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Wirtschaftsraum OÖ

Eine gute Idee allein ist zu wenig

Von Sigrid Brandstätter und Susanne Dickstein   28. März 2015 00:04 Uhr

So innovativ ist Oberösterreichs industrie Eine gute Idee allein ist zu wenig
Innovations-Experte Hans Lercher

Eine Firma ist erst dann innovativ, wenn sie ihre Idee zu Geld macht, sagt Innovationsexperte Hans Lercher. Vielen, auch kleinen Betrieben gelingt das, wie die Beispiele auf den nächsten Seiten zeigen.

Hans Lercher bezeichnet sich als Hybrid-Professor, weil er Teilzeit unterrichtet und die andere Zeit oberösterreichische Industriebetriebe wie Engel, Teufelberger, Greiner und Ebewe in Sachen Innovation berät. Im Pegasus-Interview sagt er, dass die meisten Firmen ihre Kunden viel zu wenig kennen, um innovativ zu sein.

 

Nach iPod und iPad kommt jetzt die Apple-Watch. Ist Apple das innovativste Unternehmen der Welt oder bloß eine gut geölte Marketingmaschine?

Lercher: Apple wird stark von Visionen geleitet. Steve Jobs hat Anfang der 90er-Jahre über die Dinge gesprochen, die er 15 Jahre später realisiert hat. Er hat aber auch erkannt, dass er seine Kunden emotional ansprechen muss. Apple ist mehr als die Summe der Produkte, es ist eine Lebenseinstellung. Das Spannende aus Innovationssicht ist: Steve Jobs hat nie die Kunden gefragt, was sie haben wollen, weil er der Meinung war, sie wüssten es nicht. Der steirische Schokoladenfabrikant Sepp Zotter zum Beispiel hat die gleiche Einstellung. Er fragt erst gar nicht, weil keiner würde seine Schokolade mit Chili oder Grammelfett kombinieren.

Das heißt, die besten Innovationen entstehen, wenn ich meinen Kunden außer Acht lasse?

Das hängt stark von der Philosophie und dem Status der Firma ab. Ich glaube, dass es essentiell ist, seine Kunden zu verstehen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und sie genau zu beobachten. Das können Sie aber nicht Ihre Marketingleute machen lassen. Die sind zu stark darauf trainiert, möglichst quantitative Aussagen zu treffen, im Sinne von: 97,5 Prozent der Kunden wollen das Produkt in Rot. Aber die Marketer kommen kaum darauf, dass der Kunde das Produkt vielleicht ganz anders bedienen will, dass er statt einer Tastatur über den Bildschirm wischen will.

Wer im Unternehmen findet das dann heraus?

Das müssen Leute sein, die darauf geschult sind, Kunden zu beobachten. Das kann der Verkauf sein. Das können auch Entwickler sein, die zu den Kunden mitfahren. Wovon ich nichts halte, ist, den Kunden mittels Fragebogen zu befragen.

Wie gut kennen die heimischen Firmen ihre Kunden?

Ich glaube, sie kennen sie viel zu wenig. Und die Frage ist auch: Wer ist denn mein Kunde? Ein gutes Beispiel dazu kommt aus der Lebensmittelbranche: Viele Lebensmittelhersteller reden nur von drei Kunden, den Einkäufern bei Hofer, Rewe und Spar. Wenn denen ein Produkt gefällt und sie es in ihre Listung aufnehmen, glaubt der Zulieferer, er hat einen guten Job gemacht. Den Konsumenten und dessen Bedürfnisse verstehen aber wenige.

Was war die letzte große Innovation im Lebensmittelsektor?

Landhof zum Beispiel hat ein Wurstprodukt herausgebracht ohne Fleisch, was bei einer Blindverkostung nicht erkannt wird. Das ist ein großes Thema, das Produkt ist auch erfolgreich, braucht aber Zeit zum Aufbau. Wer hat schon vor 15 Jahren laktosefreie Milch gekauft? Heute steht sie in vielen Haushalten, weil wir wissen, dass 80 Prozent der Europäer eine Milchzucker-Unverträglichkeit haben.

Ist es leichter, in der Industrie innovativ zu sein als im Handel oder im Gewerbe?

Die Industrie ist bei diesem Thema weiter entwickelt. Die Unternehmen sind darauf gedrillt, laufend etwas Neues liefern zu müssen, weil ihre Produkte einem Lebenszyklus unterworfen sind. Beim Gewerbe hängt es ganz stark davon ab, ob der Unternehmer Veränderungen betreibt und mit offenen Augen durch die Welt geht. Es gibt hochinnovative Gewerbebetriebe, und es gibt solche, die sagen, ein Tischler ist seit 200 Jahren Tischler, was soll ich anders machen?

Es gibt ja kaum eine Firma, die sich nicht auf ihre Fahnen heftet, innovativ zu sein.

Weil die meisten nicht verstehen, was eine Innovation ist. Sie verwechseln kreativ mit innovativ. Eine Innovation ist eine wirtschaftlich erfolgreich umgesetzte Idee. Erst wenn ich mit meiner neuen Idee Geld verdiene, ist es eine Innovation. Ein Kunde von mir, ein israelischer Chemiekonzern, hat die Definition: "Innovation is from idea to invoice" (Anm.: "Von der Idee zur Rechnung"). Ich muss mit meinen Ideen letztlich auf dem Markt erfolgreich sein, erst dann darf ich mir das Fähnchen innovativ anheften.

Warum scheitern so viele Firmen bei Innovationen?

Viele Führungskräfte glauben, sie können Innovation an einen Mitarbeiter delegieren und sich zurücklehnen. So läuft das aber nicht. Innovation ist eine Grundeinstellung, die ein Unternehmen haben muss, vom Chef bis zum Arbeiter. Es bedeutet, sich selbst und seine Angebote permanent in Frage zu stellen, um besser zu werden. Was ganz oft falsch läuft, ist, dass die strategische Frage nicht gestellt wird: Ist das Thema, an dem ich zurzeit arbeite, auch jenes, mit dem ich in zehn Jahren Geld verdienen werde?

Sie sind auch Teilzeit in der Lehre tätig als Fachhochschulprofessor. Wie innovativ ist die Lehre?

Es gibt einen starken Trend zum Bildungs-Dumping der als Innovation verkauft wird. Das sind Anbieter, die sich alleinig auf den Studierenden ausrichten, und es diesem so einfach möglich machen, à la "Lerne, wann, wo und was du willst. Am Ende hängen wir dir schon Titel um". Das kritisiere ich sehr. Für mich ist der Studierende der Partner, aus dem ich etwas machen möchte. Mein Kunde ist aber alleinig die Wirtschaft. Es nützt nichts, wenn ich akademische Halbgebildete herausbringe, die keine Wirkung im Unternehmen entfalten können. Ich hinterfrage laufend unser Lehrangebot, die Inhalte und Didaktik, um für die Wirtschaft gut ausgebildete Mitarbeiter herauszubringen.

Zur Person

Hans Lercher (47) beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Innovation. Der TU-Absolvent war in der Industrie tätig, bevor er sich 2001 als Innovationsberater selbstständig gemacht hat (www.thinkbig.at). In Oberösterreich zählen Greiner, Ebner, Ebewe und andere Industriegrößen zu den Kunden. In Teilzeit unterrichtet er an der FH Campus 02 in Graz, wo er den Studiengang für Innovationsmanagement aufgebaut hat.

 

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