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Wirtschaftsraum OÖ

Über 50: "Ich will noch 15 Jahre arbeiten, warum darf ich nicht?"

Von Sigrid Brandstätter   07. August 2014 00:04 Uhr

LINZ. Triste Aussichten für Ältere: Wer aus dem Arbeitsprozess fällt, kommt kaum wieder hinein.

"Sobald du älter als 50 bist, bekommst du nicht einmal mehr die Chance auf einen Vorstellungstermin. 50 bedeutet die totale Blockade." Seit zwei Jahren sucht der frühere Finanzchef Andreas H.* eine neue Stelle. Der verheiratete Mann ist 53 Jahre alt, Akademiker, mit einer langen Liste an Weiterbildungen. Er schildert seine Erfahrungen bei der Suche nach einem neuen Job: "Binnen fünf Tagen kommt auf eine Bewerbung eine Absage."

Bekannte, die derzeit zwischen 45 und 50 seien, würden zumindest noch zu persönlichen Gesprächen eingeladen. Die Bewerbungsunterlagen eines über 50-Jährigen erhielten in den Personalabteilungen so viel Aufmerksamkeit wie ein Werbeprospekt: "Die werden ungelesen weggeworfen", sagt der Mann, der im südlichen Oberösterreich zuhause ist.

Ein bisschen Sarkasmus habe sich nach fast 100 erfolglosen Bewerbungen schon eingeschlichen, gibt er zu. Prinzipiell ist der Familienvater aber zuversichtlich: "Ich habe eine tolle Frau, bin gesund, will noch 15 Jahre arbeiten und habe die Qualifikationen dazu." Eine Position mit Führungsverantwortung müsse es nicht sein, "ich will in fachlichen Themen zuhause sein".

Mehr Ältere fallen heraus

Unter den Arbeitslosen ist die Generation "50 plus" nicht überrepräsentiert, weil ihr Anteil auch unter den Beschäftigten steigt – siehe Grafik. Darauf verweist die Geschäftsführerin des Arbeitsmarktservice (AMS) Oberösterreich, Birgit Gerstorfer: "Die Babyboomer-Jahrgänge ab 1963 nehmen im Arbeitskräftepotenzial zu. Unter den Arbeitslosen sind sie nicht überproportional vertreten."

Eine Trendbetrachtung über die vergangenen Monate zeigt aber, dass überproportional viele über 50-Jährige ihren Job verlieren: Der Zugang in die Arbeitslosigkeit stieg in Oberösterreich in den ersten sieben Monaten um nicht einmal ein Prozent, wenn man alle Altersgruppen betrachtet. Unter den 50- bis 54-Jährigen haben aber fast fünf Prozent mehr ihren Arbeitsplatz verloren als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Bei den 55- bis 59-Jährigen waren es 7,1 Prozent mehr.

"Erfahrung zählt nicht mehr"

Dass es für diese Altersgruppen immer schwieriger wird, nach einem Jobverlust wieder eine reguläre Beschäftigung zu finden, hat für den Finanz- und Controlling-Experten auch mit Veränderungen in den Betrieben zu tun. "In vielen Familienunternehmen übernimmt die nächste Generation das Ruder. Diese sind in der Altersgruppe zwischen 30 und 40. Die kommen vom Studium und sehen in den Firmen aus ihrer Sicht nur alte Leute, sind es aber gewohnt, mit Gleichaltrigen arbeiten."

Die Erfahrung von 35 Berufsjahren sei nichts mehr wert, hat der 53-Jährige den Eindruck. Hier sieht er auch einen Generationenkonflikt: "Ich habe das Gefühl, die Jungen tun sich im Umgang mit jemandem, der viel mehr Erfahrung hat als sie selbst, schwer." Vieles sei oberflächlich geworden.

Bei den wenigen Malen, bei denen Andreas H. tatsächlich für eine Position interviewt wurde, ging es nach zwei Minuten ums Gehalt. "Da wusste ich noch nichts über den Inhalt der Tätigkeit, was soll ich dann sagen?"

Das AMS könne einem Akademiker nicht wirklich helfen. Andreas H. hält sich mit einer geringfügigen Beratertätigkeit über Wasser. Mit Disziplin bleibt er bei der Suche: "Ich stehe um 5.45 Uhr auf, bringe meine Tochter zur Schule und ab 7.30 Uhr sitze ich am Computer. Zuerst studiere ich Jobangebote. Dann lese ich Fachartikel, treffe mich auch mit früheren Kollegen. Nach dem Mittagessen bin ich wieder am Computer."

Die Wiedereingliederungsbeihilfe (siehe unten) sieht er skeptisch: "Ich will wegen meiner Fähigkeiten genommen werden, nicht, weil ich nichts koste. Da kann mich mir ausrechnen, wie lange mich die neue Firma behält."

* Name von der Redaktion geändert

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