"Schuldig" Roman von Kanae Minato, Verlag Bertelsmann, 320 Seiten, 18,50 Euro

OÖN Bewertung:

 

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19. Juli 2019